[WestG] [AKT] Grande Dame des Koch-Kults: Ein Henriette Davidis-Lesebuch als Online-Version

Alexander Schmidt Alexander.Schmidt at lwl.org
Mo Feb 21 11:43:23 CET 2011


Von: "LWL-Pressestelle" <presse at lwl.org>
Datum: 18.02.2011, 13:48


AKTUELL

Grande Dame des Koch-Kults 
Ein Henriette Davidis-Lesebuch als Online-Version

Kochbücher waren nicht nur im Zeitalter der TV-Köche die 
Kassenschlager des Buchmarkts. Die kulinarische Buchkultur 
boomte schon im 19. Jahrhundert. Der Autor Hans Dieter Treeck 
würdigt im Rahmen einer Online-Edition der 
LWL-Literaturkommission die Klassikerin dieses Genres, 
Henriette Davidis, deren Auflagenzahlen selbst den britischen 
Star-Fernsehkoch Jamie Oliver erblassen lassen würden. Die 
Westfälin, der in ihrem Geburtsort Wengern an der Ruhr ein 
eigenes Museum gewidmet ist, prägte mit ihren Kochbüchern und 
Erziehungsfibeln ganze Generationen deutscher Ess- und 
Erziehungskultur.

Das Online-Lesebuch 
http://www.lwl.org/LWL/Kultur/westbibl/Davidis/) ist in der 
Reihe Bibliothek Westfalica erschienen, in der die 
wissenschaftliche Kommission des Landschaftsverbandes 
Westfalen-Lippe (LWL) Buchschätze vergangener Jahrhunderte in 
Auswahlausgaben wieder verfügbar macht. Mit seinem 
Davidis-Lesebuch hat Treeck eine Ehrenrettung im Sinn: Er 
möchte die berühmteste deutsche Kochbuchautorin als eine 
selbstbewusste Frau an der Schwelle zur Moderne würdigen, deren 
Schaffen sich nicht auf Kreationen wie den "Pfefferpothast" und 
das "man nehme..." reduzieren lässt.

Auch in der heute ebenso populären Sparte der 
Ratgeber-Literatur war Davidis eine Pionierin. Ihre Bücher "Die 
Jungfrau" und "Die Hausfrau" - Treeck widmet ihnen eigene 
Kapitel - waren Bestseller auf dem Gebiet der standesgemäßen 
"Haushaltsführung". Kulturgeschichtlich Interessierten geben 
die Texte einen Einblick in die Erziehungsideale des 
bürgerlichen Biedermeier: "Zu den rühmlichsten Eigenschaften 
einer Frau gehört die, daß der Mann von ihr sagen kann 'Ich 
habe eine Hausfrau‘", mahnte Davidis ihre junge weibliche 
Leserschaft.

Ihrem Idealbild "Hausfrau" entsprach ein Katalog von Tugenden 
wie Hygiene und Reinlichkeit sowie häuslicher Pflichten wie die 
"Reinhaltung" des "Schreibzimmer des Mannes" und die 
"Überwachung der Kinder". In schulmeisterlichen Traktätchen 
brachte Davidis solcherart "Primärtugenden" den heranwachsenden 
Mädchen und frisch verheirateten Ehefrauen nahe. Heute wirken 
die Tugendlehren der rührigen Henriette unfreiwillig komisch 
und den Lebensentwürfen jetziger junger Frauen Lichtjahre 
entfernt.

Interessant ist aber, dass Davidis selbst ihrem eigenen idealen 
Rollenverständnis widersprach. Sie war nie verheiratet und nahm 
ihr Leben nach den ersten Kochbuch-Erfolgen selbst in die Hand. 
In der rauen verlegerischen Männerwelt stritt sie beherzt um 
ihre Tantiemen und verfolgte zielstrebig ihre literarische 
Karriere. Sie publizierte Bestseller um Bestseller - 
Erziehungsratgeber, Kinderbücher, Gärtnerfibeln - und 
versilberte ihre kulinarische Autorität, indem sie für einen 
Kraftbrühe-Fabrikanten Werbespots erdichtete.

"Mit Herzblut hat der Schriftsteller Dieter Treeck ein 
kurzweiliges und amüsant zu lesendes Henriette-Davidis-Lesebuch 
zusammengestellt. Und auch die Köche kommen nicht zu kurz: Wer 
Lust auf traditionelle Kreationen hat, wird ebenfalls gut 
bedient. Aus Hunderten von Rezepten hat Treeck die 
Davidis-Klassiker herausgesucht. Ein Buch also nicht nur zum 
Lesen, sondern auch zum nachkochen", so der Geschäftsführer der 
LWL-Literaturkommission Prof. Dr. Walter Gödden.


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