[WestG] [AKT] LWL-Dokumentation zeigt fruehere Missstaende bei Heimerziehung auf

Alexander Schmidt Alexander.Schmidt at lwl.org
Do Dez 16 11:46:09 CET 2010


Von: "LWL-Pressestelle" <presse at lwl.org>
Datum: 14.12.2010, 13:40


AKTUELL

LWL-Dokumentation zeigt frühere Missstände bei Heimerziehung auf

Im Rahmen einer Tagung hat der Landschaftsverband 
Westfalen-Lippe (LWL) am Dienstag (14.12.) in Münster eine 
wissenschaftliche Dokumentation zur Heimerziehung zwischen 1945 
und 1980 vorgestellt. "Ich bitte alle ehemaligen Heimkinder, 
die in westfälischen Heimen statt einer geschützten Kindheit 
Gewalt und Erziehung durch Arbeit erfahren haben, um 
Entschuldigung", sagte LWL-Direktor Dr. Wolfgang Kirsch vor 120 
Teilnehmern der Tagung. Rund die Hälfte der Teilnehmer waren 
ehemalige Heimkinder.

Die Vorwürfe der ehemaligen Heimkinder über Misshandlungen, 
Arbeit ohne Lohn, fehlende Bildung, Lieblosigkeit und nichtige 
Einweisungsgründe wurden in den vergangenen Jahren immer 
lauter. Sie betreffen den LWL gleich dreifach: der LWL war als 
"Maßnahmeträger" erzieherisch und finanziell für rund die 
Hälfte (6.000 bis 9.000 Minderjährige jährlich) aller in 
Westfalen untergebrachten Kinder und Jugendlichen allein 
zuständig, er betrieb eigene Erziehungsheime und er war ab 1962 
Träger der neu eingeführten Heimaufsicht. Um seiner 
Verantwortung gerecht zu werden, hat der LWL 2007 die 
wissenschaftliche Dokumentation "Heimkinder und Heimerziehung 
in Westfalen 1945 - 1980" beim LWL-Institut für westfälische 
Regionalgeschichte in Auftrag gegeben.

"In den 1950er und 1960 Jahren herrschte in den Heimen ein 
autoritärer Erziehungsstil. Statt einer pädagogischen Betreuung,
 die auf die Bedürfnisse der Kinder und Jugendlichen 
ausgerichtet war, gab es oft eine bloße Massenabfertigung mit 
den Schwerpunkten Arbeit, Disziplinierung, Zucht und Ordnung", 
nennt Prof. Dr. Bernd Walter, Leiter des LWL-Institutes für 
westfälische Regionalgeschichte, die wichtigsten Ergebnisse der 
Untersuchung. "Die Einrichtungen, die überwiegend in 
konfessioneller Trägerschaft waren, litten zum großen Teil 
unter Personalmangel und schlechter finanzieller Ausstattung, 
das Betreuungspersonal hatte in der Regel keine pädagogische 
Ausbildung.

Gemessen an heutigen Maßstäben waren die körperlichen 
Züchtigungen und andere Erziehungsmethoden wie Einsperren, 
Essensentzug und Zurschaustellung von Bettnässern ebenso 
unhaltbar wie die harte Arbeit, für die keine Rentenbeiträge 
abgeführt wurden und für die Jugendlichen keinen Lohn bekamen." 
Zum Vergleich: Während sich heute 4,5 Fachkräfte um eine Gruppe 
mit neun Minderjährigen kümmern, war 1945 ein Betreuer für eine 
Gruppe mit bis zu 40 Heimkindern rund um die Uhr zuständig, 
1960 hatte sich der Schlüssel erst auf 1:20 verbessert.

Da das damalige Landesjugendamt nur über rund 120 eigene 
Heimplätze verfügt habe, sei es gleichzeitig auf die gute 
Zusammenarbeit mit den freien Trägern angewiesen gewesen. Daher 
dauerte es viele Jahre, bis sich eine unabhängige Heimaufsicht 
entwickelt hatte. Auch in den LWL-Heimen, in denen vor allem so 
genannte "schwierige Jugendliche" untergebracht waren, sei der 
Alltag durch Strenge, körperliche Züchtigung, militärische 
Umgangsformen und Arbeit geprägt gewesen, so Walter weiter.

"Es muss verhindert werden, dass sich derartige Zustände in den 
Erziehungseinrichtungen auch nur annähernd wiederholen können. 
Deshalb wird das LWL-Landesjugendamt, das heute die 
Betriebserlaubnisse erteilt, seine Vorgehensweise nochmals 
überprüfen. Dabei geht es darum, die Beteiligungs- und 
Beschwerdemöglichkeiten der Kinder und Jugendlichen weiter zu 
verbessern, die Eignung der Betreuer zu überprüfen, die 
Sorgeberechtigten stärker einzubeziehen und Möglichkeiten für 
unangekündigte Besuche in den Einrichtungen zu schaffen", sagte 
LWL-Direktor Kirsch.


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