[WestG] [AUS] Naturschutz hat Geschichte, Koenigswinter, ab 29.10.2010
Alexander Schmidt
Alexander.Schmidt at lwl.org
Mi Okt 27 11:39:45 CEST 2010
Von: "NRW-Stiftung" <info at nrw-stiftung.de>
Datum: 27.10.2010, 10:26
AUSSTELLUNG
Naturschutz hat Geschichte
NEUE DAUERAUSSTELLUNG DER STIFTUNG NATURSCHUTZGESCHICHTE IN
KOENIGSWINTER
Der Präsident des nordrhein-westfälischen Landtags Eckhard
Uhlenberg wird am Samstag (29.10.2010) die neue
Dauerausstellung "Naturschutz hat Geschichte" in der Vorburg
von Schloss Drachenburg in Königswinter eröffnen. Diese von der
Stiftung Naturschutzgeschichte initiierte Ausstellung ist
weltweit ohne Beispiel. Sie spricht vor allem die vielen
Naherholungssuchenden an, die alljährlich den Drachenfels
besteigen, und sie komplettiert das Angebot von Schloss
Drachenburg, dessen umfassende Restaurierung im vergangenen
Sommer nach 16 Jahren abgeschlossen werden konnte.
Die maßgeblich von der NRW-Stiftung und dem
nordrhein-westfälischen Umweltministerium geförderte
Ausstellung zeigt die Geschichte des Naturschutzes als die
Geschichte von Menschen, die auf sehr vielfältige Weise rührig
und engagiert Natur und Landschaft schützten. Der Rundgang
durch die neu gestalteten Räume bietet Facetten aus der
Geschichte des Naturschutzes von den ersten Schutzbemühungen im
Siebengebirge zu Beginn des 19. Jahrhunderts bis zur
Jahrtausendwende.
Die Ausstellung beginnt mit einem ungewöhnlichen Exponat einem
alten Wohnwagen. Wohnwagen finden im Naturschutz als
Basisstationen im Vogelschutz, bei der Pflege von
Kulturlandschaften oder bei der Besucherlenkung in
Großschutzgebieten Verwendung. Wohnwagen assoziieren aber vor
allem Erholung inmitten von Naturschönheiten, für deren Schutz
sich in der Vergangenheit Menschen eingesetzt haben. Auf
schnellem Wege gelangt man in diese Naturschönheiten aber
oftmals nur über Autobahnen. Eine Fotogalerie im Inneren des
Wohnwagens verdeutlicht unser oftmals paradoxes Verhältnis zur
Natur: Um Naturschönheiten genießen zu können, werden oft Natur
und Landschaft an anderer Stelle zerstört.
Vor dem Wohnwagen fordern stilisierte Blumen zum Mitmachen auf.
Eine "interaktive Blume" legt die Motive früherer Naturschützer
offen. Viele wollten aus ästhetischen Gründen das traditionelle
Landschaftsbild erhalten, dessen Idealdurch die Malerei der
Romantik geprägt war. Eine andere "Blume" bietet die
Gelegenheit, darüber abzustimmen, welche Landschaften als schön
und welche als weniger schön empfunden werden. Und ein
Großbildschirm zeigt, wo uns heute Naturschutz überall im
Alltag begegnet und für welche Landschaften bzw. Tiere und
Pflanzen er sich einsetzt.
Naturschutz hat Geschichte - und die begann maßgeblich am
Siebengebirge. Genau hier würdigt die neue Ausstellung
zahlreiche Menschen und Vereine, denen es zu verdanken ist,
dass die vielen Besucher die Schönheit und Einzigartigkeit des
Siebengebirges sie noch heute genießen können. Kurze Filme
erzählen einzelne Berggeschichten und greifen immer wieder auf
Bekanntes zurück - so auf das Treffen von Queen Elisabeth II.
und Leonid Breschnew, die den Petersberg besuchten - um dann
über die dortigen Naturschutzaktivitäten zu sprechen.
Ein Hauptkapitel der Ausstellung beschäftigt sich damit, mit
welchen Strategien der Naturschutz die gewaltigen Veränderungen
in unserer Kulturlandschaft seit dem 19. Jahrhundert
begleitete. Als etwa eine Eichenallee im Rahmen einer
Flurbereinigung abgeholzt werden sollte, kaufte einer der
"Väter" des Naturschutzes, Ernst Rudorff, sie im ausgehenden
19. Jahrhundert - Schutz durch Kauf ist bis heute ein
wesentliches Instrument von Naturschützern.
