[WestG] [AKT] Ein Stolperstein fuer eine Sprockhoevelerin in Bremen - Erinnerung an Emmy Stempel geb. Roettgen
Pawlitta, Pascal
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Do Okt 30 09:42:28 CET 2014
Von: "Kirsten Hansen" <hansen at sprockhoevel.de>
Datum: 29.10.2014, 13:33
AKTUELL
Ein Stolperstein für eine Sprockhövelerin in Bremen - Erinnerung an Emmy Stempel geb. Röttgen
Am 30. September verlegte der Künstler Gunter Demnig im Rahmen der Aktion "Stolpersteine" vor dem Haus Schillerstraße 14 in der Bremer Innenstadt fünf Steine mit Messingplatten, die an die jüdischen Bewohner des Hauses erinnern: an Walter Stempel, seine Mutter Sali, seine Schwester Zerline, an seine Ehefrau Emmy, geb. Röttgen und deren Tochter Anneliese.
Emmy Stempel war eine gebürtige Sprockhövelerin. Sie hat sich große Verdienste um die jüdischen Auswanderer aus Deutschland erworben, die mit ihrer Hilfe vor der drohenden Vernichtung durch die nationalsozialistische Gewaltherrschaft flüchten konnten. Es ist kein einziges Foto, kein Brief oder ein anderes Selbstzeugnis von Emmy erhalten geblieben. Nur anhand einiger amtlicher Quellen und einem Manuskript im Staatsarchiv Bremen können wir uns dieser eigenständigen und besonderen Frau nähern. Die Informationen aus Bremen hat Peter Christoffersen zusammengestellt, der für die Aktion "Stolpersteine" das Leben Emmy Röttgens und ihrer Familie in Bremen erforschte.
Emmy Röttgen war das dritte von fünf Kindern des jüdischen Viehhändlers Nathan Röttgen und seiner Frau Clara, geb. Meyer. Sie wurde am 24. Oktober 1900 in Niedersprockhövel im elterlichen Haus an der oberen Hauptstraße, heute Nr. 82, geboren.
Nach vier Jahren in der Volksschule Nord besuchte Emmy als eines der ganz wenigen Mädchen aus Sprockhövel eine weiterführende Schule: die höhere Mädchenschule in der Hattinger Schulstraße. Welchen Schulabschluss sie erreichte, ist nicht überliefert. Selbst wenn sie dort das Abitur abgelegt hätte: Ein Studium für eine Tochter, auch wenn sie noch so lernfreudig war, lag wohl außerhalb der Vorstellungskraft und/oder der finanziellen Möglichkeiten der Familie. Emmy Röttgen durfte aber eine Lehre machen. Sie wurde Kontoristin, also Bürokauffrau. Wo sie lernte und wo sie ihre ersten Berufsjahre verbrachte, kann nicht mehr festgestellt werden. In einer Zeit, in der die Mädchen des Bürgertums auf ihre vermeintliche Berufung als Hausfrau und Mutter konditioniert und in Abhängigkeit gehalten wurden, war Emmy Röttgen angetreten, ein anderes, selbstbestimmtes Leben führen. Ohne die nationalsozialistische Gewaltherrschaft mit dem Genozid an den europäischen Juden hätte Emmy ein Beispiel für eine geglückte weibliche Emanzipation werden können.
Das Meldebuch des Amtes Sprockhövel verzeichnet 1923 den Wegzug Emmy Röttgens nach Soest, kurze Zeit später meldete sie sich wieder in Sprockhövel in ihrem Elternhaus an. 1929 schaffte sie den endgültigen Absprung aus dem dörflichen Milieu ihrer Heimat: Sie zog nach Bremen, wo sie rasch heiratete. Von Karl Schuler, ihrem ersten Ehemann, wurde Emmy jedoch schon 1932 geschieden. 1934 brachte sie ihre Tochter Anneliese zur Welt.
Das Leben einer alleinstehenden Frau, offenbar ohne familiären Rückhalt, mit einem unehelichen Kind war in der deutschen Gesellschaft in dieser Zeit ohnehin schon schwer; besonders hart muss es für eine Frau gewesen sein, die als Jüdin zusätzlich ausgegrenzt und entrechtet war.
