[WestG] [LIT] Begegnungen und Emotionen, Besuch ehemaliger Zwangsarbeiter in Bielefeld
Alexander Schmidt
Alexander.Schmidt at lwl.org
Die Jul 19 11:38:48 CEST 2005
Von: "Krasa, Petra" <Petra.Krasa at bielefeld.de>
Datum: 18.07.2005, 12:51
LITERATUR
Begegnungen und Emotionen - Der Besuch ehemaliger
Zwangsarbeiter in Bielefeld
[60 Jahre danach]
Die o.a. Dokumentation ist herausgegeben von der Stadt
Bielefeld und dem Verein "Gegen Vergessen - Für Demokratie", Berlin.
Im September 2004 waren 24 ehemalige Zwangsarbeiter
aus Russland, Weißrussland, Lettland und der Ukraine
Gäste der Stadt Bielefeld. Mit der Einladung wollte die
Stadt ein Zeichen der Annäherung und Aussöhnung setzen.
Das Besuchsprogramm wurde seitens der Stadt erarbeitet,
koordiniert und mit vielen freiwilligen Helfern durchgeführt.
Von Anfang an stand fest, dieses Projekt in einer zweisprachigen
Dokumentation (deutsch-russisch) festzuhalten. Die Publikation
umfasst 120 Seiten mit vielen Farbphotos, die den Inhalt
prägnant unterstützen. Die Photos sind von einer professionellen
Bielefelder Fotografin erstellt, die das Besuchsprogramm eine
Woche lang intensivst begleitet hat.
Die Dokumentation vermittelt Eindrücke von den offiziellen
Empfängen, dem Besuch von Mahnmalen und Friedhöfen. Sie
berichtet von der Spurensuche im Stadtarchiv, den Erfahrungen
mit dem Besuch der ehemaligen Arbeitsstätten und von
Zeitzeugengesprächen in Schulen. Die Bielefelder Kirchen waren
schon mehrere Jahre vorher aktiv an der Verbreitung des Themas
in der Bielefelder Öffentlichkeit beteiligt. Nun wollten Pfarrer und
Gemeindemitglieder die ehemaligen Zwangsarbeiter persönlich
kennen lernen. Spannend ist auch das Kapitel über Bielefelder
Bürger, die sich spontan gemeldet und die Besuchsgruppe
aufgesucht haben, um sich gemeinsam zu erinnern oder Erinnerungen
auszutauschen.
Alle Autoren haben aktiv am Besuchsprogramm teilgenommen:
Frau Krasa als Organisatorin und Koordinatorin. Die gebürtige
Ukrainerin Frau Schuh war Dolmetscherin vor Ort und hat
anschließend alle Texte übersetzt. Aber auch "Fremdbeiträge"
wurden eingesetzt: die Eindrücke mehrerer Pfarrer, einer Lehrerin,
einer Historikerin und eines Mitglieds einer Bürgerinitiative, der sich
für ein Mahnmal für ehemalige Zwangarbeiter in Bielefeld eingesetzt
hat. Zudem wurden Zitate aus den Briefen der Gäste nach dem
Besuchsprogramm verwendet. Sie geben dem Buch eine sehr
persönliche und auch emotionale Note.
Das Buch ist in erster Linie als Hommage an die Gäste der Stadt
Bielefeld vom vergangenen September gedacht. Sie haben
inzwischen diese (ihre) Dokumentation per Post erhalten. Inna
Klimenko, ehemalige Zwangsarbeiterin aus der Ukraine, war vor
kurzem wieder einmal zu Besuch in Bielefeld. Von ihr erhielt die
Stadtverwaltung und der Verein "Gegen Vergessen-Für Demokratie"
ein wunderbares Lob: sie hatte bis um 3 Uhr in der Nacht gelesen.
Sie konnte einfach nicht aufhören. Und in ihrer Heimat wird das Buch
nicht mehr aus der Hand gelegt: Kinder und Enkelkinder lesen über
das Schicksal ihrer Eltern, bzw. Großeltern während des Zweiten
Weltkrieges in Deutschland.
Es wirkt somit nachhaltig über die Generation der Betroffenen hinaus.
Und es trägt dazu bei, Aufklärungsarbeit in der Heimat der
Betroffenen zu leisten, denn die Zwangsarbeiter kamen nicht freiwillig.
Sie wurden mit vorgehaltener Waffe gezwungen und selbst verstecken
oder klagen half nichts. "Wenn du nicht mitgehst," erzählt Bronislawa
Sidorowa, "sperren wir deine Eltern dort in das Haus und zünden es
an." So und auch schlimmer waren die Androhungen, die halfen, dass
die arbeitsfähigen Jugendlichen in die Züge zur Deportation kletterten.
Ziel: Zwangsarbeit im Deutschen Reich. Bronislawa war damals gerade
14 Jahre alt. Wie ihr, erging es vielen jungen Mädchen und Jungen aus
ihrem Ort.
Ganze Geburtsjahrgänge verschwanden in den Deportationszügen
Richtung Westen. Schwere Jahre erlebten diese Jugendlichen entweder
bei der Feldarbeit oder in den Fabriken. Dort wurden sie eingesetzt, um
die deutsche Kriegsmaschinerie auf dem Laufenden zu halten, denn die
eigenen Männer kämpften an der Front. Sie knechteten - 12 Stunden
am Tag oder in der Nacht unter unwürdigsten Bedingungen: fern der
Heimat und der Eltern, ohne Sprachkenntnisse, gefangen in Lagern mit
Stacheldraht umzäunt, von Ungeziefer geplagt, erniedrigt und gedemütigt
und ohne ausreichende Nahrung.
Als der Krieg zu Ende war, wurden sie wieder in ihre Heimat gebracht.
Dort widerfuhr ihnen eine böse Überraschung: sie wurden nicht mit
Freude von ihren Landsleuten empfangen. Sie wurden beschimpft und
der Kollaboration beschuldigt. Sie wurden verhört. Dieses Mal nicht
von der Gestapo, sondern von den eigenen Landsleuten. Wer sich zu
freundlich über den Feind äußerte, kam ins GULAG. Diese Generation
erlebte eine zweite Leidenszeit: sie bekam keine oder nur die
schlechteste Ausbildung und damit eine geringe Aussicht auf einen
guten Arbeitsplatz. Diese Generation erlebte eine zweite Strafe in
ihrem Leben - und darüber wurde bis zur Ära Gorbatschow
geschwiegen.
Jetzt ist es an der Zeit, das Schweigen auch im eigenen Land zu
brechen. Wenn nicht jetzt, wann dann? Möge dieses Buch einen
kleinen Beitrag dazu leisten.
Die vorliegende Publikation ist interessant für die Betroffenen selbst
und ihre Kinder und Enkelkinder. Es ist aber auch interessant für Schulen,
für Bürgerinitiativen, für Städte und Gemeinden, die noch
Besuchsprogramme durchführen, für Bibliotheken und Archive, aber
auch für den Leser, der sich über das Thema "Zwangsarbeit" informieren
möchte.
INFO
Das Buch kostet 15 Euro (120 Seiten/DIN A 4 Sonderformat/mehrfarbig)
und ist ausschließlich erhältlich über:
Schriftlich:
Stadtarchiv Bielefeld
z. Hdn. Petra Krasa
Rohrteichstr. 19
33602 Bielefeld
per Telefon: 0521 - 512471
per Email: petra.krasa at bielefeld.de