[WestG] [LIT] Stambolis (Hg.), Frauen in Paderborn. Weibliche Handlungsraeume und Erinnerungsorte

Marcus Weidner Marcus.Weidner at lwl.org
Fre Dez 16 08:38:40 CET 2005


Von: "Barbara Stenger" <barbara.stenger at web.de>
Datum: 15.12.2005, 17:13



LIT

Mit einem neuen Buch über Frauengeschichte in Paderborn im 19. und 20.
Jahrhundert - "Frauen in Paderborn. Weibliche Handlungsräume und
Erinnerungsorte", Sammelband, 494 S., hg. von PD Dr. Barbara Stambolis,
SH-Verlag Köln, ISBN 3-89498-154-7, 39,80 Euro -, herausgegeben von dem
Verein für Geschichte an der Universität Paderborn in seiner Reihe
"Paderborner Historische Forschungen PHF", wurde eine Lücke in der
Paderborner Stadtgeschichte gefüllt.

Trotz der boomenden Hochkonjunktur öffentlichen Gedenkens mit
zahlreichen Erinnerungsanlässen, Dokumentationen und Ausstellungen
finden Handlungsräume von Frauen in der "Flut von chronologisch
abzuarbeitenden Gedenktagen und -feiern" bis heute vergleichsweise
geringe Beachtung. Frauengeschichte ist nach wie vor weitgehend
"unsichtbare Geschichte". Frauen gehen nach wie vor weniger selbstbewußt
mit "eigenen" Traditionen um. Frauen könnten sich vielfach "historisch
an nichts orientieren, was ihre persönlichen Erfahrungen in eine
Kontinuität mit der Vergangenheit bringen würde", heißt es immer
wieder.

Ein Beispiel aus der Paderborner Geschichte des 19. und 20.
Jahrhunderts: die Gründung von Frauenvereinen im 19. Jahrhundert
erscheint nach wie vor so gut wie gar nicht erinnerungswürdig, obwohl
die Tätigkeit zahlloser Frauen in weiblichen Vereinen, deren
Nachfolgeorganisationen teilweise heute noch bestehen, das Bild
korrigieren könnte, die Geschichte einer Stadt sei in erster Linie von
Männern geprägt. Im Paderborner Dombauverein etwa, dessen Gründung
1859 erfolgte, waren auch Frauen tätig, besonders indem sie Geld für die
Restaurierung der Kathedrale sammelten. Der Ertrag habe ausgereicht, die
"Kosten des ersten neuen Giebels nach der Chorseite zu bestreiten",
heißt es in einer männlichen Lobrede. Der Redner schlug sogar vor,
"daß wir den genannten Giebel betrachten und bezeichnen mögen als den F
r a u e n g i e b e l!" Einen Frauengiebel am Paderborner Dom hat es
allerdings nie gegeben.

Für regionale Frauengeschichtsarbeit scheint es somit wichtig zu sein,
zunächst einmal über bekannte, lokal bedeutende Frauen hinaus
Frauengeschichte sichtbar zu machen. Es geht auch darum,
Handlungsbeschränkungen und erst sehr späte Aufbrüche, Verzögerungen
und Verhinderungen aufzuzeigen und zu berücksichtigen, dass lokale
Frauengeschichte stark beeinflußt ist durch regionale,
kulturell-geschichtlich begründete Identitäten.

Bürgerinnen haben das Leben in der Stadt in den letzten rund
zweihundert Jahren entscheidend mitgestaltet und sollten daher aus dem
Schatten ins Licht der Geschichte und Erinnerung geholt werden.

Aus all' diesen Überlegungen entstand ein Projekt, dessen Ergebnisse
zusammenfließen in dem von 17 Autoren und Autorinnen geschriebenen
Sammelband mit dem Titel: "Frauen in Paderborn. Weibliche Handlungsräume
und Erinnerungsorte". 

Der Band knüpft an all die oben genannten Desiderate an. Vor allem
sollen weibliche Handlungsräume und Erinnerungsorte in einem Umfang
sichtbar werden, wie dies bisher nicht der Fall war. Zu hoffen ist, dass
sich gedankliche Verbindungen zwischen verschiedenen Beiträgen
herstellen lassen und dass die Leser und Leserinnen die Texte als
Diskussionszusammenhang lesen können. Es finden sich dort
Gedächtnisorte, weibliche Lebensformen im Kloster, Handlungsräume in
Vereinen, in beruflichen Bereichen, in der Politik, im Alltagsleben,
gegenwartsbezogene und geschichtliche Aspekte.


Nachstehend aus dem Inhaltsverzeichnis die Namen der Autoren und
Autorinnen und Titel der Aufsätze:


Julia Paulus
Frauen- und Geschlechtergeschichte als Regionalgeschichte
 

Rolf-Dietrich Müller
Spuren: Gedächtnisorte für Frauen in Paderborn
 

Hartmut Steinecke
"Meine Beziehungen zu Paderborn sind kompliziert". Das
Jenny-Aloni-Archiv
als Gedächtnisort einer Schriftstellerin
 

Georg Pahlke
Die Heliand-Burg Paderborn. Drei Jahrzehnte Jugendbewegung katholischer
Mädchen
 

Gisela Fleckenstein
Frauenbildung in Paderborn - die Augustiner Chorfrauen
 

Margit Naarmann
Frauenbewegt und religiös gebunden. Der Deutsch-Evangelische und
Katholische Frauenbund
 

Margit Naarmann
Wenn du nicht die Leiden der anderen als deine eigenen mitempfindest
[.]"
Der katholische Fürsorgeverein für Frauen Mädchen und Kinder
 

Margit Naarmann
CARITAS - Helfen und Trösten
 

Gabriele Kranstedt
IN VIA. Katholische Mädchensozialarbeit in der Diözese Paderborn.
Zur Geschichte, zu den führenden Frauen und ihrer Pionierarbeit
 

Barbara Stambolis und Silvia Lüke
"Wir glauben.der Bevölkerung einen erheblichen Dienst zu erweisen."
Weibliches Ehrenamt im Vaterländischen Frauenverein in den Jahren 1875
- 1925

 
Barbara Stambolis
Frauen in Schützenvereinen des Paderborner Raumes: `"Vivat rex. es lebe
die Königin!"



Udo Stroop
Lehrerinnenausbildung. Unter besonderer Berücksichtigung des
Königlichen katholischen Lehrerinnenseminars zu Paderborn (1832 -
1926)
 

Michael Drewniok
Handwerkerfrauen und die Paderborner Handwerksorganisation
 

Dagmar Koopmann
"Malerische Illusion und tastbare Realität" - Künstlerinnen in
Paderborn
 

Judith Lütkewitte
Politische Frauen in Paderborn. Das Beispiel Käthe Sander-Wietfelds


Monika Blazy
Politik als weibliches Handlungsfeld. Repräsentanz von Frauen in der
Nachkriegszeit
in kommunalpolitischen Mandaten und öffentlichen Ämtern in Paderborn
und 
näherer Umgebung.

 
Christa Mertens
Zwangsarbeiterinnen in Paderborn 1939 - 1945
 

Antje Telgenbüscher
Eine Stadt ohne Trümmerfrauen?


Andrea Deppe
(K)eine Stadt für Frauen? Die Entwicklung der Stadtplanung und die
Rolle der Frau


INFO

Frauen in Paderborn
Weibliche Handlungsräume und Erinnerungsorte
(SH-Verlag)  ISBN 3-89498-154-7
Gebunden
496 Seiten, 101 schwarz-weiß Abb.
39,80 Euro