[WestG] [AKT] Großsteingraeber in Schmerlecke geben Geheimnisse über die Toten aus der Jungsteinzeit preis

Alexander Schmidt Alexander.Schmidt at lwl.org
Mo Sep 10 11:22:00 CEST 2012


Von: "LWL-Pressestelle" <presse at lwl.org>
Datum: 09.09.2012, 14:01


AKTUELL

Großsteingräber in Schmerlecke geben Geheimnisse über die Toten 
aus der Jungsteinzeit preis

Sie sind nicht nur durch ihre Größe eine Besonderheit in der 
Region: Die Großsteingräber in Schmerlecke bei Soest bündeln 
auch die wissenschaftlichen Disziplinen beispielhaft. 
Archäologen, Anthropologinnen, Geologen und andere Expertinnen 
versuchen in einem der größten interdisziplinären 
Forschungsprojekte zur Jungsteinzeit in Westfalen, den Gräbern 
aus der Zeit zwischen 3500 und 2800 v. Chr. die Geheimnisse 
über das Leben der Verstorbenen, ihre Familien und über die 
Bestattungsrituale zu entlocken.

Zwei der insgesamt drei Grabanlagen standen in diesem Jahr im 
Mittelpunkt für die Archäologen des Landschaftsverbandes 
Westfalen-Lippe (LWL) und der Westfälischen 
Wilhelms-Universität Münster sowie für die Anthropologen der 
Georg-August-Universität in Göttingen.

Besonders beeindruckt ist Grabungsleiterin Dr. Kerstin 
Schierhold von der Bauweise des "Grabes II". "Hier zeigt sich 
immer deutlicher, mit welchem Aufwand der Bau einer solchen 
Anlage verbunden gewesen ist", sagt sie und verweist auf die 
noch erhaltenen Wandsteine, die zum Teil mehrere Dezimeter dick 
sind. "Diese Steine wogen sicherlich einige Tonnen", so die 
Expertin. "Spannend ist deshalb die Frage, wo die Menschen 
zwischen 3500 und 2800 v. Chr. dieses Baumaterial gewonnen 
haben."

Nicht nur die Untersuchung der gut erhaltenen Skelette und der 
Grabarchitektur vor Ort ist ein wichtiger Baustein, um den 
Menschen der Jungsteinzeit und ihrem Alltag auf die Spur zu 
kommen. "Weitere Schwerpunkte unserer wissenschaftlichen Arbeit 
finden in den Laboren und an den Schreibtischen statt", betont 
Dr. Eva Cichy, die das Projekt für die LWL-Archäologie für 
Westfalen begleitet. Wenn die Ausgrabungen unweit der 
Bundesstraße 1 für diese Saison enden, geht die Forschung in 
geschlossenen Räumen mit gleicher Intensität weiter. 
Geologische Expertisen sollen dann angefertigt werden, um 
Aufschluss über die Herkunft des Baumaterials zu gewinnen. 
"Dann können wir auch Rückschlüsse über die Transportwege 
ziehen und Aussagen über den Arbeits-aufwand treffen, der mit 
dem Bau solcher Grabanlagen verbunden war", meint Schierhold.

Auch in dieser Grabungssaison bestätigte sich der Eindruck, den 
die Archäologen schon im Vorjahr gewinnen konnten. "Die 
Menschen, die hier damals lebten, hatten eine Vorliebe für 
außergewöhnlichen Schmuck", resümiert Cichy. Wieder kamen große 
Mengen von Tierzahnanhängern und Kupferrollen neben den Toten 
zum Vorschein. Das stellte sich bereits im Vorjahr als 
außergewöhnliche Menge und einmalige Kombination heraus.

Diese Grabbeigaben gehörten den Verstorbenen wahrscheinlich 
schon zu Lebzeiten und sollten sie auch im Tod begleiten. 
Ebenso wie viele Alltagsgegenstände, die den Steinzeit-Menschen 
Tag für Tag wichtige Begleiter waren. "Dazu gehören 
Pfeilspitzen und Klingen, die zum Teil aus eigens importiertem 
und qualitätsvollem Maasfeuerstein gefertigt waren", benennt 
Schierhold weitere Ausgrabungserkenntnisse.

Hintergrund
Wenn die Arbeit vor Ort in dieser Saison auch beendet sein mag: 
Für die Anthropologin Susan Klingner von der Universität 
Göttingen geht die Spurensuche weiter. "Die menschlichen 
Skelettfunde aus beiden Gräbern sind makroskopisch und auch in 
ihrer Mikrostruktur gut erhalten", beschreibt die Fachfrau. 
"Sie werden an der Universität Göttingen in einer Arbeitsgruppe 
für Paläopathologie, die der Universitätsmedizin angegliedert 
ist, weiter untersucht." Der gute Erhaltungszustand macht es 
möglich, dass die ganze Bandbreite der modernsten 
anthrophologisch-paläopathologischen Untersuchungsmethoden 
genutzt werden kann.

Dabei gehen die Forscher den Fragen nach, welches Sterbealter 
die Toten aus Schmerlecke hatten, welches Geschlecht und welche 
Körperhöhe sie hatten und welche Krankheitsbefunde dokumentiert 
werden können. Dazu werden die Knochenfunde makroskopisch, mit 
einer Handlupe, lupenmikroskopisch, endoskopisch, 
röntgenologisch, licht- und rasterelektronenmikroskopisch 
unter-sucht. Die Veränderungen an den Knochen dokumentieren die 
Forscher dabei metrisch, grafisch und fotografisch.

Insgesamt drei Grabanlagen haben die Menschen der Jungsteinzeit 
zwischen 3500 und 2800 v. Chr. in Erwitte-Schmerlecke 
errichtet. Die Gräber sind 20 bis 25 Meter lang und zwischen 
zwei und vier Meter breit. In diesen Gemeinschaftsgräbern, die 
aus Großsteinplatten erbaut wurden, setzten die Menschen ihre 
Toten über mehrere Jahrhunderte hinweg bei. Die Gräber sind in 
einem sehr unterschiedlichen Zustand: bereits im 19. 
Jahrhundert wurde eine der Anlagen fast komplett aus-gegraben 
(Grab I), eine weitere (Grab II) ist durch die Beackerung vor 
allem der letzten Jahrzehnte stark beschädigt. In den 50er 
Jahren wurde das Grab II beim Pflügen entdeckt.

Es ist das am besten erhaltene der drei Gräber. Wie viele 
Menschen hier beigesetzt wurden, ist noch nicht abschließend 
erforscht - es könnten bis zu 200 Tote sein.. Der gute 
Erhaltungszustand der Skelette ist der Bauweise der Gräber zu 
verdanken: Die Kalksteinplatten haben dem Boden Kalk zugeführt, 
so dass die Knochenzersetzung deutlich langsamer stattfindet. 
Die Untersuchungen sind Teil des Forschungsprojektes zur 
Hessisch-Westfälischen Megalithik im Schwerpunktprogramm "Frühe 
Monumentalität und soziale Differenzierung" der Deutschen 
Forschungsgemeinschaft (DFG). Ausgrabungen finden seit 2009 
statt.


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