[WestG] [AKT] Filmaufnahmen einer juedischen Familie im 'Dritten
Reich', Premiere: Muenster, 09.12.2003
Marcus Weidner
Marcus.Weidner at lwl.org
Mon Dez 8 13:39:29 CET 2003
Von: "LWL-Pressestelle" <pressestelle at lwl.org>
Datum: 08.12.2003, 12:31
AKTUELL
'Zwischen Hoffen und Bangen - Filmaufnahmen einer jüdischen Familie im 'Dritten Reich'
Der Landschaftsverband Westfalen-Lippe (LWL) hat einen wahrscheinlich einzigartigen
Fund veröffentlicht: Filmaufnahmen, die den Alltag jüdischer Mitbürger in Münster Ende der
30-er Jahre des 20. Jahrhunderts dokumentierten. Soweit bekannt, sind es die einzigen von
Juden in Deutschland selbst gemachten Aufnahmen aus jener Zeit, die das "Dritte Reich"
überdauerten. Ein münsterischer Kaufmann habe private Aufnahmen seiner Familie in Münster
gemacht, erläuterte Dr. Markus Köster, Leiter des Westfälischen Landesmedienzentrums am
Montag (8.12.) vor der Presse in Münster. Der LWL habe die Aufnahmen bearbeitet und
präsentiere den 20-minütigen Film 'Zwischen Hoffen und Bangen - Filmaufnahmen einer
jüdischen Familie im "Dritten Reich'' am Dienstag in Münster (20 Uhr, Westfälisches Museum
für Kunst und Kulturgeschichte) der Öffentlichkeit.
Frühjahr 1939: Eine Familie im Garten ihres Hauses.
Die Menschen scheinen gut gelaunt, eine gedrückte Stimmung ist ihnen nicht
anzusehen. Doch der Schein trügt. Ihre Situation ist schon lange prekär. Alle Personen, die
hier zu sehen sind, gehören dem jüdischen Glauben an. Zum Zeitpunkt dieser Aufnahmen hatten
sie bereits sechs Jahre Nazidiktatur erdulden müssen - die Reichspogromnacht lag gerade ein
halbes Jahr zurück. Diese und die übrigen Aufnahmen des Films wurden in den Jahren 1937 bis
1939 von Siegfried Gumprich gemacht, einem Getreidehändler, der mit seiner Frau Louise und
den Kindern Brigitte und Walter in Münster in Westfalen wohnte. Sie zeigen Szenen aus dem
Leben einer jüdischen Familie in Deutschland zur Zeit der Naziherrschaft: die Familie
scheinbar unbeschwert beim Spiel im Garten, beim Tennissport, auf einer Urlaubsreise mit
dem Auto an den Rhein, beim Sonntagsspaziergang in der münsterischen Altstadt und auf der
Promenade, beim Badeurlaub in Holland.
"Wenn man sich klar macht, wann und im welcher Situation sie aufgenommen wurden, erscheinen
die Aufnahmen als ganz und gar ungewöhnliche, fast verstörende Dokumente", so Köster. "Sie lassen die
Vermutung zu, dass die Gumprichs - wie viele jüdische Deutsche - in ihrem Vaterland sehr verwurzelt waren
und mit diesen Filmbildern versuchten, sich ein Stück der de facto schon verlore-nen gegangenen Heimat zu
bewahren. Gleichzeitig wiesen sie den Gedanken an Auswanderung lange Zeit von sich und
hofften bis zuletzt auf eine Verbesserung ihrer Situation." Neben den Gumprichs zeigen die
Bilder auch den letzten Rabbiner Münsters, Dr. Julius Voos, der gemeinsam mit seiner Frau
Stephanie im Januar 1939 nach Münster kam und sich mit der Familie Gumprich anfreundete.
Julius Voos stand in Münster einer jüdischen Gemeinde vor, die im alltäglichen Leben von den
anderen Münsteranern fast völlig isoliert und durch Zwangsverkäufe und Berufsverbote
finanziell völlig ausgeplündert war. Für das Ehepaar Voos wurde Münster nach dem Scheitern
ihrer Emigrationspläne zur tödlichen Falle. Im März 1943 wurden sie mit ihrem zweijährigen
Sohn nach Auschwitz deportiert und umgebracht.
Diesem Schicksal entkam die Familie Gumprich nur knapp. Am 28. August 1939, drei Tage vor Kriegs-
beginn, brachte ein befreundeter katholischer Pfarrer die Familie zur niederländischen Grenze, von wo
sie buchstäblich in letzter Minute nach Großbritannien emigrieren konnte. Auf diese Weise wurden auch
Siegfried Gumprichs Filmaufnahmen vor der Vernichtung bewahrt. Im Besitz von Sohn Walter
überdauerte das in seiner Überlieferung wohl einmalige, auf Normal 8 gedrehte
Amateuerfilmmaterial - insgesamt rund 40 Minuten - viele Jahrzehnte im fernen Kanada, wohin
Walter Gumprich 1957 ausgewandert war. 1987 begannen die münsterischen Historikerinnen
Gisela Möllenhoff und Rita Schlautmann-Overmeyer Kontakt zu Juden aufzunehmen, die
während der NS-Zeit aus Münster emigriert waren. Im Laufe dieser Bemühungen erhielten sie
von Walter Gumprich mehrere Filmrollen. So gelangten die Aufnahmen nach über 50 Jahren nach
Deutschland zurück.
Ihre Wiederentdeckung kommt einer "kleinen filmischen Sensation"
gleich, da privates Filmmaterial einer jüdischen Familie aus der Zeit des "Dritten Reiches"
in Deutschland bislang nicht bekannt war. Mit Hilfe von Gisela Möllenhoff und Rita
Schlautmann-Overmeyer hat der Historiker und Fernsehjournalist Markus Schröder im
Auftrag des LWL-Landesmedienzentrums die Bilder über das Leben einer jüdischen Familie im
Deutschland der Jahre 1937 bis 1939 zu einem zwanzig minütigen Dokumentarfilm verarbeitet,
der sie durch einen Kommentar sowie ergänzende Standbilder in den historischen Kontext der
Ausgrenzung und Verfolgung jüdischer Bürger in Deutschland einordnet. Exemplarisch zeigt
der entstandene Film, auf welche Weise sich die Diskriminierung und Verfolgung der Juden in
Deutschland während des "Dritten Reichs" vollzog, aber auch, wie die Betroffenen das ihnen
aufgezwungene Schicksal zu meistern versuchten.
Walter Gumprich hat die Veröffentlichung der Aufnahmen ausdrücklich begrüßt. Nach seinem
Wunsch sollen sie dokumentieren, dass die von den Nazis diffamierten Juden Menschen wie alle
anderen waren.
INFO
Interessierte Privatpersonen können den Film beim Westfälischen Landesmedienzentrum
(medien-zentrum at lwl.org) für 9,90 Euro kaufen.
Schulen und Vereine, die auch das Vorführrecht erwerben wollen, zahlen 35 Euro.
Veranstaltungshinweis: Die Premiere wird in Münster am Dienstag, 9.12. um 20 Uhr im Westfälischen
Landesmuseum für Kunst und Kulturgeschichte sein, in einer gemeinsamen Veranstaltung mit
der Gesellschaft für Christlich-Jüdische Zusammenarbeit und dem Geschichtsort Villa ten Hompel.