[WestG] [AUS] Glanz und Grauen: Ausstellung im LWL-Textilwerk Bocholt - Mode aus der NS-Zeit und Textilkunst von Louise Walleneit in der Spinnerei
Pawlitta, Pascal
Pascal.Pawlitta at lwl.org
Do Mär 26 09:28:15 CET 2015
Von: "LWL-Pressestelle" <presse at lwl.org>
Datum: 25.03.2015, 13:50
AUSSTELLUNG
Glanz und Grauen: Ausstellung im LWL-Textilwerk Bocholt - Mode aus der NS-Zeit und Textilkunst von Louise Walleneit in der Spinnerei
Die Uniformen der Hitlerjugend oder die fließenden Roben einer Zarah Leander - sie gelten als typisch für die Zeit des Nationalsozialismus. Aber wie sah die Kleidung der 1930er und 40er Jahre wirklich aus? Antworten gibt die Ausstellung Glanz und Grauen - Mode im 'Dritten Reich', die der Landschaftsverband Westfalen-Lippe (LWL) vom 29. März bis 1. November in seinem Textilwerk Bocholt präsentiert. Über 100 originale Kleidungsstücke und 500 weitere Objekte aus der NS-Zeit zeigen, wie das Regime auch scheinbar einfache Kleidung mit politischer Bedeutung auflud.
Gleichzeitig präsentiert das LWL-Industriemuseum in einem weiteren Saal der ehemaligen Spinnerei unter dem Titel "body extensions" Objekte und Installationen der Leipziger Künstlerin und Designerin Louise Walleneit. Beide Ausstellungen werden am Sonntag (29. 3.) um 11 Uhr im LWL-Textilwerk Bocholt eröffnet.
Glanz und Grauen
Die Ausstellung "Glanz und Grauen" stammt aus dem LVR-Industriemuseum und wurde für die Präsentation in Bocholt um Objekte aus der Sammlung des LWL-Industriemuseums erweitert. "Wir sind sehr froh, die neue Spinnereisaison mit dieser hochkarätigen Schau eröffnen zu können", erklärte LWL-Kulturdezernentin Dr. Barbara Rüschoff-Thale am Dienstag (17. 3.) bei der Vorstellung in Bocholt. Der Titel treffe sehr gut das Spektrum der Präsentation, so die Kulturdezernentin weiter: Auf der einen Seite die glanzvollen Abendroben mit ihren edlen Stoffen, die bis heute eine große Faszination ausüben. Auf der anderen Seite der Blick in die Abgründe der NS-Herrschaft. Eines von vielen Beispielen dafür ist die Schuhlaufstrecke aus dem KZ-Sachsenhausen. Dessen Häftlinge mussten den ganzen Tag in unpassendem Schuhwerk im Kreis laufen, um neue Materialien für Sohlen zu testen - und wurden dabei zu Grunde gerichtet.
Für Dirk Zache, Direktor des LWL-Industriemuseums, liegt eine Stärke der Ausstellung auch darin, dass sie die Perspektive und Realität der kleinen Leute sichtbar macht - Ergebnis eines begleitenden Forschungsprojektes, bei dem Zeitzeugen befragt, Quellen gesichtet und textile Objekte untersucht wurden. "Die früheren Besitzer brachten mit den Kleidern auch Fotos, Erfahrungen und Geschichten mit in das Projekt ein. Das ist eine Form der Partizipation, die ganz in unserem Verständnis vom Museum als Forum der Gesellschaft liegt", so Zache.
So gibt es neben Abendroben auch viel Alltagskleidung zu sehen. Das Spektrum der gezeigten Stücke reicht bis hin zu kurzen Cordhosen, karierten Hemden, Pullundern, bestickten Kleidern, Kitteln und Spielhöschen für die Kleinen. Hinzu kommen Uniformen des Bund deutscher Mädel und der Hitlerjugend, aber auch die Kluft der widerspenstigen Jugendlichen, der Swings und der Edelweiß-Piraten. Daneben werden die Vorbilder vorgestellt, an denen sich die Mode orientierte: die Frauen-Zeitschriften, die Eleganz der Welt des Kinos und die NS-Prominenz.
Auch Spar-Appelle des Regimes und Materialknappheit hatten Einfluss auf die Mode. Es war aber nicht bloß "Resteverwertung", die die Alltagsmode jener Zeit prägte. Vielmehr sorgte ein komplexes System von Dresscodes - neben anderem - für Teilhabe an oder Ausgrenzung von der sogenannten "Volksgemeinschaft". Martin Schmidt, wissenschaftlicher Referent des Textilwerks: "Die Ausstellung macht deutlich, wie die nationalsozialistische Diktatur den Konsum und die Herstellung von Kleidung - jenseits der Klischees von Dirndl, Lederhose und Uniform - für den Umbau der Gesellschaft und die Sicherung der eigenen Macht instrumentalisierte. Es waren eben nicht nur die Uniformen oder Parteiabzeichen. Auch auf andere Weise schuf Kleidung eine sichtbare Einheit und demonstrierte: Wir gehören zur 'Volksgemeinschaft'. Erst spät diktierte die Regierung 'Judensterne' als textile Kennzeichen für eine ganze Bevölkerungsgruppe, die sie ausgrenzte."
