[WestG] [AUS] "Aufbau West" im LWL-Industriemuseum Zeche Zollern II/IV, Dortmund, 18.09.2005-26.03.2006

Alexander Schmidt Alexander.Schmidt at lwl.org
Don Okt 27 17:15:15 CEST 2005


Von: "Evelyn Zerbe", <Evelyn.Zerbe at lwl.org>
Datum: 13.09.2005, 14:27


AUSSTELLUNG

"Aufbau West" im LWL-Industriemuseum Zeche Zollern II/IV
Ausstellung markiert Weg von der Vertreibung zum Wirtschaftswunder

Über zehn Millionen Flüchtlinge und Vertriebene kamen nach 1945 in die 
westlichen Besatzungszonen. Von vielen Einheimischen zunächst als Last
empfunden, trieben sie bald den wirtschaftlichen Wiederaufbau mit voran. 
"Die Menschen aus dem Osten haben maßgeblich zum hiesigen 
Wirtschaftswunder beigetragen", erklärte Prof. Karl Teppe, Kulturdezernent 
des Landschaftsverbandes Westfalen-Lippe (LWL), am 13.09.2005 bei der 
Vorstellung der Ausstellung "Aufbau West" im Westfälischen Industriemuseum 
Zeche Zollern II/IV. Die Schau in Dortmund vom 18.09.2005 bis 26.03.2006 
zeigt, wie die Menschen aus Ost und West den schwierigen Neuanfang 
bewältigten, die Produktion in Fabriken und Bergwerken wieder in Gang setzen 
und in Betrieben und Siedlungen zueinander fanden.
 
Schwerpunkt der Ausstellung ist die Entwicklung in Nordrhein-Westfalen,
wo Ende der 1950er Jahre fast jeder fünfte Einwohner aus dem Osten kam. 
"Der Beitrag von Flüchtlingen und Vertriebenen am Wiederaufbau ist bislang
kaum beachtet worden. Die Ausstellung schließt damit eine wichtige Lücke in 
der Aufarbeitung der Geschichte unseres Landes", so Teppe. Darüber hinaus 
gebe "Aufbau West" Denkanstöße für die heutige Debatte um Migration und 
Integration.

300 Objekte sowie zahlreiche historische Fotos, Film- und Tondokumente 
begleiten die Besucher auf der Zeitreise von 1945 bis in die 1960er Jahre. Das 
Spektrum reicht vom Streichholzbriefchen bis zum Drahtwebstuhl, vom 
Glasknopf bis zum Altarbild, vom historischen Radiobeitrag bis zum Straßenschild. 
Unter den Exponaten sind auch viele persönliche Erinnerungsstücke, denn die 
Ausstellung lenkt den Blick immer wieder auf einzelne Schicksale. In biografischen 
Stationen wurden insgesamt 40 Lebensgeschichten wurden in Szene gesetzt.
"Wir haben zahlreiche Flüchtlinge und Vertriebene zu ihren Erfahrungen befragt, 
zur Flucht, zur Ankunft im Westen, den Jahren des Wiederaufbaus, ihrem 
Arbeitsleben und dem heutigen Verhältnis zur alten Heimat", so Projektleiterin 
Dr. Dagmar Kift vom Westfälischen Industriemuseum. 

Den Rahmen für diese Lebensgeschichten bildet die wirtschaftliche Entwicklung in
sechs Branchen. An den Beispielen Montanindustrie, Bauwirtschaft, Textil- und 
Bekleidungsindustrie, Glasherstellung und Maschinenbau macht die Ausstellung 
die Ausmaße und Folgen des Ost-West-Transfers deutlich. So wurde etwa ein 
Großteil der 800.000 Bergleute, die bis 1954 an Ruhr und Emscher neu eingestellt 
wurden, gezielt aus den Flüchtlings-Aufnahmeländern angeworben. Viele warfen
jedoch angesichts der schweren Arbeit schnell wieder das Handtuch. Dagmar Kift:
"Um die Beschäftigten dauerhaft zu halten, modernisierte der Ruhrbergbau in den 
1950er Jahren seine betriebliche Sozialpolitik und entwickelte eine neue Kulturpolitik."