Zwei von Emmys Geschwistern waren mit ihren Familien bereits nach Brasilien emigriert, ihre Mutter Clara aus Sprockhövel folgte ihnen kurz vor Kriegsbeginn.
In dieser Zeit, im Juni 1939, heiratete Emmy Schuler/Röttgen erneut.
Emmys Ehemann Walter Stempel wurde 1901 in Wien geboren. Mit seinen Eltern war er 1910 nach Bremen gekommen und hatte sich 1932 evangelisch taufen lassen, aber nach Erlass der Nürnberger Gesetze 1935 galt er wieder als Jude. Auch von seinem beruflichen Werdegang wissen wir nicht viel. Was auch immer Walter Stempel gelernt oder gearbeitet hatte, war unter den Bedingungen der NS-Gewaltherrschaft nicht mehr viel wert. Viele Möglichkeiten, den Lebensunterhalt zu verdienen, blieben den Juden nun nicht mehr. Von 1933 bis 1938 hatte Stempel eine Gewerbe- und Warenvertretung angemeldet.
Emmy Stempel, wie sie nun hieß, war Sekretärin im Bremer Büro der Beratungsstelle des Hilfsvereins der Juden in Deutschland. Vor allem für die auswanderungswilligen und -fähigen Juden waren diese Beratungsstellen unentbehrlich. Sie informierten über Auswanderungsmöglichkeiten und gaben Rechts- und Finanzberatung, versuchten also unter den furchtbaren Bedingungen, die für die Juden in Deutschland herrschten, so gut es ging mit Rat und Tat zu helfen. Sicher hätte Emmy Stempel als Mitarbeiterin einer solchen Beratungsstelle leicht die eigene Auswanderung organisieren können. Aber wie viele ihrer Kolleginnen und Kollegen wollte sie ihren jüdischen Leidensgefährten möglichst lange helfen können und stellte die eigene Auswanderung immer wieder zurück. Die Reichspogromnacht 1938 mit 91 getöteten, tausenden verletzten und 26.000 verhafteten jüdischen Menschen führte zu einer Massenflucht aus Deutschland. Die Gesetze folgten nun Schlag auf Schlag: Juden war der Besuch von Kinos, Museen und öffentlichen Plätzen verboten, sie wurden aus dem Wirtschaftsleben ausgeschaltet, mussten die zusätzlichen Vornamen "Sara" und "Israel" annehmen, ihre Pässe wurden mit einem "J" gekennzeichnet, sie verloren ihre Wohnungen, mussten Radios und Schmuck abgeben, jüdische Kinder durften keine "deutschen" Schulen mehr besuchen. Im Falle eines Krieges prophezeite Hitler im Januar 1939 vor dem Reichstag "die Vernichtung der jüdischen Rasse". Nach Kriegsbeginn war es für Juden fast unmöglich geworden, Deutschland zu verlassen. Die Situation für die Zurückgebliebenen wurde unerträglich und Selbsttötungen verzweifelter jüdischer Menschen waren gang und gäbe. Seit September 1941 mussten alle Juden den "Judenstern" an ihrer Kleidung tragen.
