[WestG] [AKT] Bericht zum Vortrag von Dr. Baerbel Sunderbrink ueber "100 Jahre Frauenwahlrecht" beim Geschichtsverein Herford

Holtrup, Sandra Sandra.Holtrup at lwl.org
Mi Feb 12 08:22:25 CET 2020


Von: "Christoph Laue" <c.laue at kreis-herford.de>
Datum: 11.02.2020, 12:37


AKTUELL

Bericht zum Vortrag von Dr. Bärbel Sunderbrink über "100 Jahre Frauenwahlrecht" am 6. Februar 2020 beim Geschichtsverein Herford

Der 26. November 1918 ist ein besonderes Datum in der Herforder Stadtgeschichte. An diesem Tag fand im überfüllten evangelischen Vereinshaus die erste politische Frauenversammlung in dieser Stadt statt. Die vereinigten Frauenvereine hatten das Treffen organisiert. Von "schwungvollen und begeisternden Worten aus klugem Frauenmunde" berichtete die örtliche Presse . Die Bielefelder Historikerin Bärbel Sunderbrink erinnerte jetzt vor dem Herforder Geschichtsverein an diese Zeit. 

"100 Jahre Frauenwahlrecht" war das Thema ihres Vortrags in der Kleinen Markthalle vor einem 50-köpfigen Publikum. Sunderbrink fasste darin den Forschungsstand über das Geschehen in Ostwestfalen-Lippe in den Monaten nach dem Kriegsende zusammen. 

Am 12. November 1918 hatte der von der SPD beherrschte Rat der Volksbeauftragten die Einführung des aktiven und passiven Wahlrechts für alle Frauen ab 20 Jahre verkündet. Neun Wochen später fand die erste Wahl statt. Eine ungeheure Politisierung setzte ein. Frauen stellten 54 Prozent der Wahlberechtigten. Sie würden die Wahl entscheiden.

Das Frauenwahlrecht war nicht vom Himmel gefallen, wie die Historikerin betonte. Es könne auch nicht nur als Belohnung für die Millionen von Frauen verstanden werden, die während des Krieges in Abwesenheit der Männer in großer Selbstständigkeit die Wirtschaft aufrechterhielten. 

Bereits in der Endphase des Kaiserreichs hatten sich reichsweit, auch in OWL, Initiativen für das Frauenwahlrecht gebildet. Vor allem gebildete Frauen, allen voran Lehrerinnen, aus dem liberalen Bürgertum engagierten sich. Und in der SPD kämpften Männer und Frauen ohnehin, zumindest programmatisch, bereits seit Jahrzehnten für die Gleichstellung der Geschlechter. 

Aber längst nicht alle, auch nicht alle Frauen, teilten dieses Ziel. Dass die Frauen noch nicht reif seien für die Wahlurne, war noch der harmloseste Einwand. Für das konservative Lager, unterstützt von den Kirchen, widersprach das Frauenwahlrecht prinzipiell der natürlichen Ordnung der Geschlechter. 

Nach Sunderbrinks Bericht gaben in der Frauenrechtsfrage im Bürgertum vor allem Angehörige der linksliberalen Deutschen Demokratischen Partei den Ton an. Für Persönlichkeiten wie Dr. Marie Voß und Dr. Annemarie Morisse, beides Lehrerinnen, ging es nicht nur um das Wahlrecht. Sie stritten für umfassende Gleichstellung auch in Familie und Beruf. Sie reisten durch die Lande, warben für ihre Positionen, sprachen auf Versammlungen. 

In den nach Kriegsende überall ins Leben gerufenen Arbeiter- und Soldatenräten, die in Bielefeld Volksräte hießen, waren allerdings kaum Frauen vertreten, obwohl Arbeiterinnen auch in OWL in den letzten Kriegsmonaten an Protestaktionen und Streiks beteiligt gewesen waren. 

Als die Wahllisten zur Nationalversammlung aufgestellt wurden, landen die Frauen auch in OWL auf hinteren Plätzen, ebenso eine Woche später bei der preußischen Landtagswahl. Die Wahlbeteiligung lag bei heute unvorstellbaren 90 Prozent. Die Frauen hatten gewählt - aber im Rahmen ihrer Milieus. 

Bei den Kommunalwahlen einige Wochen später war das nicht anders. Nur 117 von 15.000 Mandatsträgern waren weiblich. Hier bildete die Stadt Herford eine kleine Ausnahme: Immerhin 5 von 36 Sitzen in der Stadtverordnetenversammlung gingen an Frauen. Es waren Anna Piegusch und Wilhelmine Beiner (beide SPD), Frieda Weihe (Wählergemeinschaft "Angestellte"), Margot Kemper und Ilse Becker (Wählergemeinschaft DDP/DVP/DNVP).

In den Kreistag wurde dagegen bis 1933 nur eine einzige Frau gewählt: Marie Worm aus Enger zog 1925 hier ein. Und im gesamten Landkreis gab es, so Sunderbrink, nur eine einzige Kandidatin, die Hebamme Anna Nebel aus Schweicheln. Gewählt wurde sie allerdings nicht.

Bärbel Sunderbrink warb in ihrem Vortrag dafür, den politisch aktiven, mutigen Frauen aus der ostwestfälischen Regionalgeschichte der Demokratie mehr Aufmerksamkeit zuzuwenden. Mit der in der Weimarer Zeit in OWL sozialisierten Sozialdemokratin Frieda Nadig aus Herford, später eine der fünf Mütter des Grundgesetzes, ist das inzwischen geschehen.

Doch was wurde zum Beispiel aus Annemarie Morisse? Die liberale Pädagogin, 1919 zur Bielefelder Stadtverordneten gewählt und seit 1928 Leiterin des Oberlyzeums für Mädchen (heute Königin-Mathilde-Gymnasium) in Herford, wurde 1933 von den Nationalsozialisten abgesetzt. Was die neuen Machthaber von ihren Ideen hielten, hat ihr Nachfolger Ernst Ohle 1939 aufgeschrieben: "Die Frauenemanzipation und der liberalistische Grundsatz von der Gleichheit aller Menschen in seiner jüdischen Überspitzung der Gleichheit der Geschlechter (.) hat eine große seelische Verarmung des weiblichen Geschlechts auf dem Gewissen." Morisse starb 1942 zurückgezogen in Bielefeld. Die frühen Kämpferinnen für Gleichstellung der Frauen in OWL sind vergessen.


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