[WestG] [AKT] Westfaelische Archaeologen ziehen Jahresbilanz fuer 2003

Rita Börste rita.boerste at lwl.org
Fre Mar 12 11:14:34 CET 2004


Von: "LWL-Pressestelle", <presse at lwl.org> 
Datum: 11.03.2004, 09:13


AKTUELL

Pergament, Baerenknochen und Jubilaen: Westfaelische Archaeologen ziehen Jahresbilanz

Westfalen: Höhlen und Bergwerke, neue Bauprojekte und die Meldungen der
ehrenamtlichen Mitarbeiter hielten die Archäologen des Landschaftsverbandes
Westfalen-Lippe (LWL) im Jahr 2003 auf Trapp. Auch in den Museen rief Arbeit: In Herne
eröffnete das neue Westfälische Museum für Archäologie, das Westfälische Römermuseum in
Haltern und die Kaiserpfalz in Paderborn aktualisierten ihre Ausstellungen. In ihrer
140-seitigen Jahresbilanz blickt LWL-Chefarchäologin Dr. Gabriele Isenberg auf das
vergangene Jahr zurück: 

Neue Fundstücke, Ausstellungen und Sonderveranstaltungen warten nun in den 
drei archäologischen Museen des LWL auf Besucher. Der Höhepunkt im vergangenen
Jahr war die Eröffnung des neuen "Westfälischen Museums für Archäologie" in Herne. Das
größte Schaufenster für Archäologie in Westfalen gehört mit seiner Konzeption und
Gestaltung zu den modernsten Museen in Europa. Seit März 2003 erfreut es sich großer
Beliebtheit, bis zum Jahresende zählte es 65.000 Besucher. Das Westfälische Römermuseum
Haltern brachte im Jubiläumsjahr zum zehnjährigen Bestehen seine Dauerausstellung auf den
neuesten Stand der Forschung. Höhepunkt im Jahr 2004 sollen wieder die Römertage im
September werden, wenn "Römer" und "Germanen" ihre Zelte vor dem Museum aufschlagen und
zeigen, wie man vor 2000 Jahren an der Lippe lebte und kämpfte. 

Im Jahresbericht des Westfälischen Museums für Archäologie berichten die Archäologen und 
Paläontologen wieder von ihren Bemühungen um die Denkmäler im Boden, dem unterirdischen 
Geschichtsarchiv. Auch 2003 mussten sie im Vorfeld von langfristigen Baumaßnahmen, bei kurzzeitigen
Baustellenbeobachtungen oder Zufallsentdeckungen in ganz Westfalen aktiv werden. Dabei
bedeutete der vergangene Sommer für Grabungstechniker und Arbeiter erschwerte
Bedingungen. Trockenheit und starke Sonneneinstrahlung verwandelte die Erde mancherorts
in eine betonharte Masse, der mit Wasserspritzen und Gießkannen vorsichtig zu Leibe gerückt
wurde. Ein größeres Problem als der heiße Sommer war allerdings zunehmend die dünne
Personaldecke. Viele Kollegen hätten über die Grenzen ihrer Belastbarkeit hinaus "mehrere
Brände" auf einmal löschen müssen, schreibt LWL-Chefarchäologin und Museumsdirektorin
Dr. Gabriele Isenberg. "Dass das noch immer irgendwie gelang, ist ihrer Disziplin, ihrer
Begeisterung für die Archäologie und ihren logistischen Fähigkeiten zu verdanken", lobt
sie ihr Team. So können die archäologischen und paläontologischen Denkmalpfleger des LWL
trotz dieser Schwierigkeiten eine stolze Summe an bemerkenswerten Ergebnissen aufweisen.