Für die Emigration Emmys und ihrer Familie war es längst zu spät. Ein Zeitzeuge erinnerte sich, dass sich Emmy Stempel offenbar durch einen Gestapo-Beamten geschützt wähnte. Ein tödlicher Irrtum: Am 18. November 1941 wurden Emmy und ihre Tochter Anneliese, ihr Mann Walter Stempel und ihre Schwägerin Zerline Bollinger gemeinsam mit 570 Juden aus Bremen und dem Regierungsbezirk Stade nach Minsk (Weißrussland) deportiert. Zuvor war die jüdische Bevölkerung im dortigen Ghetto ermordet worden, um für die deutschen Juden Platz zu schaffen. Wer arbeitsfähig war, musste in Reparaturwerkstätten, Versorgungslagern der Wehrmacht, der Organisation Todt und bei der Reichsbahn buchstäblich bis zum Umfallen schuften. Zur Geschichte des Ghettos in Minsk gehören unzählige Einzel- und Massenmorde. Von den im November 1941 nach Minsk deportierten etwa 7000 deutschen, tschechischen und österreichischen Juden überlebten nur fünf. Bei einer Massenmord-Aktion am 28. und 29. Juli 1942 wurden in Minsk rund 10 000 Juden ermordet, davon 6.500 russische Juden - überwiegend Alte, Frauen und Kinder. Der Rest bestand aus "nicht einsatzfähigen" Juden, die aus Deutschland stammten. In der Urteilsschrift, die das Landgericht Koblenz nach dem Krieg gegen Wilhelm Kube, den "Judenschlächter von Minsk" erstellte, heißt es:
"Die Aktion begann am Morgen des 28. Juli 1942, als zahlreiche Arbeitskommandos bereits ausgerückt waren. Unter Hinzunahme von Kräften der Eisenbahn, der Organisation Todt sowie von Gendarmerie wurde das gesamte Ghetto umstellt und abgeriegelt. Alsdann durchsuchten Räumkommandos das Ghetto und holten die Menschen aus den Häusern. Sie wurden zum Ghettoausgang getrieben, wo sie sich sammeln mussten. Schubweise wurden sie dann zum Exekutionsgelände bei dem Gut Trostenez gefahren. .... Ob und in welchem Umfang Gaswagen außer zum Transport auch zum Vergasen eingesetzt wurden, konnte nicht zuverlässig geklärt werden. Der überwiegende Teil der Oper wurde jedenfalls von Hand mittels Pistole durch Genickschuss umgebracht. Die Erschießungen liefen nach dem Vorbild früherer Aktionen ab. ... Spätestens im Anblick der Grube und der darin liegenden Leichen wurde ihnen, zumindest den Erwachsenen, klar, was auch ihnen bevorstand. Manche fluchten, schrien und weinten, andere flehten um ihr Leben; die meisten ergaben sich jedoch gefasst und ohne Wehklagen in ihr Schicksal." (Aus: "Es geht tatsächlich nach Minsk", Bremen 2001)
Im "Gedenkbuch" wird der 28. Juli 1942 als Todestag von Emmy und Walter Stempel genannt. Wann und wie der kleinen Anneliese ihr kurzes Leben genommen wurde, ist unbekannt. In Sprockhövel erinnert seit 2003 das Mahnmal für die jüdische Familie Röttgen vor der Sparkasse an der Hauptstraße auch an das Schicksal von Emmy Stempel und ihrer Familie.
Karin Hockamp, Stadtarchiv Sprockhövel, Oktober 2014
Quellen:
Stadtarchiv Sprockhövel: Standesamt Sprockhövel, Meldebücher Amt Sprockhövel, Sammlung Familie Röttgen, Sammlung Aufgelöste Schulen
Peter Christoffersen: Walter Stempel, Emmy Stempel geb. Röttgen, Anneliese Röttgen, Schillerstraße 14. Bremen 2014 (Text zur Stolperstein-Verlegung am 30. September 2014)
Bundesarchiv Koblenz (Hrsg.): Gedenkbuch. Opfer der Verfolgung der Juden unter der nationalsozialistischen Gewaltherrschaft in Deutschland 1933-1945, www.bundesarchiv.de/Gedenkbuch/directory, abgerufen am 7. Oktober 2014
Karin Hockamp: Die Toten werden Mahnung sein. Aus der Geschichte der jüdischen Familie Röttgen aus Sprockhövel, Sprockhövel 2003
Andreas Röpcke (Hrsg.): Es geht tatsächlich nach Minsk. Texte und Materialien zur Erinnerung an die Deportation von Bremer Juden am 18.11.1941 in das Vernichtungslager Minsk (Ausgabe 21 von Kleine Schriften des Staatsarchivs Bremen, Bremen 2001
Gerhard Schoenberner: Der gelbe Stern. Die Judenverfolgung in Europa, Frankfurt 1991
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