[WestG] [AUS] "Neapel - Bochum - Rimini. Arbeiten in
Deutschland, Urlaub in Italien", Bochum
Rita Börste
r.boerste at lwl.org
Die Jul 8 11:03:46 CEST 2003
Von: "Christiane Spänhoff" <c.spaenhoff at lwl.org>
Datum: 08.07.2003, 9:23
"Neapel - Bochum - Rimini. Arbeiten in Deutschland, Urlaub in Italien"
Ausstellung im LWL-Industriemuseum Zeche Hannover
Bochum: Harte Arbeit unter Tage im Revier - Dolce Vita am Strand von Rimini: Während nach dem deutsch-italienischen Anwerbeabkommen 1955 tausende italienischer Gastarbeiter ins Ruhrgebiet kamen, spülte die Reiseweile Millionen von Deutschen an die Strände von bella Italia. Das Spannungsfeld dieser Wanderungsbewegung beleuchtet das Westfälische Industriemuseum Zeche Hannover in der neuen Ausstellung "Neapel - Bochum - Rimini". Vom 12. Juli bis zum 26. Oktober geht es im Bochumer Museum des Landschaftsverbandes Westfalen-Lippe (LWL) um Arbeiten in Deutschland und Urlaub in Italien in den 1950er und 60er Jahren.
Mit über 350 Exponaten schildert die Schau den Alltag italienischer Arbeiter im Ruhrgebiet, zeigt Erinnerungsstücke der ersten Urlaubsreisen aus dem Wirtschaftswunderland nach Italien und fragt nach den gegenseitigen Vorstellungen und Erfahrungen zwischen Wunsch, Klischee und Wirklicheit. Ein großer Teil der Ausstellungsstücke stammt aus Privatbesitz: "Über 40 private Leihgeber - darunter 28 Italiener - sind unserem Aufruf gefolgt und haben persönliche Gegenstände und zahlreiche Fotos beigesteuert", freut sich Anke Asfur, wissenschaftliche Volontärin am LWL-Industriemuseum.
Zu sehen unter anderem: der über 100 Jahre alte Koffer, mit dem Mauro Bunonadonna in den 60er Jahren nach Hagen kam, der Tauchsieder, den sich die Mazzarisis kurz nach der Ankunft in Deutschland für das Wohnheim kauften, der Rasierpinsel von Rito Malviani - gekauft auf der Reise am Mailänder Bahnhof und Jahrzehnte aufbewahrt in seinem Spind im Bochumer Opelwerk -, die Spaghettimaschine, die Don Cataldo mit über die Alpen nahm, und gehäkelte "Schlafsocken", die Mama Malviani aus Sizilien ihrem Sohn für das Leben im kalten Ruhrgebiet mitgab.
Dokumente wie der erste Arbeitsvertrag, italienische Anwerbebroschüren für den Ruhrbergbau, Wörterbücher und größere Exponate wie eine Bahnhofswartebank - beliebter Treffpunkt der Italiener - und die obligatorische Vespa ergänzen das Spektrum. Reisenanzeigen, Filmplakate, Schallplatten und Zahlen zeugen von der Italiensehnsucht der Deutschen, die es mit wachsendem Wohlstand und mehr Urlaubstagen gen Süden zog: 1958 reisten vier Millionen Deutsche nach Italien. Souvenirs wie Muschelkästchen, Glasvasen, feine italienische Damenschuhe und ganze Fotoalben erinnern an die ersten Italienurlaube mit dem Käfer, der Bahn oder dem Campingwagen, mit dabei: die Dose Ravioli, 1958 von Maggi auf den Markt gebracht. Von der Italiensehnsucht profitierten auch die neuen Eisdielen - das Museum zeigt Fotos und Interieur aus den 50er Jahren.
"Die Geschichte der Zuwanderung von italienischen Arbeitern nach Deutschland hat eine lange Tradition", weiß Museumsleiter Dietmar Osses. Bereits zu Beginn des 19. Jahrhunderts arbeiteten in Deutschland viele italienische Fachkräfte im Tunnel- und Eisenbahnbau, in Steinbrüchen und Bergwerken.
Weil im Nachkriegsdeutschland zunächst vor allem im Bergbau und in der Landwirtschaft Arbeitskräfte fehlten, im strukturschwachen Süden Italiens dagegen junge Menschen perspektivlos waren, schlossen die beiden Regierungen am 20. Dezember 1955 ein "Abkommen über Anwerbung und Vermittlung von Arbeitskräften". In Verona und Neapel richteten die Deutschen Anwerbekommissionen ein, in Broschüren versprachen sie "vita nuova" - ein neues Leben in Deutschland. Rund zwei Millionen Italiener kamen in den Folgejahren in die Bundesrepublik. Auf dem Bau, bei der Bahn und natürlich in Bergwerken kamen sie unter: allein auf den Bochumer Zechen arbeiteten 1963 rund 1.200 Italiener.
