[WestG] [AKT] Weihnachtliches Festmahl vor 100 Jahren

Marcus Weidner Marcus.Weidner at lwl.org
Mit Dez 21 09:23:28 CET 2005


Von: "LWL-Pressestelle" <presse at lwl.org>
Datum: 09:20


AKTUELL

Schweinebacke und Grünkohl: Das weihnachtliche Festmahl sah vor 100 Jahren in Westfalen noch ganz anders aus

Die Frage: *Was sollen wir Weihnachten kochen?" beantwortet in vielen Familien die Tradition: Fondue, Raclette, Weihnachtskarpfen und Weihnachtsgans gelten dabei als Klassiker auf der weihnachtlichen Festtafel. Doch das ist noch gar nicht lange so. *Bis ins 19. Jahrhundert hat man in katholischen Gegenden in der Adventszeit bis einschließlich Heilig Abend gefastet. Weihnachten gab es dann nicht selten schon zum Frühstück eine Schlachteplatte. Auch zu Mittag wurde richtig aufgefahren. Dabei standen allerdings Würste, Braten, Schweinebacke oder ein halber Kopf im Mittelpunkt. Dazu gab es Grünkohl und Kartoffeln und als Nachtisch Milchreis mit Zimt und Zucker", beschreibt Chrstiane Cantauw, Volkskundlerin beim Landschaftsverband Westfalen-Lippe (LWL), wie sich in den vergangen 100 Jahren die weihnachtlichen Essgewohnheiten verändert haben.

Um 1900 beschränkte sich das Weihnachtsfest noch auf den 25. und 26. Dezember, der 24. Dezember wurde noch nicht als Feiertag begangen sondern galt als reiner Werktag. Er wurde in erster Linie zur Vorbereitung auf das Fest genutzt. Ordnung und Sauberkeit in Haus und Hof, aber auch vorbereitende Arbeiten für das Festessen am 25. Dezember standen am Vorabend des Weihnachtsfestes auf der Tagesordnung. 

In den frühen Morgenstunden (zwischen 3 und 6 Uhr morgens) besuchte man die Ucht, wie die Christmette in Westfalen vielfach bezeichnet wurde. Man ging ohne vorher gegessen zu haben in die Kirche und trug ein Licht bei sich. Nach dem Kirchenbesuch wurde erst einmal ausgiebig gefrühstückt. *Mettwurst, Schinken und weißes Brot gehörten zu einem solchen Frühstück auf jeden Fall dazu", so Cantauw. Nach dem Frühstück besuchte die Familie das Hochamt. Das weihnachtliche Festessen war für die Zeit nach dem Besuch des Hochamtes am 25. Dezember vorgesehen. *Dabei bemühten sich die Menschen sowohl auf dem Land wie auch in den Städten, zu Weihnachten sehr, üppige, mehrgängige Mahlzeiten auf den Tisch zu bringen", berichtet Cantauw.

Für die bäuerliche Bevölkerung war es kein Problem, das weihnachtliche Festessen zusammenzustellen. Die meisten Lebensmittel, die benötigt wurden, produzierte man selbst. Da in vielen Bauernfamilien kurz vor Weihnachten geschlachtet worden war, gab es zu Weihnachten häufig Rind- oder Schweinefleisch als Halben Kopf, Schweinebacke, Würste oder Braten. Vorab aß man häufig eine klare Suppe und hinterher Grießpudding oder den sogenannten *dicken Reis", also Milchreis mit Zimt und Zucker. Auch jahreszeitliches Gemüse wurde gern zu Weihnachten gegessen. Besonders beliebt war dabei der Grünkohl. Er wurde mit viel Mettwurst gekocht, aber nicht als Eintopf, sondern als Gemüse, bei dem die Kartoffeln separat zubereitet wurden. Die auch heute noch sehr beliebte Weihnachtsgans konnte man der eigenen Zucht entnehmen wie ein Gewährsmann der Volkskundlichen Kommission aus Bochum-Laer betont: *Es gab einen besonderen Braten - meist ein ausgesuchtes Stück vom selbstgeschlachteten Schwein. Manchmal auch ein Huhn oder eine Gans ebenfalls aus eigener Zucht". Geflügel wie Pute bürgerte sich wohl erst nach dem ersten Weltkrieg ein. Wildgerichte wie zum Beispiel *Hasenpfeffer" waren dahingegen eine Speise, deren Ursprünge eher im städtisch-bürgerlichen Umfeld zu suchen sind.  

Von der Übernahme städtischer Nahrungsgewohnheiten auch auf dem Land zeugen folgende Menüzusammenstellungen aus dem Kreis Cloppenburg:  *Bouillon, Rindfleischplatte mit Gurken und Meerrettigsauce, Grünkohl mit Salzkartoffeln und gekochtem Schinken, Gans oder gefüllte Schweinerippe mit Compott, Weihnachtstorte, Weine nach Belieben". *Hier scheint die herkömmliche Speisefolge lediglich um einige Neuerungen wie Torte und der Wein erweitert worden zu sein. Denn auf dem Land wurden bis in die 1950er Jahre hinein selbst zu Hochzeiten keine Torten gebacken", erklärt Cantauw. Weil meist viele Personen zum Haushalt gehörten, waren Korinthenstuten, Beschüte, Zwieback oder später auch die *Platenkuchen" genannten Blechkuchen passender. Wein zum Essen zu trinken war nur bei wohlhabenderen Familien in den Städten üblich. Alkohol trank man in Westfalen bis ins 20. Jahrhundert meist nur als Bier und vor allem als Schnaps.

Süßes wie Kuchen oder Gebäck gab es ohnehin nur ganz selten, denn backen galt als Luxus. Deshalb war der *süße" Schmuck des Weihnachtsbaumes, der aus Spekulatius und Zuckerkringeln bestand, eine besondere Attraktion für die Kinder.