[WestG] [LIT] RUB-Historiker untersuchen Wirtschaftselite

Marcus Weidner Marcus.Weidner at lwl.org
Die Jan 6 15:33:09 CET 2004


Von: "Josef König" <josef.koenig at presse.ruhr-uni-bochum.de>, Pressestelle Uni Bochum
Datum: 06.01.2004, 14:52


LITERATUR

Handverlesen und exklusiv
Karriereverläufe deutscher Unternehmer
RUB-Historiker untersuchen Wirtschaftselite

"Klein, aber fein" und vor allen Dingen undurchlässig war der Kreis
derjenigen, die im letzten Jahrhundert zur deutschen Wirtschaftselite
zählten. Die Familiendynastien orientierten sich ebenso wie die
Wirtschaftsbarone und Warenhausbesitzer an bürgerlichen Wertvorstellungen,
so der Tenor der Beiträge im jüngst erschienenen Sammelband "Die deutsche
Wirtschaftselite im 20. Jahrhundert. Kontinuitäten und Wandel". Die
Aufsatzsammlung fasst die Ergebnisse einer Tagung zusammen, die das
Institut für soziale Bewegungen der Ruhr-Universität Bochum im Herbst 2001
in Zusammenarbeit mit dem Arbeitskreis für kritische Unternehmens- und
Industriegeschichte e.V. und der Gesellschaft für Unternehmensgeschichte
organisiert hat. Herausgegeben wurde der Sammelband von den beiden Bochumer
Historikern Dr. Stefan Unger und Prof. Dr. Dieter Ziegler in Zusammenarbeit
mit Prof. Dr. Volker Berghahn, der an der Columbia University New York
lehrt.

Gleich zu gleich gesellt sich gern

"Wer es bis in die Chefetagen schaffen will, sollte von seiner
Persönlichkeitsstruktur her denjenigen ähneln, die bereits in solchen
Positionen sitzen", so Michael Hartmann (Darmstadt) in seinem Beitrag über
die deutsche Wirtschaftselite nach 1945. Während er die soziale Herkunft
als zentralen Rekrutierungsfaktor hervorhebt, betont Hervé Joly (Lyon) in
seiner Untersuchung deutscher Unternehmensfamilien die familiären Bande.
Christiane Eifert (Berlin) macht in ihrem Beitrag
geschlechtergeschichtliche Aspekte stark. Sie zeigt am Beispiel der
Unternehmerinnen, dass Frauen in Familienbetrieben die größten
Aufstiegschancen hatten. Rückten sie durch Erbschaften in
Führungspositionen auf, mussten sie sich häufig ihren Aufgaben stellen,
ohne formal dazu qualifiziert zu sein. 

Kontinuität der Wirtschaftselite

Einzelfallanalysen, wie Dieter Zieglers Untersuchung des Bankwesens und
Lutz Budraß (beide Bochum) Analyse der deutschen Luftfahrtindustrie
unterstützen die These von der Kontinuität der Wirtschaftselite. Einzig die
Untersuchungen der Vorstände der IG-Farben-Nachfolgeunternehmen sowie der
Warenhauskonzerne Karstadt und Kaufhof legen den Schluss nahe, dass die
soziale Herkunft kaum Einfluss auf die Rekrutierungsmuster der
Spitzenmanager besaß, sondern allein Ausbildung und Qualifikation
ausschlaggebend waren.

Festhalten am bürgerlichen Wertehimmel

Die These von der allmählichen Erosion bürgerlicher Werte im 20.
Jahrhundert wiederlegen Jörg Lesczenski (Bochum) und Birgit Wörner
(Frankfurt) mit ihrer vergleichenden Analyse von Moritz von Metzler und
August Thyssen. Sie untersuchen deren Vorstellung von Familie und
Kindererziehung und ihren Ethos. Auch die Tübinger Historikerin Cornelia
Rauh-Kühne kommt in ihrem Beitrag über Hans-Constantin Paulsen, dem
Generaldirektor des Aluminiumwalzwerks Singen und langjährigen Präsidenten
der Bundesvereinigung deutscher Arbeitergeberverbände, zu dem Ergebnis,
dass deutsche Bürgerlichkeit nach dem Zweiten Weltkrieg keineswegs
ausgelöscht war, sondern zum "Sozialgepäck" der Wirtschaftselite zählte.


INFO

Die deutsche Wirtschaftselite im 20. Jahrhundert, hg. von Volker R.
Berghahn, Stefan Unger und Dieter Ziegler, Essen 2003, Klartext, 461
Seiten, Preis 39 Euro, ISBN 3-89861-256-2

Weitere Informationen

Prof. Dr. Dieter Ziegler, Fakultät für Geschichtswissenschaft der
Ruhr-Universität Bochum, 44780 Bochum, GA 4/62, Tel: 0234/ 32-24660,
E-Mail: Dieter-Ziegler at web.de 



Dr. Josef Koenig
RUB - Ruhr-Universitaet Bochum
- Pressestelle -
44780 Bochum
Tel: + 49 234 32-22830, -23930
Fax: + 49 234 32-14136