[WestG] [AKT] Einige Fragen zur Kaffeegeschichte im Ruhrgebiet
Alexander Schmidt
Alexander.Schmidt at lwl.org
Do Okt 29 13:01:31 CET 2009
Von: "Forum Geschichtskultur" <forum at geschichtskultur-ruhr.de>
Datum: 28.10.2009, 09:11
Übernahme aus der E-Mailing-Liste "geschichtskultur ruhr"
AKTUELL
Einige Fragen zur Kaffeegeschichte im Ruhrgebiet.
Alex Kunkel - www.kaffeegarten-ruhr.de
Kaffee als Schmiermittel der Industrialisierung - eine
unentdeckte Geschichte? Zur Rolle des Energetikums in der
Ruhrindustrie
Ich bin als Kaffeeröster Mitarbeiter im "Kaffeegarten-Ruhr" und
beschäftige mich seit zehn Jahren mit Kaffeegeschichte. Dort
leite ich die angebotenen Workshops. Dabei tauchte die Frage
des Kaffees als "Schmiermittel der Industrialisierung" auf. Da
wir mit dem Kaffeegarten, der Name sagt es schon, bewusst
ruhrgebietsweit orientiert sind, interessiert uns das Thema in
Bezug aufs Ruhrgebiet besonders. Hierzu habe ich den
nachfolgenden Text verfasst, der das Thema anreißt und einige
Fragen dazu stellt.
Wo gab es die unten genannten Kaffeeküchen? In der Industrie,
im Bergbau? Welche Rolle spielte Kaffee in der Familie, was
kostete er? Wurde Kaffee z.B. im Krupp´schen Konsum bewusst
günstig abgegeben? