[WestG] [AKT] In Recklinghausen wird ein Stueck Mittelalter wieder lebendig: Arcaden-Baustelle offenbart Fuelle von Brunnen mit einmaligen Exemplaren
Alexander Schmidt
Alexander.Schmidt at lwl.org
Fr Jul 20 10:44:48 CEST 2012
Von: "LWL-Pressestelle" <presse at lwl.org>
Datum: 19.07.2012, 14:18
AKTUELL
In Recklinghausen wird ein Stück Mittelalter wieder lebendig:
Arcaden-Baustelle offenbart Fülle von Brunnen mit einmaligen
Exemplaren
Davon ahnte bisher niemand etwas: Dass im Boden von
Recklinghausen - mitten in der Stadt - gleich massenweise
Hinweise auf eine mittelalterliche Besiedlung schlummern,
überrascht auch die Experten. Jetzt, wo die Bagger hier den Weg
für die Entstehung des Einkaufszentrums Recklinghausen Arcaden
ebnen, kommen beinahe täglich neue Überraschungen auch für die
LWL-Archäologen zum Vorschein. Darunter echte archäologische
Raritäten.
Die Brunnen, die der LWL-Archäologe Mark Schrader gleich
serienweise dokumentiert, sind besonders ungewöhnlich. Ein
Typus mit senkrechten Bohlen und darin verzapften Längshölzern,
"ist bislang für Westfalen noch nicht oft dokumentiert",
erklärt der Fachmann. Die gesamte Situation "ist einzigartig",
sind sich alle Beteiligten einig. Auch der ehrenamtliche
Stadtarchäologe Arno Straßmann staunt über die Fülle und Dichte
der mittelalterlichen Brunnen, die er ebenfalls untersuchen und
dokumentieren konnte. Zwei Baumstammbrunnen, vier Kastenbrunnen,
ein Steinbrunnen und weitere Holzkonstruktionen finden sich
auf engstem Raum.
"Das deutet auf eine dichte Besiedlung im Mittelalter hin, die
uns bisher noch nicht bekannt war", sagt Mark Schrader. Das
Fundmaterial reicht vom 12. bis in das 16. Jahrhundert hinein.
Schrader und das Team der LWL-Archäologie dokumentieren alles
akribisch und nehmen Holzproben für dendrochronologische
Untersuchungen, die mittels einer speziellen Analyse der
Baumringe Rückschlüsse auf das Alter der Brunnen ermöglichen.
Unterstützt werden die LWL-Archäologen vom ehrenamtlichen
Engagement der Stadtführergilde. Auch der Investor, die mfi -
management für immobilien AG, fördert die Forschungen während
des Baustellenbetriebs. Baggerfahrer legen die Fundobjekte
bereits bis auf den Zentimeter genau frei, so dass Kellen und
Kratzer zügig an den Gehalt der historischen Zeugnisse
vordringen können. "Wir werden hier hervorragend instruiert und
für die speziellen Baustellengegebenheiten ausgerüstet", sagt
Schrader.
Unter der Aufsicht der Unteren Denkmalbehörde der Stadt
Recklinghausen sind bereits zu Beginn der Bauarbeiten
interessante Funde ans Tageslicht gekommen. Die Baggerschaufeln
holten neben einem Grabstein aus dem 20. Jahrhundert und der
Zeitkapsel, die bei der Grundsteinlegung eines Verlagsbaus
vergraben wurde, auch Tierknochen und Zähne aus einer alten
Abdeckerei sowie die Produktionsreste einer mittelalterlichen
Lohgerberei aus der Erde. In einem der jetzt entdeckten Brunnen
konnte der ehrenamtliche Stadtarchäologe Arno Straßmann neben
einem Krug, Keramikresten, Metallteilen und Tierknochen sogar
eine lederne Schuhsohle und die noch immer erhaltenen Reste von
Eierschalen dokumentieren.
In ihrer Gesamtheit werden die überraschenden Funde der
Stadtchronik von Recklinghausen einige neue Kapitel hinzufügen.
Die Brunnen werden weiter untersucht und als 3D-Modell in der
LWL-Archäologie wieder auferstehen - zusammen mit einem dann
amtlichen "Geburtsdatum" aus den naturwissenschaftlichen
Untersuchungen im Labor.
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