[WestG] [AKT] "Was ich schon immer sagen wollte!" - Der Sinto Oswald Marschall im Gespraech mit Herforder Buergerinnen und Buergern

Holtrup, Sandra Sandra.Holtrup at lwl.org
Di Okt 30 08:30:27 CET 2018


Von: "Christoph Laue" <c.laue at kreis-herford.de> 
Datum: 29.10.2018, 11:14


AKTUELL

"Was ich schon immer sagen wollte!" - Der Sinto Oswald Marschall im Gespräch mit Herforder Bürgerinnen und Bürgern

Das Kuratorium Erinnern Forschen Gedenken hatte am 25. Oktober 2018 zu einem Gesprächsabend zur Ausstellung "Rassendiagnose: Zigeuner" in den Ratssaal des Rathauses eingeladen.

Oswald Marschall ist Versitzender des Vereins Deutscher Sinti e.V. in Minden und stellvertretender Vorsitzender des Dokumentations- und Kulturzentrums Deutscher Sinti und Roma in Heidelberg sowie Referatsleiter im Zentralrat Deutscher Sinti und Roma. "Es wird immer über Toleranz und Integration gegenüber Sinti und Roma gesprochen. Toleranz und Integration brauchen wir nicht, denn die deutschen Sinti leben seit 600 Jahren in Deutschland, deutsche Roma seit über 200 Jahren." So begann Oswald Marschall seine kleine Einführungsansprache, die im weiteren Verlauf die Zuhörer betroffen machte und Gesprächsstoff lieferte.

Er machte deutlich, dass deutsche Sinti im 1. Weltkrieg gedient hätten, mit hohen Orden ausgezeichnet worden seien und national und international großartige Sportler in ihren Reihen gehabt hätten. Die Musik ist beeinflusst worden von Sinti und Roma, so vor allem der Jazz z. B. durch Django Reinhardt aber auch der spanische Flamenco. Sinti und Roma haben auch Einflüsse in der Klassik hinterlassen z. B. bei Brahms, Liszt und Beethoven. Die sehr erfolgreiche Pop- und Schlagersängerin Marianne Rosenberg ist Sintezza, gab dieses aber erst im hohen Alter zu. 

In Medien und in der Öffentlichkeit und vor allem bei den höchsten Gerichten mussten Sinti und Roma jahrzehntelang um Anerkennung und Entschädigung kämpfen. 1956 verweigerten höchste Richter der Bundesrepublik Deutschland in einem Grundsatzurteil, das bis in die 80er Jahre hinein Geltung hatte, die Anerkennung als Opfer des Naziregimes. Sie begründeten dieses damit, dass die Einlieferung und Ermordung von Sinti und Roma legitim gewesen sei, weil die Verfolgungsmaßnahmen von "Zigeunern durch eigene Asozialität, Kriminalität und Wandertrieb" selbst veranlasst gewesen seien. Auch das Überleben im Konzentrationslager Auschwitz wurde auf diese Weise als nicht zu entschädigen abgelehnt.

Der Kampf um Anerkennung des Völkermords an ca. ½ Million Sinti und Roma ging von der Bürgerrechtsbewegung deutscher Sinti und Roma aus. Nach dem aufsehenerregenden Hungerstreik von Mitgliedern des Verbands deutscher Sinti 1980 in Dachau hat der damalige Bundeskanzler Helmut Schmidt schließlich im Jahr 1982 den Völkermord an Sinti und Roma anerkannt. Erst im Jahr 2016 entschuldigte sich der Bundesgerichtshof für das Urteil aus dem Jahr 1956. Ein Mahnmal in Berlin erinnert seit 2012 an den Völkermord an Sinti und Roma.

Marschall machte deutlich, dass auch derzeitige Ressentiments in wichtigen Instanzen der Gesellschaft und Öffentlichkeit mit alten Begrifflichkeiten z. B. "Zigeunermilieu", "typischer Vertreter seiner Ethnie", die besonders in der Zeit des Nationalsozialismus Anwendung fanden, operieren und dass in der Bevölkerung Vorurteile gegenüber Sinti und Roma verbreitet sind.

Deshalb sei Aufklärung wichtig!

Diesen Auftrag nahmen die Teilnehmenden nach intensiven Gesprächen mit auf den Heimweg.

Die Ausstellung "Rassendiagnose: Zigeuner" vom Dokumentations- und Kulturzentrum Deutscher Sinti und Roma in Heidelberg ist bis Mitte Dezember in der Gedenkstätte Zellentrakt zu sehen. Sa. und So. ist die Gedenkstätte regelmäßig von 14 - 16 Uhr geöffnet. Für Schulklassen wird die Ausstellung auf Anfrage geöffnet. Ebenfalls kann der Film "Django Reinhard" ergänzend zum Ausstellungsbesuch auf Anfrage gezeigt werden. Weitere Informationen: www.zellenrakt.de 



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