[WestG] [AKT] Wie sich das fruehe Christentum durchsetzen konnte
Alexander Schmidt
Alexander.Schmidt at lwl.org
Do Jun 28 10:44:26 CEST 2012
Von: "Exzellenzcluster "Religion und Politik"" <religionundpolitik at
uni-muenster.de>
Datum: 25.06.2012, 10:32
AKTUELL
Wie sich das frühe Christentum durchsetzen konnte
Wissenschaftlerin: Antikes Briefsystem von Bischöfen ähnelt
modernen Netzwerken
Die schnelle Ausbreitung des frühen Christentums fußt nach
neuesten Forschungsergebnissen auf einem Briefsystem, das an
moderne Kommunikationsnetzwerke erinnert. "Im Römischen Reich
des dritten Jahrhunderts korrespondierten verfolgte Bischöfe
von Karthago bis Kleinasien über ihre Religion und
machtpolitische Fragen. Vorteil des ausgefeilten Briefsystems
war, dass viele Christen und Gemeinden gleichzeitig teilhaben
konnten. Die starke Vernetzung trug wesentlich zur schnellen
Ausbreitung des Christentums bei", sagt Althistorikerin Eva
Baumkamp vom Exzellenzcluster "Religion und Politik" der
Universität Münster, die den Briefverkehr frühchristlicher
Bischöfe in einer Studie des Forschungsverbundes untersucht hat.
"Das Christentum war anfangs eine verbotene
Untergrundorganisation, die ihre Glaubenslehre sowie
Organisations- und Machtstruktur erst definieren musste", so
die Wissenschaftlerin von der Graduiertenschule des
Exzellenzclusters. Von den Römern verfolgt, hätten die Christen
über den intensiven Briefaustausch zwischen vielen Gemeinden um
eine reichsweite Identität gerungen. Durch Namenslisten wurde
festgelegt, wer Teil der Briefgemeinschaft war und wer nicht.
Sozialen Online-Netzwerken gleich, diente das Briefsystem der
schriftlichen Diskussion von aktuellen Themen. "Unter dem Druck
der Verfolgung durch die römischen Kaiser Decius (250-251) und
Valerian (257-260) versuchten die Christen früh, ihre
theologischen Probleme zu lösen. Das wirkte wie ein Motor. So
profitierte das Christentum letztendlich von der Bedrohung", so
Baumkamp.
Für ihr Dissertationsprojekt, das Althistoriker Prof. Dr.
Johannes Hahn begleitete, hat die Forscherin gut 80 antike
Briefe von und an Bischof Cyprian von Karthago untersucht. Sie
zog außerdem Hinweise aus anderen Schreiben auf Briefe von
Bischof Dionysius von Alexandria und weiteren Bischöfen aus Rom,
Gallien und Kleinasien hinzu. Die Kirchenmänner diskutierten
darin zahlreiche Detailfragen, etwa wie mit Christen umzugehen
sei, die dem Kaiser während der Verfolgung pagane Opfer
erbracht hatten oder Beamte bestachen, um einer Verhaftung oder
Hinrichtung zu entgehen. "Die Kleriker stritten aber auch über
die Frage, ob von Ketzern getaufte Christen für eine Rückkehr
in die Gemeinde neu getauft werden müssten oder das
Handauflegen eines Bischofs ausreiche."
Die Briefe erfüllten zudem machtpolitische Zwecke, wie Baumkamp
erläuterte. "Viele Bischöfe flüchteten während der Verfolgungen
ins Exil, wollten aber ihre Gemeinden weiter führen und ihnen
Handlungsanweisungen geben. Das ging nur über Briefe."
Gleichzeitig handelten die Kleriker per Briefverfahren
Hierarchien aus. "Vor allem Bischöfe größerer Städte wie Rom,
Karthago, Alexandria oder Lyon waren bald nicht mehr bloß
Sprachrohr ihrer Einzelgemeinde, sondern beanspruchten mehr
oder weniger erfolgreich, die gesamte Provinz zu vertreten", so
die Althistorikerin. Bischof Stephanus von Rom bemühte sich
demnach darum, die höchste christliche Entscheidungsgewalt in
Rom zu verorten. "Die Bischöfe aus Karthago und Kleinasien
ignorierten den Versuch jedoch im weiteren Briefverkehr, so
dass ein römisches Primat zu diesem Zeitpunkt noch nicht
durchgesetzt werden konnte."
Die Schriftstücke aus dem dritten Jahrhundert belegen der
Wissenschaftlerin zufolge auch, welche Auswirkungen
individuelles Verhalten der Bischöfe für ihre Position in den
Gemeinden haben konnte und wie wenig ihre Macht zu diesem
Zeitpunkt gefestigt war. "Man sieht in den Briefen, wie sehr
Bischöfe - obwohl nach christlicher Vorstellung durch Gott
legitimiert - noch darum kämpfen mussten, ihre Position in
Krisensituationen gegen konkurrierende Presbyter, Diakone oder
Märtyrer zu behaupten." Baumkamps Dissertation trägt den Titel
"Zwischen Konflikt und Konsens. Informationsaustausch der
Bischöfe in christlichen Gemeinden des dritten Jahrhunderts".
Die komplexe Briefkommunikation im Untergrund hatte nach den
Worten der Althistorikerin auch langfristig Auswirkungen:
"Kaiser Konstantin der Große konnte die gewachsenen
Kommunikationsstrukturen noch im vierten Jahrhundert nutzen und
machte das Christentum zur privilegierten Religion im Römischen
Reich." Die Konstantinische Wende war ein Meilenstein für die
Ausbreitung des Christentums.
INFO
Kontakt:
Hanno Schiffer
Zentrum für Wissenschaftskommunikation
des Exzellenzclusters "Religion und Politik"
Johannisstraße 1-4
48143 Münster
Tel.: 0251/83-23376
Fax: 0251/83-23246
E-Mail: religionundpolitik at uni-muenster.de
URL: www.religion-und-politik.de
Der Exzellenzcluster "Religion und Politik" der WWU Münster
Im Exzellenzcluster "Religion und Politik" der Westfälischen
Wilhelms-Universität Münster (WWU) forschen rund 200
Wissenschaftler aus 20 geistes- und sozialwissenschaftlichen
Fächern und elf Ländern. Sie untersuchen das komplexe
Verhältnis zwischen Religion und Politik von der Antike bis zur
Gegenwart und von Lateinamerika über Europa bis in die
arabische und asiatische Welt. Es ist der bundesweit größte
Forschungsverbund dieser Art und von den deutschlandweit 37
Exzellenzclustern der einzige zum Thema Religionen. Bund und
Länder fördern das Vorhaben im Rahmen der Exzellenzinitiative
bis Oktober 2012 mit 37 Millionen Euro. Der Antrag des
Exzellenzclusters auf Verlängerung um fünf Jahre wurde bewilligt.
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