[WestG] [AKT] Jakobspilgerweg durchzieht ab 2007 Westfalen

Alexander Schmidt Alexander.Schmidt at lwl.org
Fre Aug 4 11:10:36 CEST 2006


Von: "LWL-Pressestelle" <presse at lwl.org>
Datum: 03.08.2006, 12:03


AKTUELL

Jakobspilgerweg durchzieht ab 2007 Westfalen

In Westfalen wird es ab 2007 einen durchgehenden Jakobspilger-
weg nach historischem Vorbild geben. Der ausgeschilderte, zirka 
170 Kilometer lange Wanderweg wird einer alten Fernhandelsstraße
von Osnabrück über Münster und Dortmund nach Wuppertal folgen, 
wie der Direktor des Landschaftsverbandes Westfalen-Lippe (LWL), 
Dr. Wolfgang Kirsch, am Donnerstag (3.8.) in Münster mitteilte. Er 
kündigte außerdem für Mitte nächsten Jahres einen Wanderführer
(zirka 15 Euro, auch für Radwanderer) an, der die historischen 
Wege, die über 1.000 Jahre alte Tradition der Pilgerreise nach
Santiago de Compostela (Spanien) und die Sehenswürdigkeiten 
entlang der Trasse in Westfalen beschreibe.

Der Wanderweg ist das Ergebnis fünfjähriger Forschung der 
Altertumskommission für Westfalen, die der LWL finanziert. Die
Kosten für dieses Projekt lägen bei zirka 38.000 Euro, hieß es. 

Die Trasse von Osnabrück nach Wuppertal (über Lengerich, 
Ladbergen, Münster, Herbern, Werne, Cappenberg, Lünen
Dortmund, Hohensyburg, Herdecke, Gevelsberg, Schwelm) 
werde jetzt mit den Gemeinden vor Ort abgestimmt und bis
zum Frühjahr mit der charakteristischen Jakobsmuschel 
(europaweit gelb auf blauem Grund) ausgeschildert.

In Wuppertal-Beyenburg schließt eine Jakobspilger-Wander-
route an, die der Landschaftsverband Rheinland (LVR) über 
Köln und Aachen bis nach Belgien ausgearbeitet hat. Ein 
Anschlussprojekt im Norden wird voraussichtlich 2007 den 
Weg von Osnabrück durch Norddeutschland bis zum Baltikum
fortführen.

Zwei weitere Strecken in Westfalen von Corvey (Kreis Höxter) 
über Paderborn und Soest nach Dortmund (2008) und von 
Marburg über Siegen nach Köln (2007) sind die nächsten 
Projekte der Altertumskommission von Westfalen, so ihr 
Vorsitzender Prof. Dr. Torsten Capelle. Das Projekt wolle die 
mittelalterlichen Wege und die Spuren der Jakobspilger in 
Westfalen möglichst genau rekonstruieren: "Es gab für die 
Pilger in Westfalen und anderswo keine eigenen Wege, im 
Gegenteil: Sie suchten aus Angst vor Überfällen stark 
frequentierte, bekannte Trassen."

Die Pilgerfahrt zum Grab des Apostels Jakobus des Älteren im 
über 2.000 Kilometer entfernten nordspanischen Santiago de
Compostela hat eine Tradition, die bis ins Mittelalter zurückgeht.
Man versprach sich die Heilung von Körper und Seele als Lohn 
für den Besuch der Kultstätte. 

Aus ganz Europa kamen Pilger, Männer und Frauen aus allen 
Schichten, nach Spanien, zu Fuß oder zu Pferd. Als Beleg und 
Erkennungszeichen diente die Jakobsmuschel, die jeder Pilger
in Santiago erstehen konnte und deutlich sichtbar an der Kleidung 
oder Umhängetasche trug.

"Seit einigen Jahren erlebt die Pilgerfahrt eine Renaissance, nicht
erst, seit TV-Stars wie Hape Kerkeling sich auf den Weg machten: 
2004 zählte man in Santiago 180.000 registrierte Fußpilger ", so 
LWL-Direktor Kirsch. Bereits 1987 hatte der Europarat dazu auf-
gerufen, die Jakobspilgerwege in Europa zu erforschen. 1993 
erklärte die UNESCO den Weg zum Weltkulturerbe.

Der entstehende Wanderweg in Westfalen ist nach Angaben der
Projektleiterin Ulrike Spichal weitgehend an historisch belegte Weg-
führungen angelehnt. Spichal: "Wir haben Reste von Hohlwegen 
gefunden, die sich durch die schweren Fuhrwerke ins Gelände
eingegraben hatten. Zollstationen, die wir nachweisen konnten, 
waren für den Wanderer keine Hindernisse, denn Pilger waren 
vom Wegezoll befreit. Zahlreich sind die Hinweise auf mögliche 
Herbergen wie Klöster und Spitäler."

Kloster Cappenberg zum Beispiel besaß ein Hospital, in dem 
vermutlich auch Pilger auf dem Weg nach Santiago Unterkunft 
fanden. In Osnabrück wurde nicht nur ein durchreisender Pilger
bestattet, es gab hier auch eine Jakobikapelle und ein St. Jakobi-
Gasthaus, das mittellosen Pilgern für maximal zwei Nächte 
Unterkunft bot.
 
Überregionale und lokale Kultstätten konnten die Wegewahl 
mittelalterlicher Pilger durchaus beeinflussen. So werden zum 
Beispiel ein wundertätiges Marienbild in Lengerich und die Petri-
kirche auf der Hohensyburg, die im Mittelalter eine eigene kleine 
Wallfahrt besaßen, auch Jakobspilger angezogen haben. 
Ankunft in Santiago und Rückkehr nach Hause waren bei den 
damaligen Verhältnissen durchaus nicht gewährleistet, so dass 
es wichtig war, auf dem Weg immer wieder für einen guten 
Verlauf des weiteren Weges zu beten. 

Über Jakobspilger, die aus Westfalen stammen, sei nur wenig
bekannt, so die Forscherin. Bekanntester westfälischer Pilger 
ist Bischof Anno aus Minden, der sich in den Jahren 1174 und 
1175 auf den Weg nach Santiago de Compostela machte, das 
damals als Pilgerort gleichrangig neben Rom und Jerusalem stand.

Durch eine Pilgerreise konnten Verbrecher auch ihrer Strafe 
entgehen, wenn ein Gericht sie dazu verurteilte. "Bettler, Räuber 
und Steuerhinterzieher im Pilgergewand haben zusammen mit den 
Strafpilgern die Pilgerfahrt im Laufe der Zeit in Verruf gebracht. 
Jakobsbrüder wurden vielerorts mit Gesindel gleichgestellt. In 
Herford, einer wichtigen Sammelstation für Pilger in Westfalen, 
soll die Jakobikirche 1530 wegen der Jakobspilger, die den Status
für ihre Zwecke ausgenutzt haben, geschlossen worden sein",
erläutert Spichal. Für mittellose Menschen war jedoch eine Pilger-
reise oft die einzige Möglichkeit, die Heimat zu verlassen. 
Wohlhabende konnten das Pilgern auch delegieren und einen 
Berufspilger mieten.