[WestG] [AUS] Die letzten Stunden von Herculaneum, Haltern am See,
ab 21.05.-14.08.2005
Alexander Schmidt
Alexander.Schmidt at lwl.org
Don Apr 21 16:40:40 CEST 2005
Von: "LWL-Pressestelle", <presse at lwl.org>
Datum: 21.04.2005, 13:50
AUSSTELLUNG
Erste Ausstellung über die letzten Stunden von Herculaneum
Neue Erkenntnisse:
Tödliche Vulkanwolke löste Katastrophe vor 2.000 Jahren aus
Die ersten Exponate sind gleichzeitig die schwersten: Am Donnerstag (21.4.) sind
rund zehn Tonnen kleiner Vulkansteinchen ("Lapilli") aus Herculaneum in Haltern
am See auf Lastwagen eingetroffen. Die fast 2.000 Jahre alten Steinchen bilden
ein Element der neuen Ausstellung "Die letzten Stunden von Herculaneum", die
erste, die ausschließlich der Nachbarstadt von Pompeji gewidmet ist. Ab dem 21.
Mai (bis 14.8.) präsentiert die Schau im Westfälischen Römermuseum Haltern
(Kreis Recklinghausen) neue Ausgrabungsfunde aus dem römischen Ort, der 79 nach
Christus komplett vom Vesuv verschüttet wurde. "Ungefähr 5000 Einwohner zählte
die kleine Küstenstadt am Golf von Neapel. Vor allem begüterte Römer und ihre
Sklaven lebten dort, aber auch Handwerker und Ladenbesitzer, die die Reichen mit
Waren versorgen", so Museumsleiter Dr. Rudolf Aßkamp.
Die Ausstellung im Westfälischen Römermuseum Haltern ist eine Kooperation des
Landschaftsverbandes Westfalen-Lippe (LWL), des Pergamonmuseums,
Antikensammlung, Staatliche Museen zu Berlin, und des Focke-Museums, Bremer
Landesmuseum für Kunst und Kulturgeschichte, wo die Schau ab September bis
Dezember (Berlin) und von Januar 2006 bis April 2006 (Bremen) zu sehen sein
wird.
Den 16 Containern mit den grauen Steinchen folgen in den kommenden vier Wochen
rund xx Exponate: "Die letzten Stunden von Herculaneum" werden zum Beispiel
durch gut erhaltene Skelette aus den Bootshäusern am Strand wieder wach gerufen
sowie durch Holzmöbel und kostbarste Wandmalereien, Goldschmuck und
Bronzeskulpturen aus dem Archäologischen Nationalmuseum von Neapel.
Ein Höhepunkt der Schau werden zwei antike Papyrusrollen aus der berühmten Villa
dei Papiri sein, der weltweit einzig erhaltenen römischen Bibliothek. Sie
gehörte wahrscheinlich dem Schwiegervater Caesars. Damit die Architektin Barbara
Hähnel-Bökens die Ausstellung in Haltern gestalten kann, ist das Museum seit
Anfang April komplett geschlossen. Aßkamp: "Wir wollen eine Ahnung verschaffen,
was diese Katastrophe bedeutet hat und welche Kultur der Vulkanausbruch begraben
und letztlich für uns konserviert hat."
Tödliche Wolke aus dem Vulkan
Erst seit wenigen Jahren weiß man, wie sich die Tragödie in Herculaneum
abgespielt hat. 1982 stießen italienische Kanalarbeiter durch Zufall auf die
antiken Bootshäuser von Herculaneum. Dort hatten über 300 Menschen,
zusammengedrängt im Dunkeln, durch die glühendheiße Asche einer so genannten
pyroklastischen Wolke in Sekunden den Tod gefunden.
"Diese 400 Grad Celsius heiße Wolke, nicht Gesteinsbrocken oder Schlamm aus dem
Vesuvausbruch haben die Menschen damals umgebracht", erläuterte am Donnerstag in
Haltern Prof. Dr. Giovanni Orsi, Vulkanologe am Vesuv-Observatorium Neapel. "Die
dicht bevölkerte Bucht von Neapel mit dem Vesuv und dem benachbarten
Vulkangebiet der Phlegräischen Felder gehört zu den gefährlichsten
Vulkanregionen der Erde. Um der Geschichte des Berges auf die Spur zu kommen,
untersucht das Vesuv-Observatorium auch vergangene Ausbrüche. Dadurch war es
möglich, auch die Katastrophe des Jahres 79 n.Chr. minutiös zu rekonstruieren,
als die Wolke mit 500 Kilometern pro Stunde die Hänge des Vesuvs hinunter
raste", so Orsi weiter, dessen Institut (gegründet 1841) die weltweit älteste
vulkanologische Forschungsstation ist.
Dank neuer wissenschaftlicher Techniken waren die Forscher in der Lage, die
Skelette von Herculaneum zu "lesen", so Projekt-Initiator Prof. Dr. Dieter
Richter (Universität Bremen). Die Knochen lieferten italienischen und
amerikanischen Anthropologen präzise Informationen über Geschlecht, Aussehen,
Alter und Ernährung der Menschen, über ihre Krankheiten, ihren sozialen Stand
und die Art ihres Todes. Viele litten an Erkrankungen der Atemwege, an
Tuberkulose und Knochenbrüchen. An zahlreichen Skeletten lassen sich die Spuren
harter Arbeit ablesen. Und keiner der Menschen, die am Strand von Herculaneum
starben, war älter als 60 Jahre.
