[WestG] [AKT] In der Karwoche: Wenn die Kirchenglocken schweigen...
Rita Börste
rita.boerste at lwl.org
Mon Apr 5 11:47:14 CEST 2004
Von: "LWL-Pressestelle" <presse at lwl.org>
Datum: 05.04.2004, 10:28
AKTUELL
Wenn die Kirchenglocken schweigen...
In der Karwoche riefen früher Ratschen zum Gottesdienst
Westfalen (lwl). Obwohl am Gründonnerstag (in diesem Jahr am 8. April) bis zum Zweiten
Weltkrieg in vielen Gegenden Westfalens tatsächlich grüne Gerichte auf den Tisch kamen, hat
der Name Gründonnerstag nichts mit dem ersten sprießenden Frühjahrsgrün zu tun. "Die
Bezeichnung, die es schon im 13. Jahrhundert gab, stammt wahrscheinlich von "greinen', das
so viel wie jammern, klagen oder weinen bedeutet", erklärt Christiane Cantauw,
Volkskundlerin beim Landschaftsverband Westfalen-Lippe (LWL). Am Gründonnerstag
beginnt nach dem "Gloria" die so genannte "stille Zeit", in der auch die Kirchenglocken
schweigen. Die Aufgabe der Glocken übernahmen in vielen westfälischen Orten die
"Rappeljungs", das waren Messdiener oder andere junge Burschen, die mit Lärminstrumenten
zur Messe riefen. Die Kinder, die während der "stillen Tage" mit Klappern und Ratschen zum
Gottesdienst gerufen hatten, gingen am Karsamstag von Tür zu Tür und sammelten Eier als
Belohnung für diesen Dienst. Auch in der Messe kamen bei der Wandlung statt der üblichen
Schellen Ratschen zum Einsatz. Das Klappern und Rappeln, das bis zum Zweiten Weltkrieg in
Westfalen die Stille der Kar-Tage durchbrochen hatte, wird heute vielfach wiederbelebt wie
zum Beispiel in Beverungen (Kreis Höxter). Nachdem die Gläubigen in der Messe am
Gründonnerstag das letzte Abendmahl Christi mit seinen Jüngern gefeiert haben, wird als
Zeichen der Trauer jeglicher Kerzen- oder Blumenschmuck aus der Kirche entfernt. Seit dem
Mittelalter ist der Gründonnerstag ein beliebter Termin für Armenspeisungen. Mancherorts
haben sich noch Relikte dieses Brauches erhalten: So wurden bis zum Ersten Weltkrieg in Ahaus
(Kreis Borken) in der Kirche kleine Weizenbrötchen geweiht und nach der Messe an die
Schulkinder verteilt. Die zu Zwieback gehärteten länglichen Brötchen wurden als
"Ordensbrötchen" bezeichnet. In vielen Orten Westfalens aß man am Gründonnerstag
traditionell etwas Grünes: "In Versmold im Kreis Gütersloh war es der "grüne Pfannkuchen':
ein gewöhnlicher Eierpfannkuchen, in den man aber das erste Grün aus dem Küchengarten
gebacken hatte. In Brockhagen im Kreis Gütersloh kam ein Gericht mit grünen Bohnen auf den
Tisch. Gelegentlich hört man auch von eingekochtem Spinat. Hauptsache war, dass in allen
Fällen etwas "Grünes' dabei war", so Cantauw. Gern seien auch die ausgeschlagenen Triebe des
Grünkohls, die so genannten "Kohlspruten", frischer Melde, junge Brennnesseln oder
Giersch zubereitet worden. Im Kreis Siegen-Wittgenstein verwendete man auch
Wiesenknöterich, Süßdolde, Sauerampfer oder Löwenzahn, so die Mitarbeiterin der
Volkskundlichen Kommission für Westfalen weiter. Die Westfalen bezeichneten den
Karfreitag auch als "stillen Freitag". Sie vermieden möglichst jeglichen Lärm.
Zimmerleute und Schmiede arbeiteten an diesem Tag nicht oder räumten allenfalls die
Werkstatt auf. Da der Karfreitag für Protestanten der höchste Feiertag im Jahr ist, galt für
sie strikte Arbeitsruhe. Man zog sonntägliche Kleidung an (teilweise auch Trauerkleidung)
und ging zum Abendmahl. Die Katholiken besuchten die Messe und nutzten den Rest des Tages für
verschiedene ruhigere Arbeiten in Haus und Hof. Eine noch heute verbreitete Fastenspeise am
Karfreitag ist der "Struwen", ein Ölgebäck aus Mehl, Milch, Eiern und Rosinen. Andere
Karfreitagsspeisen waren Milchreis, Stockfisch, eingelegter Hering, Biersuppe oder
Krapfen. Teilweise verzichtete man auf zwei oder drei der täglichen fünf Mahlzeiten.
"Die Bezeichnung Karfreitag geht übrigens auf den althochdeutschen Begriff "chara" zurück, was
soviel wie Klage oder Trauer bedeutet", so Cantauw. In vielen katholischen Orten besuchten
die Gläubigen am Karfreitag Kreuzwegandachten oder Karfreitagsprozessionen. Dort, wo es
keine gesonderten Andachten oder Prozessionen gab, wurde abends der Rosenkranz gebetet. In
Pöbsen (Kreis Höxter), Menden (Märkischer Kreis) oder Delbrück (Kreis Paderborn) finden
auch heute noch die sogenannten "Kreuztrachten" statt. "Das sind Prozessionen, in denen ein
Christusdarsteller ein Holzkreuz trägt. In der Barockzeit war diese Form von Prozessionen
wesentlich weiter verbreitet. Zahlreiche Darsteller führten dabei die biblischen
Schilderungen von der Verurteilung und Kreuzigung Jesu den Menschen bildlich vor Augen.
Durch die Ausartung zu regelrechten Jahrmarktsveranstaltungen wurden viele
Kreuztrachten von den Pfarrern verboten. Auch die Aufklärung trug zum Wegfall dieses
Brauches bei", erläutert Cantauw, warum die heutigen Kreuztrachten nur eine stark
reduzierte Form des alten Brauches darstellen. Der Karsamstag war für die katholische
Bevölkerung wegen der Feuer- und Wasserweihe von besonderer Bedeutung: Am Abend des
Karsamstags wird auch heute noch vor vielen Kirchen das Osterfeuer entfacht. An ihm
entzündet der Priester die Osterkerze und trägt sie in die dunkle Kirche. Die
Gottesdienstbesucher entzünden dann ihre Kerzen an der Osterkerze. Mit diesem Licht wurde
früher das heimische Herdfeuer neu entfacht. In vielen Kirchen stand Weihwasser in großen
Holzfässern zum Abholen bereit. "Die Leute kamen mit großen und kleinen Flaschen, die sie
hineintauchten und vollaufen ließen", so Cantauw. In Attendorn (Kreis Olpe) ist es immer
noch üblich am Karsamstag vor der Kirche ein Osterbrot zu weihen. Es ist mit Kümmel gebacken
und an jedem Ende mit zwei Zipfeln versehen.