[WestG] [AKT] Dortmunder Schnitzaltar Kunstwerk des Monats
Marcus Weidner
Marcus.Weidner at lwl.org
Fre Jul 16 10:50:14 CEST 2004
Von: "LWL-Pressestelle", <presse at lwl.org>
Datum: 16.07.2004, 10:04
AKTUELL
Das "Goldene Wunder von Dortmund":
LWL kürt seltenen Schnitzaltar zum Denkmal des Monats
633 vergoldete Figuren, die in 30 Szenen angeordnet sind, zieren die innere
"Sonntagsseite" des brabantischen Altares in der Dortmunder Petrikirche. Sie haben dem
5,65 Meter hohen und 7,49 Meter breiten zweifach aufklappbaren Altar den Beinamen das
"Goldene Wunder von Dortmund" eingebracht. Obwohl die Antwerpener Produktionsstätten für
Schnitzaltäre schon im 16. Jahrhundert eine Art Massenherstellung betrieben und Kirchen
von Spanien bis Nordeuropa belieferten, sind weltweit nur knapp 200 dieser Altäre erhalten.
Weil der Dortmunder nicht nur zu den größten, sondern auch zu den Altären gehört, bei denen die
meiste Originalbemalung und Vergoldung erhalten ist, hat ihn der Landschaftsverband
Westfalen-Lippe (LWL) jetzt zum Denkmal des Monats gekürt.
Der Altar ist um 1521 in Antwerpen
hergestellt worden. Antwerpen war einer der erfolgreichsten Produktionsstätten für
Schnitzaltäre. Sie bestehen aus einem Schrein mit Gefachen und klappbaren Flügeln, die
außen bemalt sind. "Die Altäre wurden nach Maß und Gestaltungswunsch in einer Art *Just in
Time' -Logistik produziert: Verschiedene Werkstätten haben die Schreiner-, Schmiede-,
Schnitz- und Malerarbeiten angefertigt. Figuren und Architektur sind wieder von anderen
vergoldet und bemalt, Gemälde der Flügel von verschiedenen Künstlern gemalt worden",
erklärt LWL-Denkmalpfleger John Farnsworth die aufwändige Produktion. Das Besondere
daran: Die Antwerpener hatten schon eine ausgeprägte Qualitätskontrolle: "Die
Schnitzfiguren bekamen nach Abnahme durch die Handwerkszünfte ein Qualitätssiegel, einen
Stempel in der Form einer Hand. Erst wenn das Gesamtwerk fertig war, bekamen die Altäre ein
letztes Qualitätssiegel in Form von zwei Händen und drei Türmen", erklärt Farnsworth.
Das "Goldene Wunder von Dortmund" wandelt sein Äußeres dreimal, wenn die Klappflügel geöffnet
werden: Auf den Flügeln sind in 43 Bilden biblische Geschichten zu sehen. Erst wenn die
Doppelflügel ganz geöffnet sind, präsentiert der Schrein in seinem Inneren die
Sonntagsseite, die früher tatsächlich nur an Sonntagen gezeigt wurde. Hier erzählen die 633
bemalten und vergoldeten Figuren in 30 Szenen die Leidensgeschichte Jesu. "Diese Bilder-
und Reliefgeschichten waren für die Gläubigen wichtig, denn die meisten von ihnen konnten
nicht lesen", so Farnsworth. Die Franziskaner haben den Altar für ihre Dortmunder
Klosterkirche bestellt. Dafür haben sie die damals ungeheure Summe von 900 brabantischen
Goldgulden bezahlt - das entsprach dem Wert von drei bis vier Handelsschiffen. Als das
Kloster im Zuge der Säkularisation aufgehoben wurde, kaufte die Petrigemeinde den Altar und
brachte ihn kurz vor dem Abbruch der Klosterkirche 1809 in ihre Kirche, deren Altar bei einem
Blitzeinschlag zerstört worden war. In der Petrikirche blieb der Altar, bis er während des
Zweiten Weltkriegs ausgelagert wurde. 1954 kam er wieder nach Dortmund in eine Notkirche
zurück, da der Wiederaufbau der Petrikirche noch nicht vollendet war. Von Anfang der 60er
Jahre an wurde der Altar restauriert. Er wurde 1985 gleichzeitig mit dem Aufsetzen des neuen
Turmhelms auf die Petrikirche fertiggestellt. Die Gemeinde der Petrikirche steht nun
wieder vor einer Mammutaufgabe: Der Zahn der Zeit hat wieder soweit an der Bemalung und
Vergoldung von 1521 genagt, dass das "Goldene Wunder" dringend konserviert werden muss. Die
Kosten dafür werden voraussichtlich 200.000 Euro betragen.