[WestG] [AUS] Pickert, Pommes, Pellkartoffeln. Streifzuege durch ein Kartoffelland, Minden, ab 03.10.

Marcus Weidner Marcus.Weidner at lwl.org
Die Okt 19 08:23:33 CEST 2004


Von: "Martin Wedeking" <martin.wedeking at arcor.de>
Datum: 18.10.2004, 10:59


AUSSTELLUNG

Pickert, Pommes, Pellkartoffeln. Streifzüge durch ein Kartoffelland.
Ausstellung zur Kulturgeschichte der Kartoffel im Preußen-Museum Minden
Minden, 03.10.2004-09.01.2005

Die Kartoffel ist heute aus unserer Nahrung nicht wegzudenken. Schwer vorstellbar, was die Menschen gegessen haben, bevor diese südamerikanische Ackerfrucht auch in Mitteleuropa angebaut wurde! Dabei ist das, historisch gesehen, noch gar nicht allzu lange her. Zwar gelangten schon bald nachdem die ersten spanischen Konquistadoren in das Hochland von Peru vordrangen, der Heimat der Kartoffel, erste Exemplare dieses auch den Spaniern wohlschmeckenden Nahrungsmittels nach Europa. Es dauerte aber noch gut 200-300 Jahre, bis sie auch bei uns tatsächlich in größerem Maßstab angebaut wurde. Wer hat die Kartoffel eingeführt? Um diese Frage kommt man in einer Ausstellung über die Kartoffel nicht herum. Gebührt diese Ehre Sir Francis Drake, dem englischen Freibeuter, der in zahlreichen Kartoffelliedern besungen wird? Oder dem "Alten Fritz", Preußens König Friedrich II., der der Überlieferung nach mit Druck und List die Bauern zu ihrem "Glück" zu zwingen verstand? 

Die meisten der über ihn erzählten Geschichten dürften in das Reich der Sage zu verweisen sein, denn während die staatlichen Versuche meist keine unmittelbare Wirkung hatten, setzte sich die Kartoffel vor allem durch praktische Beispiele gelungenen Anbaus von Ort zu Ort durch. So brachten wohl lippische Wanderziegler die ersten "Hollandeier" aus den Niederlanden in ihre Heimat mit. Auch Soldaten, die in niederländischen oder englischen Diensten die Kartoffel als Nahrungsmittel kennen gelernt hatten, trugen nach ihrer Rückkehr in die deutsche Heimat zu deren Verbreitung bei. Dabei setze sie sich zunächst dort durch, wo die Bodenverhältnisse für den Getreideanbau wenig geeignet waren, also im Bergland und auf mageren Böden, während in den fruchtbaren Ackerbauebenen erst mit den durch die Mißernten der Jahre um 1770 hervorgerufenen großen Hungersnöte ein stärkerer Kartoffelanbau durchsetze. Dennoch hatte die Kartoffel zunächst den Ruf der Armen- und Viehspeise und es so nicht leicht, auch in die Küche der "besseren" Leute vorzudringen.

Die Ausstellung im Preußen-Museum Minden beschäftigt sich mit diesen und anderen Aspekten rund um die Kulturgeschichte der Kartoffel. Da wären z.B. die zahlreichen Krankheiten und Schädlinge, die es auf die Kartoffelpflanze abgesehen haben. Die Kraut- und Knollenfäule hat z.B. in den 1840er Jahren einen Großteil der europäischen Kartoffelernte vernichtet, was speziell in Irland katastrophale Auswirkungen nach sich zog. Aber auch die letzte große Hungersnot in Deutschland, der sog. "Steckrübenwinter" im Ersten Weltkrieg, hatte ihre Ursache in dieser Kartoffelkrankheit. Später im Dritten Reich (und auch noch in der Nachkriegszeit) hat dann das massenhafte Auftreten des Kartoffelkäfers zahlreiche Menschen mobilisiert.
 
Landwirtschaftliche Geräte rund um Kartoffelanbau und -verwertung sind in der Ausstellung ebenso zu sehen wie botanische Bücher zur Kartoffel. In diesen finden sich z.B. die wahrscheinlich älteste Abbildung der Kartoffelpflanze, die erstmalige Zuordnung zu den Nachtschattengewächsen (weswegen Fachkreise lange Zeit an die Giftigkeit auch der eßbaren Knollen glaubten) und die erstmalige Benennung mit dem botanischen Namen "Solanum tuberosum", den die Kartoffel auch heute noch trägt. Ein Buch aus dem Jahre 1819 enthält die schönsten farbigen Zeichnungen der damals gängigen Kartoffelsorten. Es gab nämlich bei den Knollen eine immense Bandbreite von Dunkel- über Hellbraun, gelb, rosa bis hin zum tiefen Blau, außerdem die unterschiedlichsten Formen - eine Varianz, die wir uns heute kaum noch vorstellen können. 

Abschließend geht es um die Verwendung der Kartoffel als Nahrung bis hin zum heutigen Umgang mit der "tollen Knolle". Die neue Frucht mußte nämlich erst in bestehende Speisesysteme integriert werden, was regional unterschiedlich stattfand. Während Norddeutschland mit seinen vorherrschenden Gemüse-Fleisch-Eintöpfen als Grundnahrung kaum Probleme hatte, die Kartoffel diesen Speisen hinzuzufügen, war dies in Süddeutschland mit seiner auf Mehlspeisen basierenden Küche schon schwieriger. So sind dann mit den drei Begriffen "Pickert, Pommes, Pellkartoffeln" im Titel nicht nur drei Speisen auf "P" genannt, sondern stellvertretend auch drei der wichtigsten Zubereitungsarten der Kartoffel: Als ganze Kartoffel gekocht (Pellkartoffeln, Salzkartoffeln), geschnitten und gebraten (Bratkartoffeln) oder fritiert (Pommes frites), oder eben gerieben und gebraten (Reibekuchen, Rösti oder - zusammen mit Mehl -der Westfälische Pickert) bzw. gekocht (Klöße, Knödel).

Die Ausstellungsmacher Norbert Ellermann und Martin Wedeking haben zahlreiche Exponate rund um die Kartoffel zusammentragen können, der größte Teil sind Leihgaben von westfälischen Museen, einige kommen aber auch aus München sowie von etlichen Bibliotheken und Privatpersonen. Die Ausstellung "Pickert, Pommes, Pellkartoffeln. Streifzüge durch ein Kartoffelland" ist der Beitrag des Preußen-Museums am diesjährigen Themenjahr "Mahlzeit! Kultur des Essens und Genießens", das die Museumsinitiative in Ostwestfalen-Lippe zusammen mit über 40 Museen der Region ausrichtet. 


INFO

Öffnungszeiten: Di.-Do. & Sa.-So. 10.30 Uhr-17.00 Uhr. Mo. & Fr. geschlossen.
Ausstellungsort: Preußen-Museum NRW, Simeonsplatz 12, 32427 Minden.
Tel.: 0571/83728-0 
Fax: 0571/83728-30
Email: minden at preussenmuseum.de 
Internet: www.preussenmuseum.de und www.mahlzeit-owl.de