[WestG] [AKT] Archaeologische Funde - Der aelteste Westfale ist ein Ur-Hagener

Alexander Schmidt Alexander.Schmidt at lwl.org
Mit Apr 13 09:41:08 CEST 2005


Von: "Historisches Centrum Hagen", <info at historisches-centrum.de>
Datum: 05.04.2005 21:37


AKTUELL

Der "älteste Westfale" ist ein "Ur-Hagener"
Neue Datierung bestätigt die große Bedeutung der Höhlenfunde in Hagen

Die im Frühjahr des vergangenen Jahres vom Arbeitskreis Kluterthöhle e.V.
unter Stephan Voigt aus einer engen und tief in ein Felsmassiv führenden
Höhle bei Hagen geborgenen menschlichen Überreste zählen Deutschland weit zu
den wichtigsten archäologischen Funden der letzten Jahrzehnte.

Diese Einschätzung zeichnet sich nach den bisher bekannten
Forschungsergebnissen mehr und mehr ab. Denn vor wenigen Tagen wurden die
neuesten Ergebnisse der im Februar vom Historischen Centrum Hagen in Auftrag
gegebenen neuen Altersbestimmung bekannt.

Bereits im Sommer 2004 hatte Prof. Dr. Pieter M. Grootes vom renommierten
Leibniz-Labor für Altersbestimmung und Isotopenforschung der Universität
Kiel eine Probe eines in der Höhle entdeckten Schädel auf das Alter von
10.700 Jahren datiert. Der Schädel gehörte zum Skelett eines Menschen, der
um 8.700 v.Chr. in einem älteren Abschnitt der frühen Mittelsteinzeit gelebt
hat.

Für Westfalen und das Ruhrgebiet handelt es sich um die bisher ältesten
Überreste des modernen Menschen. Darüber hinaus besitzen die Menschenreste
aus der Höhle als "Ur-Hagener" einen hohen Stellenwert für die historische
Identität der Bürgerinnen und Bürger in Stadt und Region.

Aufwändige Untersuchung der Knochen

An einem Schädel wird eine Probe für die 14C-Datierung entnommen. Die
Datierung ergab: Dieser Schädel stammt von einem Menschen, der in der
Jungsteinzeit vor über 5.500 Jahren gelebt hat.
Im Februar 2005 gab das Historische Centrum Hagen weitere
naturwissenschaftliche Untersuchungen an den Menschenknochen in Auftrag.

Der Archäologe und Paläoanthropologe Dr. Jörg Orschiedt von der Universität
Hamburg entnahm aus den menschlichen Überresten für eine C14-Datierung
geeignete Proben.

In Kiel wurden die Proben in einem aufwändigen Verfahren im Leibniz-Labor
analysiert. Die dort angewandte C14- oder Radiokarbon-Methode basiert auf
dem Zerfall des radioaktiven Kohlenstoff-Isotops der Masse 14 (C14). Mit
dieser Methode können organische Stoffe, wie z.B. Holz, Knochen und Geweih,
derzeit bis zu einem Alter von 50.000 Jahren datiert werden.

Im Fall der Knochen aus der Hagener Höhle sind sich die Wissenschaftler aus
allen Fachrichtungen einig: Es handelt sich um ungewöhnlich gut erhaltene
Teile von menschlichen Skeletten. Deshalb ermöglichen sie nicht nur wichtige
Aussagen über die früheren Menschen, sondern auch eine zuverlässige
Datierung mit einer nur geringen Toleranz von (plus/minus) weniger als 50
Jahren. Dieser Zeitraum fällt bei dem hohen Alter der menschlichen Überreste
nicht ins Gewicht.

Nutzung der Höhle in der Steinzeit

Die neuesten Ergebnise der C14-Untersuchung beweisen das hohe Alter des im
vergangenen Jahr datierten Schädels durch eine weitere Probe aus einer
menschlichen Rippe, die ebenfalls aus der frühen Mittelsteinzeit vor rund
10.700 Jahren stammt. Schädel und Rippe gehören wahrscheinlich zu den
Skeletten von zwei verschiedenen Individuen. Insofern birgt die mittlerweile
gut gesicherte und ständig überwachte Hagener Höhle sicherlich noch einige
Überraschungen.

Aus Deutschland sind menschliche Überreste aus diesem Zeitraum, wie sie
jetzt in der Massenkalkhöhle bei Hagen entdeckt wurden, so gut wie nicht
bekannt. Doch auch Europa weit zählen entsprechende Funde aus dem so
genannten älteren Frühmesolithikum zu den Seltenheiten.

