[WestG] [DISK] Erinnerungskultur - Diskussion um Strassenumbenennung in Ruethen

Pawlitta, Pascal Pascal.Pawlitta at lwl.org
Mo Jun 1 09:24:28 CEST 2015


Von: "Friedhelm Sommer" <f.sommer at ruethen.de>
Datum: 22.05.2015, 15:01 
 
 
DISKUSSION
 
Erinnerungskultur - Diskussion um Straßenumbenennung in Rüthen: Ist ein NS-Bürgermeister weiterhin tragbar?

In Kreisen der Bevölkerung u. in Reihen der dortigen Kommunalpolitik/politischen Parteien wird derzeit eine heftige Diskussion darüber geführt, ob es in Rüthen zu einer Straßenumbenennung kommen soll. Bisheriger Namensträger ist der ehemalige Bürgermeister der Stadt Rüthen u. Amtsbürgermeister des Amtes Altenrüthen, Franz Pöggeler, der von 1933 bis zu seinem Tod 1942 diese Funktionen innehatte. 1978 erfolgte die Benennung der Straße durch den Rat der Stadt Rüthen ohne Aussprache einstimmig im Rahmen von mehreren Straßenwidmungen in einem Rüthener Neubaugebiet. Die Vorschläge dazu waren aus der Stadtverwaltung gekommen.

Eine fundierte Aufarbeitung der NS-Zeit in Rüthen in Schrift oder Wort hatte es bis dato noch nicht gegeben. Im Zuge von ausgiebigen wissenschaftlichen Forschungen zu den Verhältnissen, Entwicklungen u. Ereignissen 1933-45 in Rüthen, die in den 80er u. vor allem 90er Jahren einsetzten u. unter anderem in der Veröffentlichung einer neuen "Geschichte der Stadt Rüthen" im Jahr 2000 mündeten, ergab sich hinsichtlich der Tätigkeiten des erwähnten Trägers des Straßennnamens, Franz Pöggeler, während der NS-Zeit ein anderes, nunmehr differenziertes Bild: Pöggeler hatte in seiner Eigenschaft als höchster höchster Amts- u. Polizeiwalter in Stadt u. Amt Rüthen akribisch, pflichtbewusst u. diensteifrig das Unrechtssystem des NS-Staates vor Ort im Rahmen seiner Verwaltungsfunktionen u. auch politischen Aufgabenstellungen in die örtlichen Alltagsrealitäten umgesetzt. Etwaige Widerstände gegen das Sytem ließen sich für seine Person objektiv nicht ermitteln bzw. nachweisen.

Weitere nachfolgende Forschungen u. Publikationen/Vorträge sowie Presseveröffentlichungen zu dieser Thematik verstärkten diesen Eindruck, so dass schließlich Anwohner der Pöggeler-Straße in Rüthen im März 2015 einen Antrag an den Rüthener Bürgermeister Peter Weiken stellten, diese Straße umzubenennen, da der bisherige Namensträger sich einer solchen öffentlichen Ehrung für seine Amtstätigkeiten aufgrund der mittlerweile gewonnenen Erkenntnisse als unwürdig erwiesen habe.

In einer Bürgerversammlung am 21.04.15 ergab sich zu diesem Ansinnen ein sehr unterschiedlicher Eindruck in Folge einer ausgiebigen und sehr kontroversen Diskussion
über das Tun und Lassen Pöggelers 1933-42 und dessen heutige Beurteilung. Diese Diskussion setzte sich seitdem in der lokalen Öffentlichkeit u. in der Kommunalpolitik fort.

Entsprechende Presseartikel vermittelten davon einen Eindruck: "Eine Frage der Ehrung - Generationen streiten um Umbenennung der Pöggeler-Straße" (Der Patriot v. 23.04.15) oder "Täter, Mitläufer oder gar Helfer ? - Sicht auf NS-Bürgermeister Franz Pöggeler unterscheidet sich ganz erheblich" (Westfalenpost v. 23.04.15). Die politischen Gremien in Rüthen (Stadtentwicklungsausschuss u. Stadtvertretung) werden in den nächsten Wochen ihre entsprechenden Beschlüsse zum vorgenannten Antrag fassen. Das Ergebnis dieser politischen Entscheidungen ist derzeit völlig offen.

In diesem Zusammenhang soll auch darauf hingewiesen werden, dass am 01. Juli 2015 in der Stadt Rüthen die Verlegung von sogen. "Stolpersteinen" für die im Holocaust ermordeten heimischen Juden durch einen örtlichen Initiativkreis in Zusammenarbeit mit dem für diese Aktionen mittlerweile überregional bekannten Künstler Günter Demnig stattfinden wird.
 
 



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