[WestG] [LIT] Elling-Ruhwinkel, Elisabeth: Sichern und Strafen, Das
Arbeitshaus Benninghausen (1871-1945)
Alexander Schmidt
Alexander.Schmidt at lwl.org
Mon Mar 14 14:16:16 CET 2005
Von: "Thomas Küster", thomas.küster at lwl.org
Datum: 10.03.2005 11:04
LITERATUR
Elisabeth Elling-Ruhwinkel
Sichern und Strafen
Das Arbeitshaus Benninghausen (1871-1945)
Verlag Ferdinand Schoeningh, Paderborn 2005
(= Forschungen zur Regionalgeschichte, Bd. 51).
446 Seiten, Festeinband, € 46,40.
ISBN 3-506-71344-2
(Bezug ueber den Buchhandel !)
Das zeitgenoessische Urteil ueber die Arbeitshaeuser des 19.
Jahrhunderts ließ an Deutlichkeit nichts zu wuenschen uebrig.
Selbst Experten bezeichneten die Menschen in den
Arbeitshaeusern "als moralisch viel tiefer stehend als die Insassen
der Zuchthaeuser". Ja es gebe "keine schlimmere, keine fuer die
Sicherheit gefaehrlichere Bevoelkerung als jene, die in
Arbeitsuntaetigkeit, Liederlichkeit und Trunk versunken" sei.
Auch die Provinz Westfalen hatte 1821 in Benninghausen bei
Lippstadt ein solches Arbeitshaus zur Erziehung sozialer
Außenseiter eingerichtet.
Bettler, Landstreicher, Prostituierte, Geschlechtskranke, Trinker,
"unwuerdige" Fuersorgeempfaenger, Unterhaltsverweigerer,
Arbeitsscheue, schwer erziehbare Jugendliche, Zwangsarbeiter,
Kriegs- und Strafgefangene wurden hier bis in die 1950er Jahre
zwangsweise untergebracht. Allen Internierten war gemeinsam,
dass sie gegen den gesellschaftlichen Grundkonsens der
Arbeitsamkeit verstießen. Solches Verhalten zu bestrafen, die
Insassen durch Arbeitspflicht, strenge Aufsicht und einen
Vollzug zu bessern, der in mehrfacher Hinsicht haerter war als im
Gefaengnis, kurz: den Fuersorgestaat durch Abschreckung vor
Missbrauch zu schuetzen – das waren die Ziele und Aufgaben der
Arbeitsanstalten, die in Preußen von den Provinzen unterhalten
wurden. Die Disziplinierung und Ausgrenzung solcher
Randgruppen war dabei eine kulturhistorische Konstante, die
den Untersuchungszeitraum durchzog, jedoch in den
verschiedenen politischen Systemen – Kaiserreich, Weimarer
Republik, NS-Staat – hoechst unterschiedlich ausgepraegt war.
Die Autorin Elisabeth Elling-Ruhwinkel hat in der vom
Westfaelischen Institut fuer Regionalgeschichte (WIR)
herausgegebenen Reihe "Forschungen zur Regionalgeschichte"
nunmehr eine Studie vorgelegt, die den Zusammenhang
zwischen solchen gesellschaftlichen Erwartungen, allgemeinen
sozialen Problemlagen und individuellen Schicksalen
beschreibt. Ein besonderer Schwerpunkt der Arbeit liegt auf der
NS-Zeit. Die Autorin fragt hier insbesondere nach Konkurrenz
und Kooperation zwischen der Wohlfahrtsbuerokratie der
Provinz und dem NS-spezifischen Zugriff des Staates auf die
"Asozialen", die ab 1939 auch ins Konzentrationslager gesperrt
werden konnten. Die Studie versteht sich als eine
Anstaltsgeschichte, die von uebergeordneten Fragestellungen
ausgeht und am regionalen Beispiel auf sozial-, kultur-, rechts-
und politikgeschichtliche Aussagen zielt.
INFO
Die Autorin:
Dr. Elisabeth Elling-Ruhwinkel, geb. 1968, ist Historikerin
und Journalistin; sie arbeitet als Redakteurin einer
Tageszeitung.