[WestG] [AKT] 200 Jahre Westfalen: Religiositaet und Kirchen

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Mo Mai 4 11:10:50 CEST 2015


Von: "LWL-Pressestelle" <presse at lwl.org>
Datum: 04.05.2015, 10:05


AKTUELL

200 Jahre Westfalen: Religiosität und Kirchen

Westfalen feiert in diesem Jahr seinen 200. Geburtstag: Mit der Konstituierung der preußischen Provinz Westfalen während des Wiener Kongresses 1815 wurde der Flickenteppich der westfälischen Territorien dem Königreich Preußen zugeschlagen. Fernab gängiger Bilder wie Schinken und Pumpernickel, Hermannsdenkmal und Wasserburgen oder wogenden Kornfeldern vor Zechentürmen war und ist die Region in den vergangenen 200 Jahren von zahlreichen Besonderheiten und Gegensätzen geprägt. Dazu zählten immer wieder auch politische, konfessionelle und soziale Konflikte. Im Rahmen des 200. Jubiläums der Region Westfalen stellt der Landschaftsverband Westfalen-Lippe (LWL) Aspekte der Geschichte vor.


Zwischen konfessionellen Stereotypen und Glaubensvielfalt

Auch in Glaubensfragen ist Westfalen von Gegensätzen bestimmt. Während in den Ballungsräumen und in den Großstädten die Vielfalt der unterschiedlichen Religionsgemeinschaften stark ausgeprägt ist, weisen die ländlichen Regionen wie das Münsterland, der Kreis Siegen-Wittgenstein und das Sauerland eine überwiegend christlich-konfessionelle Struktur auf. Trotz weitreichender Modernisierungsprozesse in den vergangenen 200 Jahren ist die Religionsverteilung bis in die Gegenwart durch die Konfessionalisierung während der Reformation und Gegenreformation geprägt. 

"Oft werden sogar noch heute konfessionelle Stereotype auf regionale Teilidentitäten in Westfalen bezogen. So bezeichnet die Aufzählung 'schwarz, Münster, Paderborn' zwei Städte und Regionen, die erst nach der Säkularisation im 19. Jahrhundert preußisch wurden und die sich mit ihrer mehr als 80-prozentigen katholischen Bevölkerung bis Mitte des 20. Jahrhunderts ein vergleichsweise geschlossenes Bewusstsein bewahrten", erläutert Dr. Julia Paulus, Historikerin am LWL-Institut für westfälische Regionalgeschichte und Mitautorin des Bandes "Westfalen in der Moderne 1815-2015. Geschichte einer Region." Sie fügt hinzu: "Ähnliches lässt sich für den Raum Minden-Ravensberg und das Siegerland feststellen, die als Teilregionen Westfalens über ihre spezifischen protestantischen Konfessionskulturen - die Erweckungsbewegung und den Pietismus - einen eigenen Charakter hatten." Besonders in den ländlichen Gebieten lassen sich noch zu Beginn des 21. Jahrhunderts konfessionelle Strukturen erkennen, die sich lange vor Gründung der preußischen Provinz Westfalen herausgebildet hatten. 

Dennoch zeigten sich auch in Westfalen - wenn auch langsamer als in anderen Regionen - nachhaltige Veränderungen. Zunächst erhielt die religiöse Landschaft nach dem Zweiten Weltkrieg - sehr viel stärker als noch im Kaiserreich und der Weimarer Republik - durch den Zuzug Vertriebener aus den ehemaligen deutschen Ostgebieten neue Impulse, bis der Boom der Nachkriegsjahre traditionelle konfessionell-kulturelle Differenzen ohnehin in den Hintergrund drängte.

Darüber hinaus gehört zum religiösen Pluralismus in Westfalen-Lippe neben der jahrhundertalten jüdischen Tradition mittlerweile eine wachsende Zahl an weiteren Weltreligionen, von den orthodoxen Kirchen über den Islam, vom Buddhismus bis zum Hinduismus. 

"Im Vergleich zwischen Kaiserreich und Bundesrepublik wird deutlich, dass wir es heutzutage in Westfalen nicht mehr nur mit einer dominanten Prägung durch die beiden christlichen Großkirchen zu tun haben", betont Paulus. "Religiöse Verschiedenheit und weniger eine Indifferenz gegenüber Religion scheint zum Zeichen der Gegenwart geworden zu sein, wie die Vielfalt an Religionsgemeinschaften beweist. Nicht umsonst wirbt das Telgter Museum 'Religio' mit dem Slogan: 'Westfalen ist eine Glaubenslandschaft unterschiedlicher konfessioneller Prägung.'"


Hintergrund

2015 jährt sich die Konstituierung der preußischen Provinz Westfalen zum 200. Mal. Damit wurde erstmals ein politischer Raum mit klaren Grenzen, einer einheitlichen Verwaltungsorganisation und später einer politischen Stimme geschaffen. Das Gründungsjahr geht auf die Vereinbarungen des Wiener Kongresses zurück, der nach zwei Jahrzehnten Krieg und der Niederlage Napoleons eine territoriale Neuordnung Europas festlegte. Einen Tag nach seiner Schlussakte, am 10. Juni 1815, wurde die territoriale Neuordnung bestätigt. Bereits am 30. April 1815 hatte der preußische Staat die neue Organisation der Provinz Westfalen beschlossen. Dies ist der Beginn der Gründungsphase, die bis 1817 andauerte. Mit der Gründung Nordrhein-Westfalens am 23. August 1946 wurde die Provinz Westfalen nach dem Zweiten Weltkrieg aufgelöst und die Region zum Landesteil.


Karl Ditt (u.a.):
Westfalen in der Moderne 1815-2015. Geschichte einer Region
(Aschendorff Verlag)
864 Seiten, gebunden
ISBN 978-3-402-13023-0
Preis: 29,95 Euro


Der LWL beteiligt sich außerdem an der Sonderausstellung "200 Jahre Westfalen. Jetzt!" vom 28. August 2015 bis zum 28. Februar 2016 im Dortmunder Museum für Kunst und Kulturgeschichte. Mehr zum Projekt unter: http://www.200JahreWestfalen.Jetzt


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