[WestG] [AKT] Lueckenschluss beim Jakobspilgerweg von Hoexter nach Aachen: Achter Weg in NRW im Herbst komplett
Alexander Schmidt
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Do Jul 8 10:01:52 CEST 2010
Von: "LWL-Pressestelle" <presse at lwl.org>
Datum: 07.07.2010, 11:30
AKTUELL
Lückenschluss beim Jakobspilgerweg von Höxter nach Aachen
Achter Weg in NRW im Herbst komplett
Mit einer Stabübergabe auf der Grenze zwischen Westfalen-Lippe
und Rheinland hat am Mittwoch (7.7.) der Lückenschluss im
insgesamt achten Jakobspilgerweg durch Nordrhein-Westfalen
begonnen.
Auf einem Feldweg zwischen Bochum-Wattenscheid und
Essen-Freisenbruch überreichte der Direktor des
Landschaftsverbandes Westfalen-Lippe (LWL), Dr. Wolfgang Kirsch,
einen Pilgerstab an seinen Amtskollegen vom Landschaftsverband
Rheinland (LVR), Harry K. Voigtsberger. Der Jakobspilgerweg von
Höxter bis nach Aachen ist bis zum Herbst auch auf rheinischer
Seite komplett ausgeschildert und wird dann in Essen-Werden am
10. September feierlich eröffnet werden.
Wissenschaftler haben im Auftrag der beiden Verbände seit Ende
der 90er Jahre die 1.000 Jahre alte Tradition der Pilgerfahrten
in den nordspanischen Ort Santiago de Compostela erforscht.
Insgesamt haben LVR und LWL sieben Führer zu den Pilgerrouten
mit über 60.000 Exemplaren Auflage herausgegeben und insgesamt
1.460 Wanderkilometer in NRW mit der gelben Muschel auf blauem
Grund ausschildern lassen. "Andere Bundesländer beneiden NRW um
die Landschaftsverbände, die solche Projekte erfolgreich
umsetzen können", sagte LVR-Direktor Voigtsberger.
Von Höxter bis Aachen
Die aktuelle, 360 Kilometer lange Route folgt dem historischen
Hellweg weit durch das Ruhrgebiet. "Das waren im Mittelalter
wichtige Handelstrassen, die ganz Europa miteinander verbunden
haben", so LWL-Chef Kirsch. Die Trasse läuft von Höxter (vom
Startpunkt Kloster Corvey über Höxter, Brakel, Bad Driburg,
Paderborn, Salzkotten, Geseke, Erwitte, Soest, Werl, Unna,
Dortmund) über Bochum, Essen, Düsseldorf und Neuss bis nach
Aachen.
Die neuen Pilgerwege sind nach Angaben der Expertinnen Ulrike
Spichal vom LWL und Annette-Heusch-Altenstein vom LVR
weitgehend an historisch belegte Wegführungen angelehnt.
Spichal: "Wir haben Reste von Hohlwegen gefunden, die sich
durch die schweren Fuhrwerke ins Gelände eingegraben hatten und
können uns auf Ausgrabungsergebnisse stützen." Auch Wachtürme
an Landwehrdurchlässen seien Zeugnisse der alten Wegetrasse.
Die Forscherinnen wollten die mittelalterlichen Wege und die
Spuren der Jakobspilger möglichst genau rekonstruieren: "Es gab
für die Pilger keine eigenen Wege, im Gegenteil: Sie suchten
aus Angst vor Überfällen stark frequentierte, bekannte Trassen",
so Heusch-Altenstein vom LVR.
Dass auch tatsächlich Pilger den Hellweg benutzten, zeigen
zahlreiche Funde von verlorenen Pilgerzeichen, nicht nur
Jakobsmuscheln, sondern auch Zeichen anderer Wallfahrtsorte,
die z.T. auf dem Weg nach Santiago lagen. Auch Hinweise auf
Unterkünfte für mittelalterliche Pilger fanden sich in einigen
Hellwegstädten: In Dortmund, dem Kreuzungspunkt des Hellweges
mit der Nord-Süd-Strecke, befand sich seit dem 14. Jahrhundert
ein Gasthaus, das sich der Unterbringung armer Pilger
angenommen hat.
Die nächsten Strecken in Westfalen-Lippe und im Rheinland
Zwei weitere Strecken in Westfalen - von Minden über Herford
und Bielefeld nach Lippstadt (2011/12) und von Bielefeld über
Warendorf, Münster und Coesfeld an den Niederrhein (2013/14) -
sind die nächsten Projekte in Westfalen. Im Rheinland wird in
Zusammenarbeit mit dem Rheinischen Verein für Denkmalpflege und
Landschaftsschutz und Partnern in Rheinland-Pfalz noch eine
Verbindung Richtung Süden erarbeitet. Danach steht die
nachhaltige Betreuung des Routennetzes im Vordergrund.
Die Geschichte der Jakobspilgerwege
Die Pilgerfahrt zum Grab des Apostels Jakobus des Älteren im
über 2.000 Kilometer entfernten nordspanischen Santiago de
Compostela hat eine Tradition, die bis ins Mittelalter
zurückgeht. Man versprach sich die Heilung von Körper und Seele
als Lohn für den Besuch der Kultstätte.
Seit dem 10. Jahrhundert kamen aus ganz Europa Pilger, Männer
und Frauen aus allen Schichten, nach Spanien, zu Fuß oder zu
Pferd. Als Beleg und Erkennungszeichen diente die Jakobsmuschel,
die jeder Pilger in Santiago erstehen konnte und deutlich
sichtbar an der Kleidung oder Umhängetasche trug.
Seit einigen Jahren erlebt die Pilgerfahrt eine Renaissance,
nicht erst, seit TV-Stars wie Hape Kerkeling sich auf den Weg
machten: 2009 waren es über 140.000 Pilger, darunter etwa zehn
Prozent Deutsche. In diesem Jahr, einem Heiligen Jahr, in dem
der Namenstag des Apostels auf einen Sonntag fällt, werden rund
240.000 Pilger und noch mehr Touristen in Santiago de
Compostela erwartet. Bereits 1987 hatte der Europarat dazu
aufgerufen, die Jakobspilgerwege in Europa zu erforschen. 1993
erklärte die UNESCO den spanischen Teil des Weges, den "Camino
Francés", zum Weltkulturerbe.
Durch eine Pilgerreise konnten Verbrecher auch ihrer Strafe
entgehen, wenn ein Gericht sie dazu verurteilte. "Bettler,
Räuber und Steuerhinterzieher im Pilgergewand haben zusammen
mit den Strafpilgern die Pilgerfahrt im Laufe der Zeit in
Verruf gebracht. Jakobsbrüder wurden vielerorts mit Gesindel
gleichgestellt. In Herford, einer wichtigen Sammelstation für
Pilger in Westfalen, soll die Jakobikirche 1530 wegen der
Jakobspilger, die den Status für ihre Zwecke ausgenutzt haben,
geschlossen worden sein", erläuterte Spichal. Für mittellose
Menschen war jedoch eine Pilgerreise oft die einzige
Möglichkeit, die Heimat zu verlassen. Wohlhabende konnten das
Pilgern auch delegieren und einen Berufspilger mieten.
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