[WestG] [AKT] RUB-Archaeologen entdecken das "Panionion"

Marcus Weidner Marcus.Weidner at lwl.org
Mit Okt 20 13:23:27 CEST 2004


Von: "Josef König" <josef.koenig at presse.ruhr-uni-bochum.de>
Datum: 20.10.2004, 13:24


AKTUELL

RUB-Archäologen entdecken das "Panionion"
Sensationeller Fund des antiken Heiligtums im Mykale-Gebirge


Einen sensationellen Fund haben Archäologen der Ruhr-Universität Bochum
gemacht: Im Mykale-Gebirge entdeckten Prof. Dr. Hans Lohmann und seine
Mitarbeiter Dr. Georg Kalaitzoglou und Dr. Gundula Lüdorf das Panionion -
das Zentralheiligtum der griechischen Bewohner an der kleinasiatischen
Westküste. Darüber berichtet die Wochenzeitung "DIE ZEIT" in ihrer
aktuellen Ausgabe vom 21.10.2004. 12 ionische Städte, darunter so
bedeutende wie Milet, Ephesos und Priene, waren in archaischer und
klassischer Zeit im "Panionischen Bund" vereint und begingen in ihrem
Heiligtum Panionion den Kult des Poseidon Helikonios, dem uralten ägäischen
Gott des Meeres und des Landes.


Ein Opfer für Poseidon

Im Panionion brachten die Ionier dem Gott Poseidon ein Opfer, bei dem ein
Stier von jungen Männern zum Altar geschleppt und gezerrt wurde. Dabei galt
es als günstiges Omen, wenn der Stier möglichst laut brüllte und stöhnte.
Den Namen "Mykale" leitete man später lautmalerisch aus dem Gebrüll der
Stiere ("Müühkale") ab. Tatsächlich dürfte er jedoch vorgriechisch sein.
Das Mykale-Gebirge (heute Dilek Daðlarý) liegt ca. 100 Kilometer südlich
der Hafenstadt Izmir. Lohmann und sein Team vom Institut für Archäologische
Wissenschaften der RUB haben die Gegend im September 2004 systematisch
erforscht: Mit ihrem Fund konnten sie nun das Jahrhunderte alte Rätsel
lösen, wo das Panionion liegt.

Der Kult des Poseidon Helikonios

Erste Hinweise auf den Kult des Poseidon Helikonios finden sich bereits bei
Homer (8. Jahrhundert vor Christus): Im 20. Gesang der Ilias, Vers 404,
erwähnt der Dichter zwar dieses Opfer, nicht aber das Panionion oder den
Bund der Ionier, der offenbar erst im 7. Jahrhundert v. Chr. gegründet
wurde. Um diesen Poseidonkult, der ursprünglich eng mit der karischen Stadt
Melia verbunden war, entbrannte Mitte des 7. Jahrhunderts ein Krieg, der
"Meliakos Polemos", in dem Melia zerstört und das Landgebiet unter den
siegreichen Griechen aufgeteilt wurde. Die Griechen führten den Kult fort
und bauten das Panionion. In der Folge entfalteten sowohl der Kult als auch
das Heiligtum eine starke identitätsstiftende Wirkung und erlangten enorme
Bedeutung für die Stammesbildung (Ethnogenese) der Ionier und für die
Herausbildung ihrer kulturellen Identität. Noch der antike Historiker
Herodot aus Halikarnassos wusste, dass die Ionier ursprünglich keineswegs
einen homogenen Stammesverband gebildet hatten. Im 11. und 10. Jahrhundert
v. Chr. kamen sie im Zuge der so genannten "Ionischen Wanderung" in kleinen
Gruppen nach Westkleinasien. 

Wo liegt das Panionion?

Im 1. Buch seiner "Historiai" schreibt Herodot: "Das Panionion ist ein
heiliger Platz in der Mykale, der sich nach Norden erstreckt und von den
Ioniern gemeinsam dem Poseidon Helikonios geweiht ist". Ein anderer antiker
Historiker, Diodor, erwähnt, dass das Panionion ursprünglich an "einsamer
Stätte" gelegen habe und man es später verlegen wollte. Bereits 1673 hatten
englische Reisende auf der Nordseite des Mykale-Gebirges beim heutigen Ort
Güzelçamlý eine Inschrift aus der zweiten Hälfte des 4. Jahrhunderts v.
Chr. entdeckt, die das Panionion erwähnt. Es schien also nicht fern zu
sein. 

