[WestG] [AKT] Filmbiographie: "Lebensunwert", Psychatrie im "Dritten Reich"

Alexander Schmidt Alexander.Schmidt at lwl.org
Don Mar 10 10:46:10 CET 2005


Von: "LWL-Pressestelle", <presse at lwl.org> 
Datum: 07.03.2005 15:18 


AKTUELL


Filmbiographie ueber die langen Schatten der Psychiatrie des 'Dritten Reiches"'

Der Landschaftsverband Westfalen-Lippe (LWL) hat am Montag (7.3.) in Muenster 
einen neuen Film mit dem Titel "Lebensunwert" ueber die NS-Psychiatrie 
vorgestellt. Der 45-minuetige Film von Robert Krieg und Monika Nolte zeichnet am 
biographischen Beispiel Paul Brunes die Psychiatrie in der Nazi-Zeit nach, aber 
auch ihre dunkle Kontinuitaet bis fast in die Gegenwart. Das Portraet des heute 
69-Jaehrigen  hat das LWL-Landesmedienzentrum gemeinsam mit dem WDR produziert 
und als DVD herausgegeben.

Paul Brune wurde 1943 als Achtjaehriger in die so genannte Kinderfachabteilung 
der Provinzialheilanstalt Dortmund-Aplerbeck eingewiesen. Hinter der 
Beschoenigung "Kinderfachabteilung" verbarg sich eine der Toetungsstationen der 
"Kindereuthanasie", die allein in Westfalen ueber 200 Saeuglinge, Kinder und 
Jugendliche traf. Gleichzeitig gingen von Dortmund-Aplerbeck wie von der Klinik 
Marsberg (Hochsauerlandkreis), wohin Brune spaeter verlegt wurde, auch die 
Transportaktionen im Rahmen der Erwachsenen-"Euthanasie" aus. Ihr fielen ueber 
5.000 westfaelische Patienten zum Opfer. Die Einrichtungen in Aplerbeck und 
Marsberg befanden sich wie alle Landesheilanstalten der Provinz Westfalen in der 
Traegerschaft des Provinzialverbandes, Vorlaeufer des LWL. 

Mit Glueck ueberlebte Paul Brune die Massenmorde der NS-Psychiatrie, doch zu 
einem 
hohen Preis: Die Stigmatisierung, "lebensunwert" zu sein, wurde er nie mehr los. 
Als angeblicher Psychopath blieb er auch nach Kriegsende gegen seinen Willen in 
der Psychiatrie und musste erleben, dass die Misshandlungen an Patienten dort 
praktisch unveraendert weiter gingen. 

Erst 1957 hob ein Gericht die Entmuendigung von Brune auf. Er arbeitete hart 
fuer 
ein neues Leben, studierte und wollte Lehrer werden. Doch am Ende seines 
Studiums holte ihn seine alte "Irrenhausakte" wieder ein. Ein Amtsarzt 
attestiert ihm "asoziales Verhalten infolge Erbanlage". Brune, der heute in 
Bochum lebt,  erkaempfte sich zwar noch sein zweites Staatsexamen, der 
Weg in den Schuldienst aber blieb ihm verwehrt.

"Die Biographie Paul Brunes ist in vielen Punkten erschreckend typisch fuer den 
Umgang der bundesrepublikanischen Gesellschaft mit den Opfern der NS-
Rassenhygiene und fuer die Zustaende in der Psychiatrie der Nachkriegszeit 
insgesamt", so Dr. Markus Koester, Leiter des Westfaelischen 
Landesmedienzentrums. 
Katastrophale Unterbringungsbedingungen, menschenunwuerdige 
Behandlungsmethoden", 
das Verschweigen und Verdraengen der nationalsozialistischen 
Psychiatrieverbrechen und skandaloese personelle Kontinuitaeten unter 
der AErzteschaft haetten bis weit in die Zeit der Bundesrepublik hinein 
angedauert.

