[WestG] [AKT] Arnsberger Buergermeister Vogel zur Reichspogromnacht
Marcus Weidner
Marcus.Weidner at lwl.org
Fr Nov 9 13:44:41 CET 2012
Von: "Stadt Arnsberg" <info at presse-service.de>
Datum: 09.11.2012, 13:38
AKTUELL
Rede von Bürgermeister Hans-Josef Vogel
74. Jahrestag der Reichspogromnacht
Arnsberg. Ansprache bei den Kranzniederlegungen zum 74. Jahrestag der Reichspogromnacht am 09. November 2012 in Oeventrop, Alt-Arnsberg, Hüsten und Neheim.
I.
Die antijüdischen Pogrome vor 74 Jahren hatten nur ein Ziel, nur einen Zweck: die Ermordung der europäischen Juden vorzubereiten, zu denen auch die jüdischen Bürgerinnen und Bürger aus Oeventrop, (Alt-)Arnsberg, Hüsten und Neheim, d.h. aus unserer heutigen Stadt Arnsberg gehörten.
In Oeventrop, das zur Synagogen-Gemeinde (Alt-)Arnsberg zählte, begannen die antijüdischen Ausschreitungen in der Nacht vom 09. auf den 10. November 1938 und fanden dann am Nachmittag des 10. November ihren Höhepunkt.
Sie fanden statt auf der Kirchstraße, in der die Oeventroper jüdischen Glaubens wohnten und Geschäfte betrieben. Unterstützt durch Mitglieder der sogenannten "Schutzstaffel" der Nazis (Abkürzung SS) aus Neheim und Hüsten wurden fünf jüdische Geschäfte und Wohnungen geplündert und völlig zerstört.
In (Alt-)Arnsberg waren es auswärtige Trupps der sogenannten "Sturmabteilung" (Abkürzung SA) der Nazis, die angeleitet von ortskundigen heimischen Personen die Häuser und Wohnungen der jüdischen Bürgerinnen und Bürger am Steinweg, am Alten Markt sowie in der heutigen Clemens-August-Straße und in der Grafenstraße plünderten und demolierten.
In (Alt-)Arnsberg wurden alle männlichen Juden verhaftet, in sogenannte "Schutzhaft" im Polizeigefängnis im Alten Rathaus genommen und anschließend über Dortmund in das Konzentrationslager Oranienburg-Sachsenhausen bei Berlin deportiert. Vor Weihnachten wurden sie wieder entlassen.
SA-Mitglieder stürmten die Arnsberger Synagoge an der Schloßstraße. Sie demolierten das Mobiliar, schichteten die Holztrümmer in der Mitte der Synagoge zum Feuer auf. Doch Anwohner verhinderten, dass in der Synagoge Feuer gelegt wurde, das schnell auf die eng bebaute Altstadt übergeschlagen wäre.
Auch in Hüsten fanden antijüdische Pogrome statt. Die SA-Trupps demolierten die Synagoge, die hinter einem Geschäftshaus in der Marktstraße stand, sowie die Wohnungen und Geschäfte der jüdischen Bürgerinnen und Bürger Hüstens.
In Neheim plünderten und demolierten SA-Kräfte die Geschäfte und Wohnungen der jüdischen Bürgerinnen und Bürger, hauptsächlich in der heutigen Hauptstraße, in der Mendener Straße und an der Langen Wende.
Am Abend des 09. Novembers stürmten die Nazis die Synagoge an der Mendener Straße und demolierten sie völlig. Einrichtungstrümmer, Tora-Rollen, die die fünf Bücher des Moses beinhalteten, theologische Bücher, Gebetsmäntel und Gebetsschals lagen am anderen Morgen im Vorhof der Synagoge oder waren auf dem Zaun zur Mendener Straße aufgespießt. Auch hier war eine Brandschatzung unterblieben, weil Gefahr für die enge Bebauung der Neheimer Altstadt bestand.
So wurde die Reichspogromnacht - unter diesem Namen fassen wir die Ausschreitungen am 09. und 10. November 1938 zusammen - zum Vorhof der totalen Entmenschlichung der jüdischen Opfer, zum Vorhof der totalen Vernichtung.
Nur wenige Jahre später wurden 153 jüdische Bürgerinnen und Bürger aus der heutigen Stadt Arnsberg - aus Oeventrop, (Alt-)Arnsberg, Hüsten und Neheim - in den nationalsozialistischen Konzentrationslagern ermordet. Mit ihnen wurde das jüdische Leben in unserer Stadt ausgelöscht.
Es gibt keine Worte, die stark genug sind, um die entsetzliche Tragödie der Shoa - des Holocaust - zu bedauern, die mit den November-Pogromen vor 74 Jahren auch in unserer Stadt begann.
II.
Adriana Altaras fragte vor einem Jahr in ihrer Rede zum 09. November in der Frankfurter Paulskirche: "Sind unsere Formen der öffentlichen Trauer so noch machbar? Und was ist nach dem 09. November, an den anderen 364 Tagen? Ist alles erledigt mit diesem einen 09. November?" Nein, damit ist nicht alles erledigt. Lassen Sie mich mit den Worten der beiden Mitglieder des Europa-Parlaments, Daniel Cohn-Bendit und Guy Verhofstadt, aus ihrem aktuellen Manifest "FÜR EUROPA!" antworten: "Erlaube es diesen Geistern (Anmerkung: den Feinden der Freiheit) nicht, wieder überhandzunehmen. Denn die Erben von Kommunismus, Faschismus und Nationalsozialismus sind nicht tot, sie verstecken sich heute lediglich im Schatten vieler populistischer und ausländerfeindlicher Gruppierungen. Vergiss nie die größte Lehre aus unserer Geschichte: Was einmal passiert ist, kann jederzeit wieder passieren. Denke nicht, dass sich die Geschichte nicht wiederholen kann. Wir sind nicht besser oder intelligenter oder gewandter als unsere Vorfahren, wie wir auch nicht schlechter, dümmer oder schwerfälliger sind. Es kommt vor allem auf die Wachsamkeit an. Lass es nicht zu, dass unsere Rechte und Freiheiten beschränkt werden. Reagiere rechtzeitig. Warte nicht, bis es zu spät ist."
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