Auf der falschen Spur

Dennoch lagen die Archäologen zunächst falsch: Theodor Wiegand, der erste
Ausgräber von Priene und Milet und einer der bedeutendsten Archäologen des
20. Jahrhunderts, lokalisierte das Panionion 1904 am so genannten "Otomatik
Tepe" östlich Güzelçamlý, wo sich ein halbkreisförmiger Stufenbau und
Fundamente eines Altares erhalten haben. Ausgrabungen nahmen jedoch erst
Gerhard Kleiner und Peter Hommel in den 1950er Jahren vor. Obwohl sie
keinerlei Reste der archaischen Zeit, also des 7. und 6. Jahrhunderts v.
Chr. fanden, hielten sie die Ruinen bei Güzelçamlý für das archaische
Panionion. Die Bochumer Archäologen um Hans Lohmann konnten bei ihren
diesjährigen Untersuchungen jedoch zweifelsfrei feststellen, dass dort
lediglich eine Bauruine liegt: "Offenbar hatte man Ende des 4., Anfang des
3. Jahrhunderts. v. Chr. beschlossen, den panionischen Bund und seinen Kult
wiederzubeleben, der seit den Perserkriegen Anfang des 5. Jahrhunderts
ruhte", so Lohmann. "Aber der Plan wurde nie völlig realisiert, der Bau
blieb unvollendet. Das archaische Panionion musste also woanders liegen ..."

Auf der richtigen Spur

Der berühmte Gräzist Ulrich von Wilamowitz-Moellendorf hingegen hatte
bereits um 1900 allein auf Grund der antiken "Nachrichten" die These
vertreten, dass Melia und das Panionion topographisch zusammenfallen. Die
Entdeckung durch Prof. Lohmann und sein Team bestätigen dies nun: Im
Bereich des Hauptkammes der Mykale, auf "Mykales luftigem Scheitel" (Homer,
Ilias 2, 869) stießen sie überraschend in 750 Meter Höhe auf die
ausgedehnten Ruinen einer befestigten karischen Höhensiedlung des frühen 7.
Jahrhunderts v. Christus. Darin fanden sie die Reste eines stark zerstörten
ionischen Tempels der Zeit um 540 v. Chr. Die bis zu drei Meter breiten,
stark verfallenen Wehrmauern bilden ein riesiges Dreieck, dessen Spitze im
Norden liegt. Der Tempel ist rund hundert Jahre jünger als der Krieg um
Melia und die Zerstörung der Siedlung. Dieser Befund scheint sowohl die
These von Wilamowitz zu bestätigen als auch die Angaben von Herodot und
Diodor: "Eine einsamere Stätte ist kaum vorstellbar", so Lohmann.

Raubgrabungen und Vandalen

"Doch haben nicht Erdbeben oder die Witterung ihre Zerstörung
herbeigeführt, sondern sie wurden offenkundig von Menschenhand absichtsvoll
geschleift", sagt Prof. Lohmann. Raubgrabungen hätten in jüngster Zeit
jedoch am Tempel des Poseidon schwere Schäden angerichtet, der heute nur
noch einen wüsten Schutthaufen von knapp 36 Metern Länge bildet, schildert
Lohmann. Dorthinein passt ein hundert Fuß langer Tempel, ein so genannter
Hekatompedos. Die Säulen waren nach den erhaltenen Fragmenten zu urteilen
etwa 6 Meter hoch - "ein archaischer Großbau", sagt Prof. Lohmann. Seine
Umgebung wurde mit Metalldetektoren abgesucht, wie zahlreiche Raublöcher
belegen. Da es unmöglich ist, diese hochbedeutende archäologische Stätte in
der Bergeseinsamkeit der Mykale wirkungsvoll zu schützen, ist für nächstes
Jahr unter der Ägide des zuständigen Museums Aydýn eine Notgrabung geplant.
"Gilt es doch, hochbedeutendes Kulturgut vor dem Zugriff vandalisierender
Halunken zu schützen, die nur auf Gold aus sind, und anderes wie
beispielsweise den wunderschönen archaischen Stirnziegel mit Darstellung
eines Löwen vom Dachrand des Tempels rücksichtslos zerschlagen", so Lohmann.


INFO

Prof. Dr. Hans Lohmann
Institut für Archäologische Wissenschaften der RUB
Fakultät für Geschichtswissenschaft
Tel. 0234/32-25389
E-Mail: hans.lohmann at rub.de