[WestG] [AUS] Die letzten Stunden von Herculaneum, Haltern, ab
21.05.2005
Marcus Weidner
Marcus.Weidner at lwl.org
Don Nov 18 09:45:30 CET 2004
Von: "LWL-Pressestelle", <presse at lwl.org>
Datum: 17.11.2004, 12:01
AUSSTELLUNG
Verschüttet vom Vesuv - Die letzten Stunden von Herculaneum:
Ausstellung über den Nachbarort Pompejis zum ersten Mal außerhalb Italiens zu sehen
Zum ersten Mal verlässt eine Ausstellung über Herculaneum, den Nachbarort Pompejis, Italien: Ab dem 21. Mai 2005 (bis 14.8.) präsentiert eine Schau in Haltern am See (Nordrhein-Westfalen) und anschließend in Berlin (September 05 bis Dezember 05) und Bremen (Januar 06 bis April 06) neue Ausgrabungsfunde aus dem römischen Ort, der 79 nach Christus komplett vom Vesuv verschüttet wurde. Ungefähr 5000 Einwohner zählte die kleine Küstenstadt am Golf von Neapel. Vor allem begüterte Römer und ihre Sklaven lebten dort, aber auch Handwerker und Ladenbesitzer, die die Reichen mit Waren versorgen.
"Die letzten Stunden von Herculaneum" werden durch gut erhaltene Skelette aus den Bootshäusern am Strand wieder wach gerufen, sowie durch Holzmöbel und kostbarste Wandmalereien, Goldschmuck und Bronzeskulpturen aus dem Archäologischen Nationalmuseum von Neapel. Ein Höhepunkt der Schau werden zwei antike Papyrusrollen aus der berühmten Villa dei Papiri sein, der weltweit einzig erhaltenen römischen Bibliothek. Sie gehörte wahrscheinlich dem Schwiegervater Caesars, wie die Organisatoren der Ausstellung am Mittwoch (17.11.) in Berlin erläuterten.
Die Ausstellung ist eine Kooperation des Westfälischen Römermuseums Haltern des Landschaftsver-bandes Westfalen-Lippe (LWL), des Pergamonmuseums, Antikensammlung, Staatliche Museen zu Berlin, und des Focke-Museums, Bremer Landesmuseum für Kunst und Kulturgeschichte. Sie entstand aus einer langjährigen Kooperation mit der Soprintendenza archeologica di Pompei (Prof. Pier Giovanni Guzzo) und der Soprintendenza per i Beni Archeologici di Napoli e Caserta (Dr. Valeria Sampaolo). Zahlreiche Kunstwerke aus deutschen Museen, in denen sich die Faszination der Menschen an den verschütteten Städten seit ihrer Wiederentdeckung spiegelt, ergänzen die Ausstellung.
Spektakuläre neue Funde
Bis vor kurzem hatten Archäologen nur sehr wenige Opfer der Katastrophe entdeckt. Unklar war bisher, ob sich fast alle Einwohner vor dem Ausbruch des Vesuvs in Sicherheit gebracht hatten. 1982 stießen italienische Kanalarbeiter durch Zufall auf die antiken Bootshäuser von Herculaneum. Dort hatten über 300 Menschen, zusammengedrängt im Dunkeln, durch die glühendheiße Asche einer so genannten pyroklastischen Wolke in Sekunden den Tod gefunden.
Dank neuer wissenschaftlicher Techniken waren die Forscher in der Lage, die Knochen zu "lesen". Die Skelette von Herculaneum lieferten italienischen und amerikanischen Anthropologen präzise Informationen über Geschlecht, Aussehen, Alter und Ernährung der Menschen, über ihre Krankheiten, ihren sozialen Stand und die Art ihres Todes. Viele litten an Erkrankungen der Atemwege, an Tuberkulose und Knochenbrüchen. An zahlreichen Skeletten lassen sich die Spuren harter Arbeit ablesen. Und keiner der Menschen, die am Strand von Herculaneum starben, war älter als 60 Jahre.
Projekt-Initiator Prof. Dr. Dieter Richter: "Herculaneum ist zu einem spannenden Lesebuch über Leben und Sterben in einer römischen Kleinstadt geworden. Man kann sich den 24. August 79 gut vorstellen - ein Sommertag am Golf von Neapel, Fischer ziehen ihre vollbeladenen Boote an den Strand. Eine frische Brise weht vom Meer, während sich die wohlhabenden Römer in den Gärten ihrer luxuriösen Sommervillen entspannen. Niemand ahnt, dass in ein paar Stunden der Vesuv ausbrechen und die ganze Stadt unter einer glühendheißen Lawine aus Asche, Schlamm und Bimsstein begraben wird."