"Der Alltag hier sah allerdings oft anders aus als auf den Bildern der Werbebroschüren", erklärt Museumsleiter Osses. Als Unterkünfte dienten oft noch bestehende Barackenlager aus der Kriegs- und Nachkriegszeit. In den Zimmern mit Etagenbetten, Spinden, Tisch und Stuhl lebten bis zu zwölf Personen. Immer wieder prangerten Sozialbetreuer die schlechten Zustände in den Wohnheimen an. Osses: "Mit dem anhaltenden wirtschaftlichen Boom besserte sich die Lage, viele Italiener holten ihre Familien nach und zogen in größere Mietwohnungen."
Dabei mussten sie häufig gegen Vorurteile kämpfen. Denn anders als der freundliche Eisverkäufer am Strand von Rimini waren die italienischen Arbeitskräfte in Deutschland nicht immer beliebt. Sie wurden als "Makkaroni" beschimpft, galten als aufbrausend, stolz und ständig auf der Suche nach einer Eroberung. Solche Klischees, aber auch Sprachprobleme führten dazu, dass sich Deutsche und Italiener hierzulande zunächst kaum näherkamen. Zeitungen beklagten die Isolation der Arbeitskräfte aus dem Süden: "Nach der Arbeit sind sie Fremde. Italienische Gastarbeiter suchen Liebe und Verstehen", schrieben etwa die Ruhr-Nachrichten 1962. Erst langsam wuchs die Offenheit, entstanden persönliche Kontakte.
Unter der Überschrift "Was bleibt?" zeichnet die Ausstellung am Ende Lebenswege nach. "Es gibt ganz unterschiedliche Biografien", so LWL-Mitarbeiterin Anke Asfur. Viele Italiener sind zurückgegangen, haben sich mit dem Geld, das sie in über 30 Jahren in Deutschland verdient haben, ein Haus gebaut. Viele blieben im Ruhrgebiet, sprechen im Familienkreis aber weiterhin ihre Muttersprache und tragen den italienischen Pass in der Brieftasche. Andere fühlen sich eher als Deutsche und sind in Nachbarschaft, Vereinsleben und Gemeinde vollständig integriert.
Seit Ende der 1960er Jahre hat sich die Anzahl der Italiener in Deutschland halbiert. Hartnäckig gehalten haben sich viele Klischeevorstellungen und Italienbilder aus den 1950er Jahren: Feurige Italiener und impulsive Italienerinnen sollen mediteranes Lebensgefühl suggerieren - und damit italienische Liköre, deutsche Tiefkühlpizza oder Instand-Kaffeepulver vermarkten.
Die Ausstellung "Neapel - Bochum - Rimini" wird am Samstag, 12. Juli, um 15 Uhr eröffnet. Anschließend findet im Rahmen der "Extraschicht - Nacht der Industriekultur" auf der Zeche Hannover eine "italienische Nacht" statt (bis 2 Uhr morgens). Am Sonntag, 13. Juli, steht von 11 bis 15 Uhr eine italienische Matinée mit "Al Dente", dem italienischen
Sonntagsmagazin des WDR Funkhaus Europa, auf dem Programm. Begleitend zur Ausstellung hat das LWL-Industriemuseum außerdem eine Vortragsreihe mit sechs Veranstaltungen aufgelegt (Infos unter Tel. 0231 6061-233 oder im Internet unter www.zeche-hannover.de).
INFO
Neapel - Bochum - Rimini. Arbeiten in Deutschland. Urlaub in Italien
12. Juli bis 26. Oktober 2003
Westfälisches Industriemuseum Zeche Hannover,
Günnigfelder Straße 251, Bochum-Hordel
Öffnungszeiten: Sonntag 11 bis 18 Uhr, Dienstag, 17 bis 20 Uhr
Führungen Dienstag bis Sonntag nach Anmeldung
Informationen unter Tel. 0231 6961-233
Literatur:
Zur Ausstellung ist im Essener Klartext-Verlag ein reich bebilderter Katalog erschienen, 100 Seiten, farbig, 14,90 €.
URL:
www.zeche-hannover.de
Diese Meldung mit Fotos zum Download finden Sie im Internet unter www.lwl.org.
Pressekontakt: Christiane Spänhoff, Westf. Industriemuseum , Tel. 0231 6961-127