Trugen die Menschen, was ihnen gefiel oder beeinflusste das Regime die Auswahl und die Art der Kleidung? Einerseits unterlag Mode auch während des Nationalsozialismus internationalen Einflüssen: Sie war feminin und figurbetont. "Die Filmstars glänzten mit langen Kleidern, edlen Stoffen und aufwendigen Schnitten. Andererseits waren Rohstoffe knapp und Textilien Mangelware; die Nazis verordneten Spinnstoffsammlungen und Kleiderkarten", so Kuratorin Claudia Gottfried vom LVR-Industriemuseum. Die Nazis versuchten, die Materialknappheit auch durch Enteignung der Juden zu lindern. Die beschlagnahmte Kleidung wurde - als Gut aus "Kleidersammlung" getarnt - regimetreuen "Volksgenossen" zur Verfügung gestellt. Deutsche Soldaten beuteten zudem die besetzten Gebiete aus und sandten Kleidung in großen Mengen nach Hause.
Louise Walleneit - body extensions
Große Stoffmembranen sind zwischen die Säulen im Drosselsaal der ehemaligen Spinnerei Herding gespannt. Öffnungen und Schläuche, in die man hineinschlüpfen kann, zwingen den Körper in eine bestimmte Haltung - eine Verbeugung, ein Handschlag oder eine Umarmung. Die interaktive Installation zu Begrüßungsgesten aus verschiedenen Kulturen ist Teil der Ausstellung "body extensions" mit Arbeiten von Louise Walleneit, die das LWL-Industriemu-seum ebenfalls bis 1. November 2015 im Textilwerk Bocholt präsentiert. Zu sehen sind Skulpturen, Fotografien und interaktive Rauminstallationen der Leipziger Künstlerin und Designerin.
Louise Walleneit lässt in ihren Arbeiten die Grenzen zwischen Mode, Kunst und Körper verschwimmen. Sie zeigt, welche Bedeutung Körpersprache und Verhüllung in der Kommunikation haben. In Form gebrachtes Textil ist für sie nicht nur Schmuck des Körpers, sondern dient seiner Erweiterung. Ihre "body extensions" können zugleich Mode, Skulptur oder In-stallation sein. Körper und Material stehen dabei in einem ständigen Dialog. "Die Auseinander-setzung mit den dreidimensionalen Statements soll reizen, Grenzen zu überschreiten und neue Seh- und Denkmuster zu entwickeln", so Kuratorin Anne Büning vom LWL-Industriemuseum.
Die Suche nach dem geeigneten Material ist die Basis für Walleneits Arbeiten; der menschliche Körper dient ihr als Inspirationsquelle. So hat die Designerin für ihre Installation "Geister" Seidentücher um einen Fuß geschlagen und mit Schellack fixiert. Aus den so entstandenen Skulpturen hat sie einen Fußweg inszeniert. Die Arbeit "Kleider vom Nullpunkt" zeigt Verhüllungen aus Kunststoff, Seide und Farbe, die auf Körpern geformt wurden. Auf großen Fotofahnen sieht man Models in dieser Kleidung.
Ausstellungseröffnung
Zur Ausstellungseröffnung am Sonntag (29. 3.) um 11 Uhr begrüßt Dieter Gebhard, Vorsitzender der Landschaftsversammlung, die Gäste. Grußworte sprechen Silke Sommers, stellvertretende Landrätin des Kreises Borken, Christel Feldhaar, stellvertretender Bürgermeisterin der Stadt Bocholt, sowie Dr. Walter Hauser, Direktor des LVR-Industriemuseums. Bei einer anschließenden Diskussionsrunde sprechen Dirk Zache, Direktor des LWL-Industriemuseums, Kuratorin Claudia Gottfried vom LVR-Industriemuseum und die Künstlerin Louise Walleneit über das LWL-Industriemuseum, die aktuellen Ausstellungen und die Ideen dahinter. Gäste sind willkommen. Der Eintritt ist frei.
Zur Ausstellung "Glanz und Grauen" ist eine Begleitpublikation erschienen, die für 9,95 Euro im Museumsshop erhältlich ist.
INFO
Glanz und Grauen - Mode im "Dritten Reich"
Louise Walleneit - body extensions
29.3. - 1.11.2015
LWL-Industriemuseum TextilWerk Bocholt , Spinnerei
Industriestraße 5, 46395 Bocholt
Geöffnet Di - So 10 - 18 Uhr
http://www.lwl-industriemuseum.de
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