Hugo Conwentz, der Begründer des staatlichen Naturschutzes,
stellte zu Beginn des 20. Jahrhunderts bemerkenswerte Bäume
unter Schutz. Alfred Toepfer drängte in den 1950er-Jahren
darauf, "Landschaften um der Menschen willen" zu schützen,
damit in Naturparken wie der Lüneburger Heide oder dem
Siebengebirge Menschen Erholung und Ruhe finden. Der
weltbekannte Naturfilmer Bernhard Grzimek setzte mit durch,
dass 1970 im Bayerischen Wald der erste deutsche Nationalpark
errichtet wurde. Seit den 1980er-Jahren kooperiert Naturschutz
zusehends mit Land- und Forstwirten und schließt mit diesen
Verträge zur naturschonenden Nutzung ab.
Die Ausstellung kombiniert Naturschutzgegenstände mit nicht
erwarteten Exponaten wie Szenen aus dem Heimatfilm "Grün ist
die Heide", Bernhard Grzimeks "Bambi im Gold" oder eine Waage,
die Gänsefedern mit Geldscheinen aufwiegt. Die Ausstellung
verschweigt aber auch nicht, dass der Naturschutz enge
Kooperationen mit dem NS-Regime einging und dessen Ideologie
für die eigenen Zwecke zu nutzen suchte.
In einem zweiten Raum präsentieren sich Menschen, die sich
ehrenamtlich für den Schutz der Vögel einsetzten. Die
"Vogelmutter" Lina Hähnle gründete nicht nur 1899 den Bund für
Vogelschutz, der bald zu einem Massenverband wurde und in
dessen Tradition der heutige Naturschutzbund Deutschland steht.
Sie kümmerte sich auch rührend um verletzte Vögel, die sie in
einem Weidenkörbchen mit nach Hause nahm und dort pflegte.
Nicht jedem Aktivisten war der Naturschutz in die Wiege gelegt.
So wurde etwa der Großwildjäger Georg Schillings durch eine
Kampagne gegen das Tragen von Federmode vom Saulus zum Paulus.
Schillings sowie einige zeitgenössische Operettendiven und
Schauspielerinnen wie Fritzi Massary und Tilla Durieux
erreichten etwa, dass die Jagd exotischer Vögel in der
damaligen deutschen Kolonie Kaiser-Wilhelms-Land (heute
Papua-Neuguinea) verboten wurde. Auf der Hallig Norderoog
verteidigte der vom Verein Jordsand angestellte Vogelschutzwart
Jens Wand bärbeißig die ihm anvertrauten Vögel gegen
rücksichtslose Touristen - zur Not auch mit dem Bambusstock.
Auf der Nordseesandbank Knechtsand kämpfte der Volksschullehrer
Bernhard Freemann in den 1950er-Jahren gegen Brandbombenabwürfe
der Royal Air Force.
Mit einer klugen Öffentlichkeitsarbeit erreichte er, dass das
Gebiet zum Naturschutzgebiet erhoben wurde. Die Ausstellung
geht aber auch auf die unzähligen Menschen ein, die
ehrenamtlich immer wieder die Bestände von Tier- und
Pflanzenarten dokumentieren und für den Kauf geeigneter
Beobachtungsinstrumente zum Teil tief in das eigene
Portemonnaie greifen.
Die vom Münsteraner Designer Dr. Ulrich Hermanns entwickelte
Gestaltung der neuen Dauerausstellung setzt bewusst auf Emotion
und Sinnlichkeit. Historische Persönlichkeiten, deren Motive
und deren manchmal ungewöhnliche Arbeitsweisen bieten den
Besucherinnen und Besuchern immer wieder unmittelbare Einstiege
in die jeweiligen Phasen der Geschichte des deutschen
Naturschutzes.
Eine bürgerliche Wohnzimmeratmosphäre zieht im ersten Stock die
Menschen in ihren Bann, sich Bilder, Filme und Gegenstände von
Vogelschützerinnen und Vogelschützern anzusehen.
Vertiefungsschubladen, interaktive Touchscreens, Filme,
Angebote, die eigenen Erfahrungen im oder mit dem Naturschutz
("Meine Naturschutzgeschichte") aufzuschreiben, beziehen die
Besucherinnen und Besuchern immer wieder in die neue
Dauerausstellung "Naturschutz hat Geschichte" ein.
INFO
Anschrift:
Stiftung Archiv, Forum und Museum
zur Geschichte des Naturschutzes in Deutschland
Drachenfelsstraße 118
53639 Königswinter
Tel.: 02223-700570
Fax: 02223-700580
URL: http://www.naturschutzgeschichte.de
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