[WestG] [AKT] Seltenes Zeugnis westfaelischer Familiengeschichte
Holtrup, Sandra
Sandra.Holtrup at lwl.org
Mo Aug 10 09:10:07 CEST 2020
Von: "LWL-Pressestelle" <presse at lwl.org>
Datum: 16.07.2020, 09:35
AKTUELL
Seltenes Zeugnis westfälischer Familiengeschichte
LWL-Freilichtmuseum Detmold übernimmt Porträts und wertvolle Dokumente einer Müllerfamilie aus der ehemaligen Grafschaft Ravensberg
Ein seltenes Zeugnis westfälischer Familiengeschichte der Zeit um 1800 fand jetzt seinen Weg ins LWL-Freilichtmuseum Detmold: ein Familienbild mit zehn ovalen, kunstvoll gestaltete Scherenschnittporträts. Das Werk des bekannten "Silhouetteurs" (Scherenschneiders) Caspar Dilly (1767-1841), aus dem Jahr 1805 zeigt die wohlhabende Müllerfamilie Baumeister aus Deppendorf bei Bielefeld. Außerdem übernahm das Museum des Landschaftsverbandes Westfalen-Lippe (LWL) eine 1756 in Lemgo gedruckte Familienbibel mit handschriftlichen Namen und Lebensdaten der dargestellten Personen sowie die erhaltenen Grabsteine des auf dem Scherenschnitt abgebildeten Ehepaares und eines der Söhne.
"Individuelle Bildzeugnisse und dazu passende schriftliche Dokumente oder Grabdenkmäler von ländlichen Familien in Westfalen aus der Zeit um 1800 sind ausgesprochen selten. Daher freuen wir uns sehr, dass wir diese wertvollen Stücke aus Privatbesitz erwerben konnten", erklärt Museumsdirektor Prof. Dr. Jan Carstensen. Der Scherenschneider Caspar Dilly stammte aus Bonn und fand als wandernder Künstler seine Kunden in ganz Nordwestdeutschland. Seine kunstvollen Scherenschnitte von bürgerlichen und bäuerlichen Familien sicherten ihm den Lebensunterhalt. Scherenschnittbilder oder Silhouetten waren im späten 18. und frühen 19. Jahrhundert, also in den Zeiten des Empire und Biedermeier, beliebt als individuelle Familienporträts. Die Schattenrisse wurden jedoch nach der Erfindung der Fotografie 1839 schnell verdrängt.
1805 ließ sich die Familie Baumeister porträtieren. Gerhard Henrich Baumeister (1749-1827) war Müller, seine Familie stammte aus Dissen im Fürstbistum Osnabrück. Er hatte 1770 Anna Margaretha Oberwittler (1747-1808) geheiratet und 1775 Teile des früheren Gutes Deppendorf bei Bielefeld in der preußischen Grafschaft Ravensberg erworben, 1778 kam die Oberste Deppendorfer Mühle hinzu. Neben dem Ehepaar sind auch ihre acht bis 1791 geborenen Kinder, zwei Söhne und sechs Töchter, auf dem Familienbild zu sehen.
"Dilly hat die Silhouetten der Familie Baumeister aus schwarzem Papier geschnitten und bei den Männerporträts die Haartracht sowie Teile der Kleidung wie Knöpfe, Kragen, Halstücher durch eine geprägte Binnenzeichnung angedeutet", erklärt Sammlungsleiter Dr. Heinrich Stiewe. Bei den Frauen hat er die regionaltypischen Trachtenhauben ("Mützen") und weitere Trachtbestandteile sowie Silber- und Bernsteinketten sehr detailliert farbig dargestellt. "Diese lassen sich als charakteristische Elemente der traditionellen Tracht aus Deppendorf und Dornberg identifizieren - damit ist das Scherenschnittbild eine der ältesten Darstellungen der Ravensberger Tracht", so Stiewe. Als kleinen Clou hat Dilly seine eigene Silhouette auf dem Sockel eines Obelisken unten auf dem Bild eingesetzt und sich so selbst ein kleines Denkmal gesetzt.
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