In der Mittelsteinzeit, die nach dem Ende der letzten Eiszeit gegen 9.500
v.Chr. begann, lebten auf dem Gebiet Deutschlands wahrscheinlich deutlich
weniger als 10.000 Menschen. Die damalige Bevölkerung einer Landfläche von
über 367.000 Quadratkilometern entsprach in etwa einer heutigen Kleinstadt.
Die Erforschung der Hagener Funde eröffnet der Wissenschaft neue
Perspektiven für die Untersuchung von menschlichen Gemeinschaften dieser
Zeit. Ob sie zum Beispiel bereits in eigenen Territorien lebten und seßhaft
waren, ist nur eine der vielen Fragen, die sich möglicherweise durch die
Hagener Funde klären lassen.

Doch die C14-Untersuchung in Kiel lieferte ein weiteres, überraschendes und
ebenfalls überregional bedeutendes Ergebnis.

Gleich zwei Knochenproben, von einem zweiten Schädel sowie aus einem
Wadenbein (Fibula), stammen nach der Analyse der Jungsteinzeit vor über
5.500 Jahren. Diese Knochen sind damit über 5.000 Jahre jünger als die
anderen bisher in der Höhle entdeckten Skelettreste aus der frühen
Mittelsteinzeit. Das Zeitfenster der in der Jungsteinzeit in Hagen lebenden
Menschen war von den Menschen der frühen Mittelsteinzeit ähnlich weit
entfernt, wie wir heute von der Jungsteinzeit.

Die neuen Untersuchungsergebnisse beweisen, dass die enge und tiefe Höhle
zumindest um 3.600 v. Chr. nochmals von Menschen genutzt wurde. Aus dieser
Phase der Steinzeit, die etwa zeitgleich mit der so genannten Michelsberger
Kultur (4.400-3.500 v.Chr.) ist, liegen in der Umgebung der Höhle zahlreiche
typische, jedoch bisher nicht genau zu datierende archäologische Funde vor.
Auch hier kann auf weitere, die Forschung beflügelnde Erkenntnisse gehofft
werden.

Arbeitsgruppe erforscht Leben, Tod und Umwelt der Steinzeitmenschen

Eine Arbeitsgruppe von renommierten Wissenschaftlern verschiedener Institute
und aus mehreren Fachrichtungen erforscht seit Februar die vielen
interessanten Fragen, die sich aus den menschlichen Überresten und den
weiteren Funden in der Höhle ergeben.

Die Höhle bietet eine sehr ungewöhnliche Fundsituation. So soll vor allem
geklärt werden, wie und aus welchen Gründen die Skelettreste zu
verschiedenen Zeiten in die Höhle gelangten.

Das federführend koordinierende Historische Centrum Hagen kooperiert dabei
eng mit den Wissenschaftlern des bekannten Neanderthal-Museums in Mettmann,
das die fachwissenschaftliche Betreuung des Projekts übernommen hat.

Die wissenschaftliche Untersuchung der Knochen sowie die Dokumentation der
archäologischen und naturwissenschaftlichen Befunde in der Höhle liefern
schon jetzt wichtige Erkenntnisse. Doch die Forscher wollen noch mehr. So
sollen Hinweise auf das Klima sowie auf die Tier- und Pflanzenwelt im Umfeld
der Höhle zur Zeit der Mittel- und Jungsteinzeit gewonnen werden. Aber auch
die Frage, ob es einen Zusammenhang zwischen den vielen Steinzeitfundstellen
in der Umgebung und den menschlichen Überresten in der Höhle gibt, bedarf
einer wissenschaftlichen Klärung.

Wichtige Fragen sind auch die Ernährung der Menschen, ihre Krankheiten und
die Ursachen ihres Todes. Vielleicht gelingt es auch, unter den zeitgleichen
Skelettresten die Beziehung zu einem Familienverbund oder zu einer sozialen
Gruppe zu ermitteln. Andere Untersuchungen werden mit modernsten
technologischen Verfahren versuchen, anhand der erhaltenen Skelett-Teile und
Schädel das Aussehen zumindest einiger dieser Menschen zu rekonstruieren.
Die Erforschung dieser Fragen umfasst sowohl die Höhle als auch deren Inhalt
sowie ihre nähere Umgebung und wird einige Zeit dauern.

In dem erst im November 2004 eröffneten Museum für Ur- und Frühgeschichte
Wasserschloss Werdringen werden zur Zeit bereits einige der entdeckten
menschlichen Überreste gezeigt. Die Erforschung von Höhle und
Fundzusammenhang soll in naher Zukunft im Museum für die Öffentlichkeit
umfassend und Schritt für Schritt dokumentiert werden. Die Öffentlichkeit
soll so die Möglichkeit erhalten, die wissenschaftlichen Erkenntnisse zu den
steinzeitlichen Menschen zeitnah wahrnehmen und an der spannenden
Erforschung teilhaben zu können.


INFO

Aktuelle Informationen:
http://www.museum-werdringen.de/hoehle.php 

Museum für Ur- und Frühgeschichte Wasserschloss Werdringen
Werdringen 1
58089 Hagen
0 23 31 207 2740
http://ww.museum-werdringen.de