[WestG] [AUS] Industriearchitekt Sidney Stott, Bocholt, ab 26.06.2005
Marcus Weidner
Marcus.Weidner at lwl.org
Don Jun 23 13:46:03 CEST 2005
Von: "Evelyn Zerbe" <Evelyn.Zerbe at lwl.org>
Datum: 23.06.2005, 12:28
AUSSTELLUNG
Siegeszug des englischen Spinnereibaus begann mit "Bocholt Disaster"
Ausstellung im LWL-Textilmuseum über den Architekten Sidney Stott
Sidney Stott gilt als einer der erfolgreichsten Industriearchitekten um 1900. 128 Spinnereibauten realisierte der Brite weltweit, allein 17 davon in der deutsch-niederländischen Grenzregion. Unter dem Titel "Cotton mills for the continent - Sidney Stott und der englische Spinnereibau in Münsterland und Twente" widmet sich ein internationales Ausstellungsprojekt zum ersten Mal ausführlich dem Architekten Stott und dem modernen Fabrikbau zur Blütezeit der Textilindustrie im späten 19. und frühen 20. Jahrhundert. Zweite Station ist ab dem 26. Juni das Textilmuseum des Landschaftsverbandes Westfalen-Lippe (LWL) in Bocholt. Dort ist die Ausstellung bis zum 6. November zu sehen.
"Mit diesem Gemeinschaftsprojekt haben wir ein bislang kaum dokumentiertes, wichtiges Kapitel der regionalen Textilgeschichte ans Tageslicht geholt", kommentierte Museumsleiter Dr. Hermann Josef Stenkamp, der heute (23.6.) die Ausstellung, das Begleitprogramm (s. u.) und den druckfrischen, zweisprachigen Katalog vorstellte. Projektpartner sind neben dem Westfälischen Industriemuseum in Bocholt das Textilmuseum Rheine und das Museum Jannink in Enschede (NL).
Stotts Erfolgsgeschichte auf dem Kontinent begann mit einem Desaster: Beim Besuch auf der Baustelle der Spinnerei Beckmann in Bocholt am 9. Oktober 1895 begutachtete der Brite kurz zuvor festgestellte Risse im Rohbau - zu spät: Ein Säulenfundament gab nach, Teile des Gebäudes stürzten ein und begruben 22 Menschen unter sich, 16 weitere wurden schwer verletzt. Der Architekt und einige weitere Personen konnten sich in letzter Minute durchs Kellerfenster retten. Stott wurde zunächst verhaftet, konnte im Prozess aber seine Unschuld beweisen. Der Brite hatte nur die Pläne für die neue Spinnerei geliefert. Fabrikbesitzer Franz Beckmann hingegen wurde wegen fahrlässiger Tötung zu neun Monaten Haft verurteilt: Er hatte auf die Bauaufsicht durch einen Architekten verzichtet und Stotts Pläne eigenmächtig geändert.
In England ging der 9. Oktober 1895 unter dem Namen "Bocholt Disaster" in die Annalen ein. Dem Siegeszug des modernen englischen Spinnereibaus tat das Unglück aber keinen Abbruch. Denn mit ihrem Eisenträgerskelett und einer feuersicheren Bauweise galten die Backsteingebäude als modernste ihrer Zeit.
Zwei Entwicklungen lösten ab 1880 auf dem Kontinent einen regelrechten Bauboom in der Textilindustrie aus: Erstens erweiterten heimische Unternehmer - ermutigt durch den kon-junkturellen Aufwind - ihre Produktion. Auch viele neue Betriebe siedelten sich an. Größer und höher sollten die Spinnereien werden, um die großen Spinnmaschinen mit bis zu 1300 Spindeln zu beherbergen. Der Textilmaschinenbau galt als Trendsetter des Sektors. Zweitens waren im 19. Jahrhundert Großbrände in Spinnereien an der Tagesordnung, denn die starke Staubentwicklung und Flusenbildung bei der Baumwollaufbereitung bedeuteten eine ständige Brandgefahr. Stenkamp: "Nahezu jede dritte Spinnerei im Westmünsterland und der niederländischen Region Twente fiel damals den Flammen zum Opfer. Das machte viele feuersichere Neubauten erforderlich."
Der moderne Spinnereihochbau
Im Gegensatz zu den herkömmlichen Fabriken, deren Konstruktion im Inneren weitgehend aus Holz bestand, boten die in England entwickelten Bauten mit feuerfesten Trägerdecken, Feuertreppen und Sprinkleranlagen größtmögliche Sicherheit. Die hohen Türme für die Sprinklerbehälter wurden mit ihrer aufwändigen Gestaltung zu weithin sichtbaren Landmarken dieser neuen Industriearchitektur.
Ein weiteres Signum des modernen englischen Spinnereibaus waren neuartige Stütz- und Deckenkonstruktionen. Stenkamp: "Die Architektenfamilie Stott war an der Entwicklung un-mittelbar beteiligt. Erst diese Bauweise ermöglichte den Bau von drei- bis viergeschossigen Fabrikgebäuden, deren Produktionsetagen durch großflächige Fenster belichtet wurden."
Über steinerne, vom Bau abgesetzte Treppenhäuser und eiserne Feuertreppen konnte die Belegschaft die Spinnerei im Brandfall sicher verlassen. Den Kern des Spinnereibaus bildete ein selbsttragendes, auf Gusssäulen gestelltes Eisenträgergerüst. Das Raster der aufgestell-ten Säulen wurde im Wesentlichen von den bis zu 40 Meter langen Selfaktoren (Spinnmaschinen) bestimmt. Durch den Seilgang, der die besonders brandanfällige Faservorbereitung von der übrigen Produktion schied, liefen die baumwollenen Transmissionsseile. Gleichzeitig wurde das Flachdach zum Standard.
Ausblicke
Nach Konkursen oder Verlagerung der Textilproduktion in Billiglohnländer haben heute auch die letzten Spinnereibauten ihre ursprüngliche Funktion verloren. "Viele wichtige Zeugnisse der regionalen Textilindustrie fielen bereits der Abrissbirne zum Opfer", bedauert Museumsleiter Stenkamp. Die Ausstellung stellt Beispiele für gelungene Umnutzungen vor, zeigt architektonische Zusammenhänge, erläutert technische Hintergründe und möchte so die bemerkenswerten Bauten wieder stärker ins Bewusstsein der Bevölkerung, der Stadtplaner und Architekten rücken.
Die nächste Station der mit EU-Mitteln geförderten Schau ist das Museum Jannink in Enschede (19.11.2005 bis 29.1.2006).
INFO
Cotton mills for the continent
Sidney Stott und der englische Spinnereibau in Münsterland und Twente
26. Juni bis 6. November 2005
Westfälisches Industriemuseum
Textilmuseum Bocholt, Uhlandstraße 50, 46397 Bocholt
Geöffnet Dienstag bis Sonntag 10-18 Uhr
Tel. 02871 21611-0
Informationen unter www.textilmuseum-bocholt.de