[WestG] [AKT] Vortrag: Antisemitismus in Seebaedern, Kurorten, Sommerfrischen 1871-1945, Hagen, 19.11.2003

Marcus Weidner Marcus.Weidner at lwl.org
Mon Nov 17 16:10:36 CET 2003


Von: "Newsletter Historisches Centrum Hagen" <histcent at hclist.de>
Datum: 17.11.2003, 14:53


AKTUELL: VORTRAG

"Unser Hotel ist Judenfrei".
Über den Antisemitismus in Seebädern, Kurorten und Sommerfrischen 1871-1945

Dr. Frank Bajohr
Forschungsstelle für Zeitgeschichte in Hamburg

19. November 2003, 19 Uhr.
Vortragssaal im Historischen Centrum
Der Eintritt ist frei

Viel ist über den Antisemitismus geschrieben worden, doch eher wenig ist
über die alltäglichen Dimensionen von Judenfeindschaft in den Beziehungen
von Juden und Nichtjuden in Deutschland bekannt.

Dieser wichtigen Frage wird am Beispiel des "Bäder-Antisemitismus"
nachgegangen: Nicht erst in der NS-Zeit, sondern bereits im letzten Drittel
des 19. Jahrhunderts deklarierte sich eine wachsende Zahl von Erholungsorten
sowie Hotels und Pensionen öffentlich als "judenfrei", um antisemitisch
gesonnene Gäste anzusprechen. Im Gegensatz zu den etablierten,
traditionsreichen Bädern mit internationalem Publikum (Baden-Baden,
Norderney, Heringsdorf, Westerland) gerierten sich vor allem jüngere Bäder
antisemitisch (Borkum, Zinnowitz), die als "latecomer" auf ein eher
kleinbürgerlich-mittelständisches Publikum orientiert waren. Damit breiteten
sich lange vor Machtantritt der Nationalsozialisten öffentliche Zonen der
Apartheid aus, die für das Selbstverständnis der deutschen Juden und ihre
gesellschaftliche Stellung weitreichende Folgen hatten.

Der Vortrag verfolgt diese Nachtseite der touristischen Entwicklung im
Wandel der Jahrzehnte und im internationalen Vergleich. Nach 1933 gipfelte
der Bäder-Antisemitismus in Deutschland in der vollständigen Ausgrenzung von
Juden aus Seebädern und Kurorten. Er war jedoch ein beklemmendes
internationales Phänomen, das unter anderem in den USA weit verbreitet war,
wo noch in den 1950er Jahren rund 30% der Ferienhotels keine jüdischen Gäste
akzeptierten.


Der Referent

Dr. phil. Frank Bajohr
Historiker, Studium der Geschichte, Sozial- und Erziehungswissenschaften in
Essen, seit 1989 an der Forschungsstelle für Zeitgeschichte in Hamburg
tätig, 2000/2001 Fellow am International Institute for Holocaust Research in
Yad Vashem/Jerusalem. Verfasser zahlreicher Bücher und Aufsätze zur NS-Zeit,
darunter: "Arisierung" in Hamburg. Die Verdrängung der jüdischen Unternehmer
1933-1945, Hamburg 1997; Parvenüs und Profiteure. Korruption in der NS-Zeit,
Frankfurt/Main 2001.


INFO

HISTORISCHES CENTRUM ONLINE
http://www.historisches-centrum.de 
E-Mail: info at historisches-centrum.de