[WestG] [WWW] Beruehrende Stimmen aus dem SS-Durchgangslager Westerbork/NL, Tagebuecher von Etty Hillesum und Philip Mechanicus als Audio-Feature im Internet
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Mo Mai 6 11:53:31 CEST 2024
Von: "Dr. Norbert Fasse" <norbert.fasse at borken.de>
Datum: 29.04.2024, Uhrzeit: 19:57 Uhr
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Berührende Stimmen aus dem SS-Durchgangslager Westerbork/NL
Tagebücher von Etty Hillesum und Philip Mechanicus als Audio-Feature im Internet
Am Internationalen Holocaust-Gedenktag, dem 27. Januar, veranstaltete die Stadt Borken eine musikalisch akzentuierte Lesung aus Tagebüchern und Briefen der Westerbork-Häftlinge Etty Hillesum und Philip Mechanicus, die in den Niederlanden eine ähnlich große Bedeutung erlangt haben wie Anne Frank. Nach Begrüßung und Einführung durch Bürgermeisterin Mechtild Schulze Hessing trugen die versierten Rezitatoren Sarah Giese und Markus von Hagen berührende und frappierende Passagen vor, die Flötistin Gudula Rosa sorgte für eine expressive musikalische Akzentuierung. "Jeder weiteren Grausamkeit ein weiteres Stück Liebe entgegensetzen", mit diesem Zitat aus dem Tagebuch von Etty Hillesum war die Veranstaltung betitelt, und so ist auch die etwas gekürzte und bearbeitete Audio-Aufnahme überschrieben, die nun auf YouTube zu hören ist.
Zum Inhalt:
In den unterworfenen Niederlanden hatte der SS-Sicherheitsdienst das Durchgangslager Westerbork vom Juli 1942 an zum zynischen "Depot" (Ph. Mechanicus) für jüdische Männer, Frauen und Kinder gemacht, um sie auf perfide bürokratische Weise per Eisenbahn deportieren zu können. Das Lager in der Heide südlich von Groningen wurde nicht nur für die niederländischen Juden zum zentralen Ausgangsort deutscher Vernichtungspolitik. Auch viele der für das Münsterland zu beklagenden Shoah-Opfer wurden von Westerbork aus deportiert. Aus ihren grenznahen Heimatorten waren sie vor nationalsozialistischer Verfolgung ins Nachbarland geflüchtet, saßen seit dem deutschen Überfall im Mai 1940 aber fest und wurden - abgesehen von den wenigen, die mit niederländischer Hilfe untertauchen konnten - ebenfalls in dem SS-Durchgangslager interniert. Von Juli 1942 bis zum Sommer 1944 wurden von Westerbork aus rund 100 000 Häftlinge in die Vernichtungslager Auschwitz und Sobibor und in die KZ Bergen-Belsen und Theresienstadt deportiert. Nur 5 000 Verschleppte kamen mit dem Leben davon, darunter zum Beispiel vier Menschen aus Borken.
So wie Anne Frank eindrücklich die Situation im Hinterhaus-Versteck geschildert hat, so eindringlich haben die Westerbork-Häftlinge Etty Hillesum und Philip Mechanicus in ihren heimlich geschriebenen Tagebüchern und Briefen die Perfidie der SS und des Lagersystems beschrieben, aber auch Zeugnis vom Selbstbehauptungswillen und von manch bewundernswerter Mitmenschlichkeit unter den Häftlingen gegeben. Auszüge aus diesen Aufzeichnungen werden in diesem Audio-Feature collageartig verwoben.
Zu den Mitwirkenden:
Sarah Giese (Münster) arbeitet als Hörbuch- und Rundfunksprecherin und als Dozentin für Sprecherziehung und Bühnendialog an der Hochschule für Musik und Tanz Köln.
Markus von Hagen ist als Rezitator, Kabarettist, Hörbuchsprecher und in der Erwachsenenbildung tätig, beide gehören dem Ensemble des Theaters Ex Libris (Münster) an.
Die Flötistin Gudula Rosa ist in der klassischen, der japanischen und der Neuen Musik zu Hause, konzertiert als Solistin und als Mitglied verschiedener Ensembles in Deutschland, Europa und Asien und lehrt an der Musikhochschule Münster und an der Westfälischen Schule für Musik, wo sie zahlreiche Bundespreisträger "Jugend musiziert" ausgebildet hat. Dieses Feature akzentuiert sie mit fünf Improvisationen auf einer Paetzold-Subbass-Blockflöte.
Dr. Norbert Fasse, Leiter des Stadtarchivs Borken, hat das Skript erstellt und spricht die Intros und das Nachwort.
Das Feature ist auf dem YouTube-Kanal der VHS Borken veröffentlicht und unter www.youtube.com per Suchbegriff "Stadtarchiv Borken" zu finden.
Etty Hillesum ist übrigens wieder stärker in den Fokus der deutschen geschichtsinteressierten Öffentlichkeit gerückt, seit der Verlag C.H. Beck im vergangenen Jahr eine vollständige Ausgabe ihrer Briefe und Tagebücher und im Februar dieses Jahres eine Biografie von Judith Koelemeijer in deutscher Übersetzung herausgebracht hat: "Mit dem ganzen Herzen: Das furchtlose Leben der Etty Hillesum 1914-1943". Der Deutschlandfunk hat ihr vor wenigen Tagen, am 27. April, eine "Lange Nacht" gewidmet.
INFO
Dr. Norbert Fasse
Stadtarchiv Borken
Im Piepershagen 17, 46325 Borken
Kontakt: Tel. 02861 / 939 217, E-Mail: norbert.fasse at borken.de
URL: www.stadtarchiv.borken.de
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