Richter: "Herculaneum ist zu einem spannenden Lesebuch über Leben und Sterben in
einer römischen Kleinstadt geworden. Man kann sich den 24. August 79 gut
vorstellen - ein Sommertag am Golf von Neapel, Fischer ziehen ihre vollbeladenen
Boote an den Strand. Eine frische Brise weht vom Meer, während sich die
wohlhabenden Römer in den Gärten ihrer luxuriösen Sommervillen entspannen. Nie-
mand ahnt, dass in ein paar Stunden gegen ein Uhr nachts der Vesuv ausbrechen
und die ganze Stadt unter einer glühendheißen Lawine aus Asche, Schlamm und
Bimsstein begraben wird."
Die Wiederentdeckung Herculaneums
Herculaneums Entdeckung begann vor fast 300 Jahren: Als ein Bauer 1709 im Ort
Resina, dem heutigen Ercolano, einen Brunnen grub, stieß er auf Marmorblöcke
römischer Zeit. Davon hörte der österreichische Prinz von Elboeuf, der sich an
der Bucht von Neapel eine Villa errichten lassen wollte. Mit mühsam in den
vulkanischen Tuff gegrabenen Stollen ließ er nach weiteren Kunstwerken suchen.
Das erste Gebäude des vor über 1900 Jahren verschütteten Herculaneum war
gefunden: das Theater. Dies war der Beginn der Ausgrabungen von Herculaneum,
schon Jahrzehnte, bevor man Pompeji entdeckte.
Die Nachrichten über die wiedergefundene Stadt breiteten sich wie ein Lauffeuer
durch Europa aus. Neben Presseberichten spielten dabei Reisebeschreibungen,
gelehrte Abhandlungen und illustrierte Werke eine wichtige Rolle. Auf diese
Weise wurde die verschüttete Antike am Golf von Neapel zu einem neuen
touristischen Anziehungspunkt. Zahlreiche Besucher vor allem aus England,
Frankreich und den deutschen Ländern kamen, um Augenzeugen der unerhörten
Ereignisse zu werden.
Mit Fackeln bewaffnet stieg man durch die schmalen, schlüpfrigen Gänge in das
verzweigte Labyrinth des unterirdischen Theaters hinab und bestaunte die zutage
gekommenen Schätze im königlichen Schloss in Portici. Eine neue Form des
Tourismus war entstanden.
Mit den Funden aus Herculaneum und Pompeji brach sich ein neuer Stil in Europa
Bahn. Architekten, Maler, Dekorateure, Möbeltischler, Goldschmiede,
Porzellankünstler begeisterten sich für den Geschmack "der Alten".
Kunsthandwerker benutzten Abbildungen antiker Gebrauchsgegenstände als Vorlagen
für eigene Schöpfungen. Wandmalereien aus Herculaneum und Pompeji wurden zu
Vorbildern für Wanddekorationen in Schlössern und Bürgerhäusern. Die
Wiederentdeckung der antiken Städte am Golf von Neapel wurde die Geburtsstunde
des europäischen Klassizismus.
Die Villa dei Papiri
750 ebenfalls bei der Anlage eines Brunnens wurde die größte und luxuriöseste
Privatvilla der Römischen Welt entdeckt, die Villa dei Papiri.
Man grub sie bis 1764 durch ein System von Schächten und Stollen aus. Dabei ging
es den Ausgräbern vor allem darum, Kunstschätze aus der Villa ans Licht zu
holen.
Heute liegt die Villa dei Papiri 30 Meter unter dem Niveau der modernen Stadt.
Die mehrstöckige, über 250 Meter lange Villa mit Säulenhallen, Meeresterrassen
und Aussichtspavillon grenzte an einen Fluss, der sie vom Ort Herculaneum
trennte.
Erbauer war vermutlich der Schwiegervater von Julius Caesar, Lucius Calpurnius
Piso Cesonius, Kon-sul des Jahres 58 v.Chr. Seine Familie bewohnte die Anlage
wahrscheinlich noch beim Ausbruch des Vesvus. Sie müssen große Kunstliebhaber
gewesen sein: Neben qualitätsvollen Wandmalereien und Mosaiken kamen mehr als 70
Skulpturen aus Bronze und Marmor zu Tage. Sie schmückten den über 100 Meter
langen Garten und die ihn umgebenden Säulenhallen.
Bei den Ausgrabungen stieß der Schweizer Bergbau-Ingenieur Karl Weber auch auf
einen großen Raum voller Schränke, in denen mehr als 1700 schwärzliche Päckchen
lagen, die der Villa ihren Namen gaben: Rollen aus Papyrus. Die weltweit einzige
antike römische Bibliothek war gefunden. Die Forscher hofften auf noch
unbekannte Schriften großer antiker Autoren. Doch die schwierige Abrollung und
bis heute nicht abgeschlossene Entzifferung machten nur Werke weniger
bedeutenderer Autoren lesbar, vor allem Schriften des griechischen Philosophen
Philodemos von Gadara.
INFO
Ab 21. Mai:
Die letzten Stunden von Herculaneum
Westfälisches Römermuseum Haltern
Weseler Straße 100
45721 Haltern am See
www.herculaneum-ausstellung.de
www.roemermuseum-haltern.de