Die Verbrechen des Dritten Reiches im Zeichen der "Rassenhygiene" und der 
"Vernichtung unwerten Lebens" gehoeren zu den lange wenig beachteten Kapiteln 
deutscher Zeitgeschichte. Was 1934 mit massenhaften Zwangssterilisationen 
begann, endete seit 1939 nach Schaetzungen fuer ueber 200.000 Menschen mit der 
Ermordung in der so genannten Euthanasie. Die Opfer dieser Verbrechen zaehlen 
noch immer zu den weitgehend vergessenen Opfergruppen. Sie selbst und ihre 
Angehoerigen sind haeufig bis heute traumatisiert und stigmatisiert.

Koester: "Erst die gesellschafts- und dann auch psychiatriegeschichtliche Zaesur 
im Gefolge von ‚1968' machte den Weg fuer eine kritische Reflexion der 
Verstrickung in die NS-Verbrechen frei. Dies gilt auch fuer die Psychiatrie im 
Bereich des Landschaftsverbandes. Nachdem hier bis in die 1970er Jahre sowohl im 
Anstaltsalltag als auch im Umgang mit der NS-Vergangenheit eklatante Defizite zu 
konstatieren waren, setzte parallel zur Psychiatriereform die Aufarbeitung 
der eigenen Geschichte ein."

Ihren vorlaeufigen Abschluss erreichte diese Aufarbeitung in der Verpflichtung, 
alle noch lebenden Opfer fuer das Unrecht um Entschuldigung zu bitten, das sie 
in 
den psychiatrischen Einrichtungen des LWL waehrend des Nationalsozialismus und 
der Nachkriegsjahre erlitten haben.

LWL-Direktor Wolfgang Schaefer hatte sich im Januar 2003 offiziell bei Paul 
Brune 
entschuldigt. Bei der Filmpremiere am Montagabend in Muenster machte Schaefer 
deutlich, dass "Leid und Unrecht nicht rueckgaengig zu machen sind, die 
Verbrechen 
der Vergangenheit uns aber jetzt und in Zukunft verpflichten, psychisch kranke 
und geistig behinderte Menschen zu unterstuetzen und das gesellschaftliche Klima 
so zu gestalten, dass sie mit uns gemeinsam ein menschenwuerdiges Leben fuehren 
koennen."

Die DVD richtet sich insbesondere an die schulische und außerschulische 
Bildungsarbeit, um dort sowohl fuer eine historische Auseinandersetzung mit dem 
Thema "Euthanasie" als auch fuer einen Einstieg in dessen aktuelle Bezuege zur 
Verfuegung zu stehen. Das Filmportraet Paul Brunes wird deshalb auf der DVD 
ergaenzt durch ein Interview mit dem leitenden Chefarzt der LWL-Kinder- und 
Jugendklinik Marsberg, Dr. Falk Burchard, in dessen Vorgaengereinrichtung Paul 
Brune mehrere Jahre untergebracht war. Burchard lenkt den Blick auf die 
beunruhigende Aktualitaet vieler Aspekte des Themas: von der disziplinierenden 
Funktion, die die Psychiatrie auch heute noch hat, ueber die Debatten um Chancen 
und Risiken der Humangenetik bis zu den in Zeiten knapper Kassen immer wieder 
aufbrechenden Kosten-Nutzen-Diskussionen im Gesundheitswesen.

Zur DVD gehoert auch ein 30-seitiges Begleitheft: Es enthaelt neben einer 
biographischen Skizze Paul Brunes einen Beitrag des Historikers Prof. Dr. Franz 
Werner Kersting, der die Brueche und Kontinuitaeten der westfaelischen und 
deutschen Psychiatriegeschichte zwischen NS-Zeit und den 
1970er Jahren beleuchtet. Im letzten Teil des Hefts findet sich zudem eine 
Zusammenstellung von weiteren Medien und didaktischen Materialien, die sich zur 
Behandlung des Themas im Unterricht verwenden lassen.


INFO

Die DVD ist beim LWL zum Preis von 14,90 Euro zuzueglich 2,60 Euro Versandkosten 
(ohne die Lizenz zur oeffentlichen Vorfuehrung und zum Verleih) bzw. 45 Euro 
(mit 
der Lizenz zur nichtgewerblichen oeffentlichen Vorfuehrung und zum 
nichtgewerblichen Verleih) erhaeltlich: 

Westfaelisches Landesmedienzentrum
48133 Muenster
medienzentrum at lwl.org
Tel: 0251 591 3902.