[WestG] [AKT] Buecher auf dem Behandlungstisch, "Reine Werkbank" in der ULB Muenster

Alexander Schmidt Alexander.Schmidt at lwl.org
Don Mar 10 09:17:01 CET 2005


Von: "Pressestelle der Uni Muenster", <pressestelle at uni-muenster.de>
Datum: 07.03.2005 11:10


AKTUELL

Bücher auf dem Behandlungstisch
"Reine Werkbank" in der Universitäts- und Landesbibliothek Münster


Seit Anfang März verfügt die Buchbinderwerkstatt der
Universitäts- und Landesbibliothek Münster (ULB) über eine
"Reine Werkbank". Dank spezieller Absaugeinrichtungen und Filter zur
Luftreinhaltung wird durch sie eine gefahrlose und umweltgerechte
Behandlung schadhafter Bücher erleichtert. Mit dieser Maßnahme
zieht die Universität die notwendigen Konsequenzen aus der in den
letzten Jahren zunehmend strengeren Rechts- und Verordnungspraxis im
Bereich des Gesundheits- und Arbeitsschutzes.

"Schmutz und Staub sind nicht nur eine lästige und unschöne
Begleiterscheinung der Buchlagerung, sondern sie bilden auch einen
idealen Nährboden für Schimmelpilze und Schädlingsbefall",
betont Reinhard Feldmann, Leiter der Abteilung 'Historische Bestände
in Westfalen' bei der ULB Münster. Das schaffe, so der Fachmann,
Probleme bei der Restaurierung gerade älterer und beschädigter
Bücher. Neben dem Schaden am Buch gerät hier auch die Gesundheit
von Mitarbeiterinnen und Mitarbeitern und letztlich auch die der
Benutzerinnen und Benutzer in den Blick. Vor jeder Bearbeitung
müssen daher Maßnahmen zur Vermeidung von Gesundheitsrisiken
getroffen werden. Alle Bücher werden auf mikrobakteriellen Befall
hin überprüft und gereinigt.

Dank der "Reinen Werkbank" kann mittels eines gezielten Abluftsystems
die durch das Abbürsten, Abwischen oder Abschaben des Befalls
kontaminierte Luft entsorgt werden. Gesetzliche Grundlagen für diese
Investition sind die "Verordnung über Sicherheit und
Gesundheitsschutz bei Tätigkeiten mit biologischen Arbeitsstoffen"
(Biostoffverordnung) von 1999 und das "Gesetz über die
Durchführung von Maßnahmen des Arbeitsschutzes zur Verbesserung
der Sicherheit und des Gesundheitsschutzes der Beschäftigten bei der
Arbeit" (Arbeitsschutzgesetz) von 1996.

Abgesehen vom Arbeits- und Gesundheitsschutz dient die "Reine
Werkbank" als Hilfsmittel bei der Bearbeitung staubbelasteten
Schriftguts und dem professionellen Umgang mit Chemikalien. "Die neuen
Einrichtungen helfen uns sehr bei unserer Arbeit der Restaurierung und
Erhaltung historisch bedeutsamer Buchbestände", so Feldmann, der bei
der Restaurierung alter Bücher Bibliotheken in ganz Westfalen mit
Rat und Tat zur Seite steht. Die Universitäts- und Landesbibliothek
Münster mit ihrer klassischen Buchbinderwerkstatt und einer
hauseigenen Restaurierungswerkstatt bildet das Zentrum für die
Bearbeitung der älteren, wertvollen und schützenswerten
Buchbestände im Raum Westfalen. Sie arbeitet für die Bestände
der ULB, die Institute der Universität sowie die historisch
wertvollen Sammlungen in Westfalen. Hier werden konservatorische
Maßnahmen durchgeführt, Mitarbeiter von "auswärts" beraten,
Schutzschuber angefertigt sowie Teil- und Vollrestaurierungen
beschädigter Bücher vorgenommen.

Mit dem Bibliotheksbrand in Weimar im letzten Jahr ist auch die Arbeit
der Buchrestauratoren stärker in das öffentliche Bewusstsein
gerückt. Brandschäden wie in Weimar sind schrecklich, aber
letztlich nur ein kleiner Teil der Probleme, mit denen sich
Buchrestauratoren herumschlagen müssen. Der Alltag der Fachleute ist
weitaus weniger spektakulär und dreht sich vornehmlich um den
schleichenden Verfall wertvoller Bestände, die in Regalen und
Dachböden verstauben und verschimmeln oder sich durch schlechte
Papierqualität zersetzen. "Bestandserhaltung ist in den letzten
beiden Jahrzehnten zu einem der wichtigsten Themen des internationalen
Bibliothekswesens geworden", konstatierte kürzlich der ehemalige
Generaldirektor der Staatsbibliothek zu Berlin, Dr. Antonius Jammers.
Zur Bestandserhaltung gehören alle Maßnahmen zum Schutz der
Bibliothekaren anvertrauten Bücher und sonstigen Medien, die auf
Dauer als erhaltungswürdig erachtet worden sind.

Die verschiedenen Problemfelder der Bestandserhaltung machen das
Arbeitsfeld der Fachleute vielgestaltig: Neben der Einzelrestaurierung
kümmert man sich vor allem um die Planung und Organisation, die
Massenentsäuerung, die passive Konservierung, Fundraising,
Sponsoring und Öffentlichkeitsarbeit für Bestandserhaltungsfragen,
das Papierspaltverfahren, die Notfallvorsorge und die
konservatorischen Rahmenbedingungen bei Ausstellungen sowie die
Verfilmung und Digitalisierung der älteren, wertvollen,
schützenswerten und vom Papierzerfall bedrohten Bestände.

Bei aller Freude über die neue "Reine Werkbank" sieht Reinhard
Feldmann von der ULB Münster aber keinen Grund zur Entwarnung. Nicht
immer können wertvolle Kulturschätze vollständig gerettet
werden. Schmutz- und Schimmelbefall sind meist auf unsachgemäße
Lagerung und unzureichende Klimatisierung zurückzuführen. "Dabei
muss man auch an die Ursachen heran, an die Sanierung der Gebäude,
und nicht nur an die Restaurierung der Bestände", fordert der
Fachmann.


INFO

Weitere Informationen: 
Reinhard Feldmann
Telefon 0251/83-24081
E-Mail: feldmre at uni-muenster.de. 

Weitere Literatur und Links im von
der ULB Münster initiierten und gestalteten nationalen
Internetportal: http://www.forum-bestandserhaltung.de. 

Technische Regeln für Biologische Arbeitsstoffe, Schutzmaßnahmen bei
Tätigkeiten mit mikrobiell kontaminiertem Archivgut (TRBA 240) URL:
hhtp.//www.baua.de/prax/abas/trba240.pdf.).

Link: Universitäts- und Landesbibliothek Münster
(http://www.uni-muenster.de/ULB/)