Am Beispiel zweier Siedlungsprojekte in Dortmund und Nordwalde (Kreis Steinfurt) 
zeigt "Aufbau West" die Integrationspolitik in Nordrhein-Westfalen: In den neuen 
Siedlungen wurden Einheimische und Zugewanderte bewusst gemeinsam untergebracht.

Mit Know-how und Fachkräften aus dem ostdeutschen Raum, wo traditionell die 
Kristall- und Spezialglasindustrie heimisch war, erhielt die westdeutsche Glasindustrie 
nach dem Krieg eine neue Struktur. In Rheinbach bei Bonn fand die nordböhmische 
Glasveredelungsindustrie ein neues Zuhause, Jenaer Glas kam jetzt aus Mainz. In der 
Textilindustrie erweiterten Flüchtlinge und Vertriebene nach dem Krieg die heimische 
Produktpalette, indem sie etwa Gardinen und Damenstrümpfe herstellten - Dinge, die 
vorher ausschließlich aus dem Osten kamen. Als neuen Standort für die 
Bekleidungsindustrie stellt die Ausstellung die Ruhrgebietsstadt Gelsenkirchen vor. Mit 
über 50 Firmen - viele davon angeworben aus Breslau, Stettin und Lodz - und rund 
7.000 meist weiblichen Beschäftigten wurde die neue Branche Mitte der 50er Jahre 
zum fünften Standbein der Gelsenkirchener Industrie. 

Vor dem Zweiten Weltkrieg vor allem in Mitteldeutschland zu Hause, profitierte auch 
der Maschinenbau nach 1945 in erheblichem Maße vom "Osttransfer": Zahlreiche 
Firmen und Fachkräfte siedelten um und bauten sich dort eine Existenz auf, wo alte 
Fabrikhallen standen oder Platz für neue war. Die Kehrseite der Entwicklung markiert 
Dagmar Kift so: "Der Wiederaufbau des Maschinenbaus unter erheblicher Beteiligung 
ehemals ostdeutscher Firmen stärkte die Wirtschaft Westdeutschlands, verhinderte 
nach 1990 aber genau wie in der Textilindustrie ein Wiederanknüpfen an die alte
regionale Arbeitsteilung."

Heute erinnern vielfältige Spuren an die Zeit des "Aufbau West". Wer einen Audi fährt, 
Kaiser-Backformen in den Ofen schiebt und sich mit Odol den Mund spült, benutzt 
Produkte von Firmen, die ursprünglich im Osten angesiedelt waren und nach 1945 in 
den Westen übersiedelten. Neben solchen Konsumgütern weisen Siedlungen, 
Straßenschilder und Denkmäler sowie Städtepartnerschaften auf die Zuwanderung hin. 
Schirmherrin Dr. Christina Weiss, Beauftragte der Bundesregierung für Kultur und 
Medien, fasst die Leistung von "Aufbau West" im Grußwort zum Katalog so zusammen:
"Die Ausstellung holt Erinnerungen aus der Binnenwelt regionaler und lokaler Heimatstuben 
heraus und verknüpft sie mit der Erfolgsgeschichte der Bundesrepublik." 

Zur Ausstellung gibt es zahlreiche Begleitveranstaltungen - von Vorträgen über Lesungen
bis zum Heimatfilmabend. Für Schulklassen wurden eigene museumspädagogische 
Programme entwickelt. Interessenten können dazu eigene Faltblätter anfordern 
(0231 6961-0). Für Einzelbesucher hat das Ausstellungsteam ein eigenes Quiz entwickelt. 
Alle Informationen auch im Internet unter www.ausstellung-aufbau-west.de. 


INFO

Aufbau West. Neubeginn zwischen Vertreibung und Wirtschaftswunder
18.9.2005 bis 26.3.2006

Westfälisches Industriemuseum Zeche Zollern II/IV
Grubenweg 5
44388 Dortmund

Geöffnet Dienstag bis Sonntag 10 bis 18 Uhr
Besucherservice: Tel. 0231 6961-0
Eintritt: Erwachsene 5 €, ermäßigt 3 €, Kinder 2 €
Katalog, 287 Seiten, Klartext Verlag Essen, 19,90 €