[WestG] [AKT] Tag fuer Denkmalpflege, Muenster, 2./3. 07.2004
Alexander Schmidt
Alexander.Schmidt at lwl.org
Fre Jul 2 14:56:08 CEST 2004
Von "LWL-Pressestelle", <presse at lwl.org>
Datum: 02.07.04 13:51
AKTUELL
170 Experten beschäftigen sich beim "1. Westfälischen Tag für
Denkmalpflege" mit dem Weiterbauen am Denkmal
Ein Baudenkmal kann man auf Dauer nur erhalten, wenn es genutzt
wird. Doch was tun, wenn der Platz für die geplante Nutzung nicht
reicht? Dann darf sich ein Anbau oder ein Treppenhaus an die
historische Bausubstanz anfügen. Aber wie soll die Erweiterung eines
historischen Baudenkmals aussehen? Mit dieser Frage, die in der
Denkmalpflege fast täglich auftaucht, beschäftigten sich auf Einladung
des Landschaftsverbandes Westfalen-Lippe (LWL) 170 Denkmalpfleger,
Architekten, Denkmaleigentümer, Mitarbeiter von öffentlichen
Verwaltungen und kirchlichen Institutionen beim "1. Westfälischen Tag
für Denkmalpflege" am Freitag und Samstag (2./3. Juli) in Münster
unter dem Titel "Weiterbauen am Denkmal - Historische und aktuelle
Beispiele von Erweiterungs- und Zusatzbauten an Baudenkmälern".
"Die Geschichte von Denkmälern und von Denkmalbereichen endet
nicht mit der so genannten Unterschutzstellung. Wenn Veränderungen
notwendig sind, erhält das Denkmal mit den Erweiterungen weitere
Geschichtsspuren", erklärt Prof. Dr. Eberhard Grunsky, Leiter des
Westfälischen Amtes für Denkmalpflege beim LWL. Ein Grund für
Veränderungen kann sein, dass ein Denkmal anders genutzt werden
soll. Oft reicht aber einfach der Platz nicht mehr aus, weil die Familie
gewachsen ist, die in einem Baudenkmal wohnt oder ein Unternehmen,
das in einem Denkmal arbeitet, expandieren möchte. "Manchmal kommen
bauordnungsrechtliche Vorgaben wie die Schaffung eines zweiten
Rettungsweges hinzu oder der Wunsch nach einem behindertengerechten
Zugang, der den Anbau von Aufzugstürmen notwendig machen kann.
Bis in die jüngere Vergangenheit haben Gemeinden ihre Kirchen erweitert
oder um Sakristeien ergänzt, weil sich die Gemeindegröße verändert
hatte oder die Gemeinde die Kirche umgestaltet hat, um sie auf andere
Art und Weise nutzen zu können", so Grunsky. Gelegentlich sei der
Anbau an ein Denkmal sogar ausdrücklich einem Eingriff in die kostbare
historische Struktur des Baudenkmals vorzuziehen, weil ansonsten
Originalsubstanz unwiederbringlich verloren gehen würde, so der
LWL-Chefdenkmalpfleger weiter. "Dann stellt sich die Frage, ob man
den Anbau möglichst unauffällig an das historische Gebäude anpassen
oder bewusst in zeitgenössischer Formensprache absetzen sollte.
Diese Entscheidung kann man nur im konkreten Einzelfall beantworten.
Dabei muss man die Denkmaleigenschaft und die geplante Nutzung
des Einzelfalls betrachten", lehnt Grunsky eine pauschale Antwort
auf eine der kniffeligsten Fragen in der Denkmalpflege ab. In acht
Kurzvorträgen haben nicht nur LWL-Denkmalpfleger sondern auch
Architekten, Hochschullehrer, kommunale Denkmalpfleger und Nutzer
von Denkmälern beim "1. Westfälischen Tag für Denkmalpflege" ihre
Sicht des Themas dargestellt. Bei drei Exkursionen in Münsters
Innenstadt, ins Münsterland (Ascheberg, Davensberg und Lüdinghausen)
und ins Ruhrgebiet (Recklinghausen, Bochum, Gelsenkirchen) haben
sich die Tagungsteilnehmer konkrete Beispiele für das Weiterbauen
am Denkmal angeschaut.
Dabei haben die 170 Tagungsteilnehmer anhand von gelungenen
und weniger gelungenen Fallbeispielen Grundsätze herausgearbeitet,
die Denkmaleigentümern und Architekten sowie der interessierten
Fachöffentlichkeit für die Zukunft als Anregung und Leitlinie dienen
können. Diese Grundsätze sehen zum Beispiel vor, dass bei Veränderungen
die Denkmalerhaltung Vorrang hat vor dem Wunsch, das Überlieferte
zu verschönern. Im Mittelpunkt steht dabei immer, die Baudenkmäler
in ihrer alten Substanz zu erhalten. "Nur diese Substanz macht sie zu
glaubhaften Geschichtszeugnissen. Verjüngungskuren oder Stilkorrekturen
sind kein angemessener Umgang mit Geschichtszeugnissen", betont
Grunsky.
Wenn Veränderungen oder Erweiterungen zwingend notwendig sind,
damit das Denkmal überleben kann, muss auch der neue Teil ein
glaubwürdiges Zeugnis für seine Entstehungszeit sein. "Auch wenn
- etwa im Rahmen eines Fassadenprogrammes " "Sünden der Vergangenheit'
durch "Rückbau' wieder "geheilt' werden, wird neu gestaltet. Ob
man sich dazu alter Formen bedienen soll und eventuell verlorene
Teile nachbildet, muss man in jedem Einzelfall sehr gründlich bedenken.
Im Zweifelsfall - und das dürfte der Normalfall sein - sollte man darauf
verzichten", rät Grunsky zur Zurückhaltung. Die Frage nach der
gestalterischen Qualität von Neuem in oder an Denkmälern oder von
Neubauten in Denkmalbereichen zu beantworten, sei keine Aufgabe
von Denkmalpflegern.
Sie hätten allein danach zu urteilen, welche Auswirkungen das Neue
auf das Alte habe, ob es Denkmalsubstanz zerstöre oder gefährde, oder
ob das Erscheinungsbild beeinträchtigt werde, so der LWL-Chefdenkmalpfleger
weiter. Hintergrund: Der "Westfälische Tag für Denkmalpflege", den der LWL
in diesem Jahr erstmals organisiert hat, wendet sich an Denkmaleigentümer,
Denkmalpfleger, Architekten, Ehrenamtliche, Mitarbeiter von öffentlichen
Verwaltungen und kirchliche Institutionen sowie die interessierte Öffentlichkeit.
Er soll künftig alle zwei Jahre stattfinden und den Teilnehmern Informationen
und Diskussionsmöglichkeiten zu einem fest umrissenen Arbeitsfeld der
Denkmalpflege bieten