Die Wiederentdeckung Herculaneums - Geburtsstunde des Klassizismus
Herculaneums Entdeckung begann vor fast 300 Jahren: Als ein Bauer 1709 im Ort Resina, dem heuti-gen Ercolano, einen Brunnen grub, stieß er auf Marmorblöcke römischer Zeit. Davon hörte der österreichische Prinz von Elboeuf, der sich an der Bucht von Neapel eine Villa errichten lassen wollte. Mit mühsam in den vulkanischen Tuff gegrabenen Stollen ließ er nach weiteren Kunstwerken suchen. Das erste Gebäude des vor über 1900 Jahren verschütteten Herculaneum war gefunden: das Theater. Dies war der Beginn der Ausgrabungen von Herculaneum, schon Jahrzehnte, bevor man Pompeji entdeckte.
Die Nachrichten über die wiedergefundene Stadt breiteten sich wie ein Lauffeuer durch Europa aus. Neben Presseberichten spielten dabei Reisebeschreibungen, gelehrte Abhandlungen und illustrierte Werke eine wichtige Rolle. Auf diese Weise wurde die verschüttete Antike am Golf von Neapel zu einem neuen touristischen Anziehungspunkt. Zahlreiche Besucher vor allem aus England, Frankreich und den deutschen Ländern kamen, um Augenzeugen der unerhörten Ereignisse zu werden.
Mit Fackeln bewaffnet stieg man durch die schmalen, schlüpfrigen Gänge in das verzweigte Labyrinth des unterirdischen Theaters hinab und bestaunte die zutage gekommenen Schätze im königlichen Schloss in Portici. Eine neue Form des Tourismus war entstanden.
Mit den Funden aus Herculaneum und Pompeji brach sich ein neuer Stil in Europa Bahn. Architekten, Maler, Dekorateure, Möbeltischler, Goldschmiede, Porzellankünstler begeisterten sich für den Geschmack "der Alten". Kunsthandwerker benutzten Abbildungen antiker Gebrauchsgegenstände als Vorlagen für eigene Schöpfungen. Wandmalereien aus Herculaneum und Pompeji wurden zu Vorbildern für Wanddekorationen in Schlössern und Bürgerhäusern. Die Wiederentdeckung der antiken Städte am Golf von Neapel wurde die Geburtsstunde des europäischen Klassizismus.
Die Villa dei Papiri
1750 ebenfalls bei der Anlage eines Brunnens wurde die größte und luxuriöseste Privatvilla der Römi-schen Welt entdeckt, die Villa dei Papiri.
Man grub sie bis 1764 durch ein System von Schächten und Stollen aus. Dabei ging es den Ausgrä-bern vor allem darum, Kunstschätze aus der Villa ans Licht zu holen.
Heute liegt die Villa dei Papiri 30 Meter unter dem Niveau der modernen Stadt. Die mehrstöckige, über 250 Meter lange Villa mit Säulenhallen, Meeresterrassen und Aussichtspavillon grenzte an einen Fluss, der sie vom Ort Herculaneum trennte.
Erbauer war vermutlich der Schwiegervater von Julius Caesar, Lucius Calpurnius Piso Cesonius, Konsul des Jahres 58 v.Chr. Seine Familie bewohnte die Anlage wahrscheinlich noch beim Ausbruch des Vesvus. Sie müssen große Kunstliebhaber gewesen sein: Neben qualitätsvollen Wandmalereien und Mosaiken kamen mehr als 70 Skulpturen aus Bronze und Marmor zu Tage. Sie schmückten den über 100 Meter langen Garten und die ihn umgebenden Säulenhallen.
Bei den Ausgrabungen stieß der Schweizer Bergbau-Ingenieur Karl Weber auch auf einen großen Raum voller Schränke, in denen mehr als 1700 schwärzliche Päckchen lagen, die der Villa ihren Namen gaben: Rollen aus Papyrus. Die weltweit einzige antike römische Bibliothek war gefunden. Die Forscher hofften auf noch unbekannte Schriften großer antiker Autoren. Doch die schwierige Abrollung und bis heute nicht abgeschlossene Entzifferung machten nur Werke weniger bedeutenderer Autoren lesbar, vor allem Schriften des griechischen Philosophen Philodemos von Gadara.
Zur Ausstellung erscheint im Verlag Philipp von Zabern ein reich bebilderter Begleitband. International renommierte Autoren bieten einen aktuellen und facettenreichen Überblick über die 79 n.Chr. verschüttete Stadt Herculaneum. Der Katalogteil informiert umfassen über die in Haltern am See, Berlin und Bremen gezeigten Objekte.
Die Organisatoren der Ausstellung
Dr. Rudolf Aßkamp, Museumsleiter des Westfälischen Römermuseums Haltern Dr. Dieter Bischop, Landesarchäologe Bremen
Prof. Dr. Jörn Christiansen, Direktor des Focke-Museum, Bremer Landesmuseum für Kunst und Kulturgeschichte
Dr. Josef Mühlenbrock, Projektleiter
Prof. Dr. Dieter Richter, Professor für Germanistik und Kulturgeschichte an der Universität Bremen
Priv.-Doz. Dr. Andreas Scholl, Direktor der Antikensammlung, Staatliche Museen zu Berlin, Preußischer Kulturbesitz
Renate Wiechers, Westfälisches Römermuseum Haltern, Museumspädagogik
Ausstellungsgestaltung
Atelier Hähnel, Düsseldorf