Die LWL-Außenstelle Olpe untersuchte im vergangenen Jahr Höhlenbärenknochen aus der
Balver Höhle bei Balve im Märkischen Kreis. Der Höhlenbär ist vor 425.000 Jahren
ausgestorben. Die Untersuchungen an den Resten von über 100 Tieren zeigen, dass die meisten
während des Winterschlafs in der Höhle verhungert oder an Krankheiten verendet sind. Für den
Tod einzelner Bären waren Neandertaler verantwortlich, wie zum Beispiel Schnittspuren an
Knochen beweisen. In Dortmund-Asseln untersuchte die Stadtarchäologie eine Siedlung aus
der Zeit der ersten Bauern in Westfalen sowie fast 30 Gräber aus der jüngeren Bronzezeit (um
1000 v. Chr.) und aus der Völkerwanderungszeit. Die älteren Grabstellen sind umhegt von
Kreisgräben oder Gräben in Schlüssellochform mit einem Durchmesser von bis zu 16 Metern. In
einem Grab fand man zwei kleine Bleigefäße und ein verziertes bronzenes Tüllenmesser, einem
anderen Toten hatte man drei Gefäße und ein Rasiermesser mitgegeben. Diese Häufung ist von
Bronzebeigaben ist auffällig für Westfalen. In Kirchlengern (Kreis Herford) setzten die
Ausgräber von der Außenstelle Bielefeld ihre Arbeiten an der Siedlung aus der Zeit um Christi
Geburt fort. Im vergangenen Jahr legten sie drei weitere Hausgrundrisse frei, von denen zwei
für Ostwestfalen ganz außergewöhnliche Formen zeigen. Bei der Grabung in Lemgo (Kreis
Lippe) im ehemaligen Dominikanerinnenkloster St. Marien kamen statt eines unbebauten
Platzes Grundmauern von vier Häusern und drei Wasserleitungen aus unterschiedlichen
Epochen zum Vorschein, Teile des ehemaligen Wirtschaftshofes. Die älteste Wasserleitung
aus zwei Eichenbohlen ist möglicherweise identisch mit der ersten Leitung des Klosters, die
nach schriftlichen Quellen 1348 erbaut wurde. Es folgte eine Leitung aus Holz und Stein und
schließlich eine aus sorgfältig bearbeiteten Kalksteinplatten, die wahrscheinlich aus
der zweiten Hälfte des 19. Jahrhunderts stammt. Großflächige Ausgrabungen begannen im
Neubaugebiet Oelde-Weitkamp (Kreis Warendorf) bereits Ende Oktober 2002. Die Ergebnisse
übertreffen die Erwartungen. Immer wieder haben sich Menschen auf dem leicht erhöhten
Sandrücken zwischen zwei Bachläufen niedergelassen. Von durchziehenden Jägergruppen
nach dem Ende der letzten Eiszeit fanden die Ausgräber Reste eines Lagerfeuers und von
Arbeitsgeräten. Aus der Bronzezeit hat sich eine Grabanlage mit 19 Meter Durchmesser in
Teilen erhalten. Die Besiedlung der Gegend während der Eisenzeit im 2. bis 1. Jahrhundert v.
Chr. konnten die Archäologen von der Außenstelle Münster auf dem gesamten Grabungsareal
nachweisen. Bislang sind vier Gehöfte mit Grundrissen größerer Wohnhäuser aufgedeckt
worden. Den größten Anteil an Funden bilden Keramikreste und große Mengen verkohlten
Getreides. Die mittelalterliche Besiedlung begann im 9. Jahrhundert. Und schließlich
liegt auf dem Grabungsareal auch ein Teil des ehemaligen Uthofes, eine Hofanlage, die 1308
erstmals urkundlich erwähnt und erst 1878 aufgegeben wurde. Die Paläontologen des
LWL-Naturkundemuseums verfolgen seit einigen Jahren ein Projekt in westfälischen
Bergwerken. Vor allem in den Schichten im Bergwerk Ibbenbüren (Kreis Steinfurt) haben sich
Riesentausendfüßler, Seeskorpione, Krebse und zahlreiche Pflanzenreste aus der Zeit des
Ober-Karbons, vor 310 bis 295 Millionen Jahren, erhalten. 


INFO

Interessierte können den Jahresbericht ("Neujahrsgruß 2004") im Westfälischen Museum für 
Archäologie in Herne, im Westfälischen Römermuseum Haltern und in der Kaiserpfalz 
in Paderborn zum Preis von 3 Euro erwerben oder unter Telefon 0251/59 07-2 85 bzw. 
per e-Mail (ruth.schülting at lwl.org) bestellen. Er kostet 3,80 Euro einschließlich 
Porto und Verpackung.