[WestG] [LIT] Rueschoff-Thale, Barbara: Die Toten von Neuwarendorf in Westfalen

Alexander Schmidt Alexander.Schmidt at lwl.org
Mit Jun 8 10:53:20 CEST 2005


Von: "LWL-Pressestelle" <presse at lwl.org>
Datum: 07.06.2005, 11:33


LITERATUR

Die 341 Toten von Neuwarendorf - LWL stellt Buch vor

Zwölf Jahre lang haben Archäologen das größte
zusammenhängende Gräberfeld der Bronze- und Eisenzeit 
(3000 bis 50 v. Chr.) in Nordwesteuropa ausgegraben. Es 
wurde in Warendorf-Neuwarendorf (Kreis Warendorf) auf 
einer Fläche von über acht Hektar von 1975 bis 1987 
freigelegt. Die wissenschaftliche Auswertung des 
Fundplatzes mit 341 Gräbern präsentiert das Westfälische 
Museum für Archäologie des Landschaftsverbandes 
Westfalen-Lippe (LWL) in dem Buch "Die Toten von 
Neuwarendorf in Westfalen". Heute stellte die Autorin 
Dr. Barbara Rüschoff-Thale, Leiterin des LWL-Landesmuseums 
in Herne, in Warendorf ihre Dissertation vor.

Seit über 100 Jahren werden an den heutigen Kottruper 
Seen immer wieder Ausgrabungen notwendig, weil dort seit 
1899 Sand abgebaut wird. Nachdem immer wieder 
archäologische Funde geborgen wurden, fanden in den 
1950er-Jahren die ersten systematischen Grabungen statt. 
Die Auswertung zeigt, dass Menschen diesen Platz seit 
115.000 Jahren aufsuchen. Damit ist Neuwarendorf ein 
Fundort, an denen Erkenntnisse zu vielen verschiedenen 
Epochen möglich sind. "Mit dem neuen Werk hat Dr. Barbara 
Rüschoff-Thale, die der Kreisheimatverein von 1996 bis 
1999 mit einer archäologischen Bestandserhebung im Kreis 
Warendorf beauftragt hatte, einen grundlegenden Beitrag 
geleistet, der weite Aufmerksamkeit erwecken wird", betont 
Kreisheimatpfleger Prof. Dr. Paul Leidinger die Bedeutung 
der Publikation.

341 Bestattungen haben niederländische und deutsche 
Archäologen von 1975 bis 1987 auf dem Gräberfeld 
ausgegraben. Über einen ungewöhnlich langen Zeitraum, 
nämlich vom 3. Jahrtausend bis ins 1. Jahrhundert v. Chr. 
hinein, beerdigten Angehörige hier ihre Toten. Die meisten 
verbrannten sie und bestatteten den Leichenbrand in einer 
Urne aus Ton. Die Gräber kennzeichneten sie mit Hügeln und 
Grabenanlagen. Die größten sind 35 Meter lang. In einigen 
Anlagen fanden die Archäologen auch Reste von aufwändigen 
Holzbauten. Durch das Gräberfeld führte eine rund zehn 
Meter breite Straße. An ihr richteten sich viele der 
aufwändigeren Grabanlagen aus. 

Die unterschiedlichen Bestattungsarten, Knochen und 
Grabbeigaben wie Schmuck, Keramikgefäße, Waffen, Bernstein 
und Brot erzählen den Archäologen die Geschichten einzelner 
Verstorbener und geben Hinweise auf die Entwicklung der 
Gemeinschaft insgesamt. Anthropologen stellten die damaligen 
Ernährungsgewohnheiten und Krankheiten fest. 

So lag im Grab Nummer Sieben der Leichenbrand einer jungen 
Frau, die im Alter von etwa 20 Jahren gestorben ist. Sie hatte 
starke Karies und litt an Eisenmangel. Als sie vor 3000 Jahren 
starb, wurde sie verbrannt und in einer Urne in einem kleinen 
Totentempel beigesetzt. Darüber häuften die Angehörigen 
einen Erdhügel und fassten diesen mit einem Graben ein. 

In einer anderen Anlage umschloss ein Graben drei Grabhügel.
Unter den Hügeln lagen die Urnengräber von einem Mann, einem
Mädchen und einem Jungen. Sie waren nacheinander beerdigt 
worden. Später ist noch das Grab eines Babys hinzugekommen - 
als ob hier ein Vater mit seinen drei Kindern liegen würde.

Auch Ungewöhnliches fanden die Archäologen: In einem Grab war 
ein Hund bestattet. Möglicherweise hat ein Warendorfer sein 
Haustier so sehr geliebt, dass er es wie einen Menschen
beerdigte. Aufgrund seiner Größe und seiner überregionalen 
Bedeutung ist das Neuwarendorfer Gräberfeld im Westfälischen 
Museum für Archäologie in Herne ausgestellt. Hier ist der Friedhof 
als begehbares Modell gestaltet. "Die Auswertungen von 
Dr. Barbara Rüschoff-Thale waren die Voraussetzung dafür, dass 
wir es überhaupt in diesem Umfang und wissenschaftlich korrekt 
präsentieren können. Die jetzt vorgelegte Veröffentlichung 
macht die Ergebnisse auch anderen Wissenschaftlern zugänglich 
und schließt das Projekt ab", erklärt Dr. Gabriele Isenberg, die 
Landesarchäologin Westfalens, den Zusammenhang zwischen
Ausgrabung, Präsentation im LWL-Museum und wissenschaftlicher
Veröffentlichung.

Die archäologische Bedeutung der Region zeigen auch andere Funde, 
die rund um die Kottruper Seen immer wieder zu Tage treten: bis jetzt
insgesamt fast 8000 Knochen- und Geweihstücke von eiszeitlichen 
Säugetieren wie Mammut, Fellnashorn, Moschusochse, Riesenhirsch 
oder Löwe. 

Auch das bis jetzt einzige Schädelfragment eines Neandertalers in
Westfalen stammt aus Neuwarendorf. Dieser war nur 20 bis 30 Jahre
alt geworden und hatte eine Hirnhautentzündung. Ob er daran auch 
gestorben ist, bleibt Spekulation. Aus dem 7. und 8. Jahrhundert fanden
Archäologen Spuren einer Siedlung aus fünf Gehöften mit insgesamt 
190 Holzbauten. Zu den jüngsten Funden gehören Metallreste, Pfeifen 
und Biwakspuren aus dem Siebenjährigen Krieg (1756-1763). "Dass im 
Landesmuseum in Herne in großem Umfang Exponate aus dem Kreis 
Warendorf präsentiert werden, wirft ein besonderes Licht auf die 
herausragende archäologische Bedeutung der Region zwischen Ems 
und Lippe", freute sich Landrat Dr. Wolfgang Kirsch bei der Vorstellung 
des Buches.


INFO

Barbara Rüschoff-Thale: Die Toten von Neuwarendorf in Westfalen.
Bodenaltertümer Westfalens 41. Mainz 2004.
382 Seiten, 87 Tafeln, 6 Beilagen. ISBN 3-8053-3342-0. 29,00 Euro.
Erhältlich in jeder Buchhandlung und im Westfälischen Museum für Archäologie.