[WestG] [AKT] Prof. Juergen Kocka erhaelt den II. Bochumer Historikerpreis
Dr. Marcus Weidner
mw at jmr-weidner.de
Fre Jul 29 13:21:44 CEST 2005
Von: "Josef König" <josef.koenig at presse.ruhr-uni-bochum.de>
Datum: 29.07.2005, 13:11
AKTUELL
Prof. Jürgen Kocka erhält den II. Bochumer Historikerpreis
Herausragende Leistung in Wirtschafts- und Sozialgeschichte
Verleihung im November
Der Bochumer Historikerpreis, eine für herausragende Leistungen auf
dem Gebiet der Wirtschafts- und Sozialgeschichte verliehene
Auszeichnung, geht im Jahre 2005 an den Berliner Historiker Prof. Dr.
Dr. h.c. mult. Jürgen Kocka. Der Preis wird, unter der
Schirmherrschaft des Ministerpräsidenten des Landes
Nordrhein-Westfalen, von der Ruhr-Universität Bochum, der Stadt
Bochum, der Stiftung der Sparkasse Bochum und der Stiftung Bibliothek
des Ruhrgebiets verliehen. Er ist mit 25.000 Euro dotiert; die
öffentliche Preisverleihung findet anlässlich des Stiftungsfestes der
Stiftung Bibliothek des Ruhrgebiets am 25. November 2005 in Bochum
statt.
Führender Kopf einer neuen Generation
Kocka gehört seit den 1970er Jahren zu den führenden Persönlichkeiten
einer jüngeren Historiker-Generation, die das Gefüge der deutschen
akademischen Geschichtswissenschaft und ihrer Außenwirkung nachhaltig
veränderte. 1941 geboren, wurde er 1968 an der Freien Universität
Berlin bei Gerhard A. Ritter mit einer grundlegenden Untersuchung
über Unternehmensverwaltung und Angestelltenschaft bei Siemens
promoviert. Bis heute gilt dieses Werk als eine Pionierstudie auf dem
Gebiet der Unternehmensgeschichte. Als wissenschaftlicher Assistent
an der Universität Münster habilitierte sich Kocka 1972 mit einer
vergleichenden Untersuchung zur "Politischen Sozialgeschichte" der
Angestellten in den USA und übernahm 1973 die Professur für
Allgemeine Geschichte unter besonderer Berücksichtigung der
Sozialgeschichte an der eben gegründeten Universität Bielefeld.
Bielefelder Schule
Noch 1972 war eine methodisch hochreflektierte Untersuchung über die
deutsche "Klassengesellschaft" im Ersten Weltkrieg erschienen; es
folgten nunmehr in rascher Folge Aufsätze und Bücher, in denen das in
Deutschland neue Feld der Sozialgeschichte theoretisch und methodisch
ausgebreitet wurde. Das machte Kocka, in langjähriger Zusammenarbeit
mit Hans-Ulrich Wehler, für zwei Jahrzehnte zum führenden Kopf der so
genannten "Bielefelder Schule", die als geschichtswissenschaftliche
Erneuerung rasch internationales Aufsehen erregte. In Bielefeld
leitete Kocka zeitweilig das Zentrum für interdisziplinäre Forschung,
regte zahlreiche Untersuchungen von Schülern zur Sozialgeschichte des
19. und 20. Jahrhunderts an und formte maßgeblich den berühmt
gewordenen Bielefelder Sonderforschungsbereich über die
"Sozialgeschichte des neuzeitlichen Bürgertums".
Neuordnung der hauptstädtischen Geschichtswissenschaft
Er widmete sich zugleich der Geschichte der Arbeiter während der
Industrialisierung und veröffentlichte hierzu bisher zwei
einschlägige Bände. Die Forschung verdankt ihm außerdem eine
Geschichte der deutschen Unternehmer, ein lange die Proseminare
beherrschendes Buch zur Grundlegung der modernen
Sozialgeschichtsschreibung und zahlreiche Sammelbände über Arbeiter
und Bürger, die europäische Zivilgesellschaft und die
deutsch-deutsche Vereinigungskrise. 1998 trat er eine neu geschaffene
Professur zur Geschichte der industriellen Welt an der Freien
Universität Berlin an. Er wirkte hier maßgeblich in der Neuordnung
der hauptstädtischen Geschichtswissenschaft mit, schuf etwa das
Zentrum für vergleichende Geschichte Europas und wurde im Jahre 2000
Präsident des Wissenschaftszentrums für Sozialforschung in Berlin
(WZB), einer der größten sozialwissenschaftlichen
Forschungseinrichtungen Europas. Sein internationales Renommee wird
durch drei Ehrendoktorhüte, zahlreiche Mitgliedschaften in Akademien
und durch die Präsidentschaft des internationalen Historikerverbandes
unterstrichen.
"Public Historian"
Kocka ist ein "public historian" im besten Sinne. Er hat sich, wägend
und ordnend, zu Problemen der Vergangenheitsbewältigung und der
Geschichtspolitik, zur Problematik des deutschen Nationalstaates und
jüngst vermehrt zum Wandel der Erwerbsarbeit auch in der Gegenwart
geäußert. Er begreift Geschichtswissenschaft als ein wesentliches
Moment gesellschaftlicher Selbstaufklärung, und das bezeichnet seine
Herangehensweise an die Besonderheiten deutscher Geschichte, deren
Interpretation er durch einsichtsvolle Kommentare zur Debatte um den
deutschen "Sonderweg" über Jahrzehnte zu bereichern wusste.
Weitere Informationen
Dr. Jürgen Mittag, Institut für Soziale Bewegungen der
Ruhr-Universität Bochum, Stiftung Bibliothek des Ruhrgebiets,
Clemensstraße 17-19, 44789 Bochum, Tel. 0234/32-26920, Fax:
0234/32-14249, E-Mail: juergen.Mittag at rub.de