[WestG] [AKT] Wenn Alltag und Propaganda sich vermischen, LWL macht Tagebuecher der jugendlichen Renate Brockpaehler aus der Zeit von 1938 bis 1946 zugaenglich

WGO wgo at lwl.org
Mi Feb 19 12:47:48 CET 2025


Von: "LWL" <presse at lwl.org>
Datum: 18.02.2025, 12:06


AKTUELLES

Wenn Alltag und Propaganda sich vermischen
LWL macht Tagebücher der jugendlichen Renate Brockpähler aus der Zeit von 1938 bis 1946 zugänglich

Der Landschaftsverband Westfalen-Lippe (LWL) macht zur Zeit die Tagebücher von Renate Brockpähler aus Münster in einer Quellenedition zugänglich. Brockpähler führte von 1938 bis 1946 Tagebuch. In den Beobachtungen der Jugendlichen mischen sich Alltag und NS-Zeit, Kinobesuche und Bombenalarme. Mit der Quellenedition, die im Herbst erscheint, will die LWL-Kommission Alltagskulturforschung für Westfalen sichtbar machen, wie ein junger Mensch die Zeit des Zweiten Weltkriegs empfunden hat - und wie sich Krieg und Diktatur langsam in das Leben der Familie Brockpähler eingeschlichen haben. Einen ausführlichen Blick in die Forschungsarbeit mit Interviews und weiteren Informationen bietet der LWL im Internet unter https://scomp.ly/lwl-kriegstagebuecher-p.

Renate Brockpähler wuchs ohne große Sorgen auf. Der Vater arbeitete im Provinzialverband Westfalen, dem Vorgänger des LWL, hatte ein gutes Auskommen. Er musste wegen seiner Schwerhörigkeit und seiner Kulturarbeit, die wichtig für das Regime war, nicht zur Wehrmacht. "Er beeinflusste seine Tochter sicherlich ebenso wie der Rundfunk, die Schule und der Bund Deutscher Mädel, in dem sie aktiv war", sagt Niklas Regenbrecht. "Dementsprechend sind die Tagebucheinträge, die der Vater im Nachhinein manchmal auch Korrektur las, oft sehr gefärbt. Das ist auch an vermeintlich harmlosen Themen wie Kinofilmen abzulesen, die sich bei genauerem Hinschauen als Propaganda-Werke entpuppen", so der Historiker weiter, der bei der LWL-Kommission Alltagskulturforschung für Westfalen in Münster arbeitet.

Beispielhaft dafür steht der Eintrag von Ende August 1939, wenige Tage vor Beginn des Zweiten Weltkriegs: "Heute war ein schöner Tag. Wir gingen mit Tante Clärchen in die Stadt. Während sie Besorgungen machte, gingen wir in den Film: 'Der Westwall' und 'Drei Unteroffiziere'. Das war vielleicht tofte. Als wir wieder herauskamen sahen wir viele Lastautos. Tante Clärchen sagte, daß alle Besitzer ihre Autos abgegeben müßten für Soldaten. Wir gingen auch noch in den Eispalast. Das Wasser läuft mir im Munde zusammen, wenn ich daran denke. Alle Sorten von Eis gab es da. Hm, das war mal lecker!!"

Renate Brockpähler nenne in dieser Textstelle leicht und locker zwei Propaganda-Filme und verbinde sie in einem Atemzug mit der Konfiszierung von Lkw für die Wehrmacht und dem Eis-Essen. "Diese mangelnde Gewichtung ist typisch für die Tagebücher", so Regenbrecht.

Für den Historiker sind die Eintragungen der Jugendlichen spannend, weil sie eine neue Facette zur Forschung beitragen: "Tagebücher schreibt man nur für sich selbst und nicht für spätere Leser." Regenbrecht zieht eine der zehn Kladden zu sich heran, die vor ihm auf dem Tisch liegen und blättert einige Seiten auf. "Das, was Renate Brockpähler aufgeschrieben hat, ermöglicht uns einen vermeintlich authentischen oder ungefilterten Blick auf die Zeit des NS-Regimes. Es ermöglicht einen guten Eindruck davon, wie ein junger Mensch die Welt wahrgenommen hat und welche Einflussfaktoren auf dieses Bild gewirkt haben." Er betont das Wort "vermeintlich", denn dem Wissenschaftler ist bewusst, dass die Tagebucheinträge einer Jugendlichen natürlich nicht das zeigen, was tatsächlich passiert ist. 

"An den Tagebüchern können wir ablesen, wie relevant die Alltagskultur-Forschung für die heutige Zeit sein kann. Wir können die Jahre der NS-Zeit natürlich nicht mit dem Erstarken antidemokratischer Kräfte heute vergleichen, aber wir sehen doch, wie sich bestimmte Entwicklungen in den Alltag von jungen Menschen einschleichen können", so Regenbrecht. Um dem vorzubeugen sei es sinnvoll auf Aufklärung und politische Bildung zu setzen, damit Jugendliche politische Prozesse kritisch einschätzen können.

Mit zunehmender Kriegsdauer erkennt man an den Tagbucheinträgen, wie der Krieg immer prägender für das Leben der Familie Brockpähler wurde: "Am 18.11. [1944] war wieder ein Angriff. Nun genügt dies allein ja schon, um eine nicht gerade rosige Stimmung hervorzurufen, doch kam noch etwas dazu, was auch den stärksten Optimisten erschüttern mußte: der Schützenhofbunker hat nicht gehalten! Ich muß sagen, das traf mich wie ein Schlag! Alles durfte kommen, nur das nicht! Sind doch die Bunker im wahrsten Sinne des Wortes die einzige Hoffnung derer, die noch hier in unserer Frontstadt sind. [...] Wenn die Bunker nicht mehr halten, dann ist es aus!"  

"Die Eintragungen zeigen die persönliche Perspektive auf das, was anderswo nur in Statistiken und Zahlen überliefert ist", sagt der Forscher. Zunehmend schreibe Renate Brockpähler, die sich nach dem Krieg in der Friedensbewegung engagierte und ihre Tagebücher bei Veranstaltungen vorlas, wehmütig über die Zerstörung der Stadt und das Ende des Nazi-Regimes. 

"Dass sie auf ein verbrecherisches Regime hereingefallen ist, kommt dagegen erst ganz spät zur Sprache - und dann auch nur vage", sagt Regenbrecht. Für ihn ist ganz klar: Die Tagebücher sind ein wichtiges Zeugnis für eine Zeit, in der es neben dem Unrechtsregime und dem Krieg natürlich auch Alltag gab. "Wer sie liest, kann besser verstehen, wie Menschen ihre eigene Zeit wahrnehmen und wie sich dieses Empfinden entwickelt: Von Zustimmung hin zu zaghafter Kritik - oder auch andersherum."

Hintergrund
Renate Brockpähler (geb. 1927, gest. 1989) war die Tochter des Heimatforschers und -funktionärs Wilhelm Brockpähler. Sie studierte Volkskunde, Musikwissenschaft und Germanistik in Münster und arbeitete bereits als Studentin bei der Volkskundlichen Kommission für Westfalen - der heutigen LWL-Kommission Alltagskulturforschung für Westfalen. Sie promovierte zur Geschichte der Barockoper in Deutschland und leitete später das Archiv für westfälische Volkskunde.


INFO 

Kommission Alltagskulturforschung für Westfalen
Scharnhorststraße 100, 48151 Münster
Kontakt:Tel.: 0251 83 24404, Mail: alltagskultur at lwl.org
URL: www.alltagskultur.lwl.org


Mehr Informationen über die Mailingliste Westfaelische-Geschichte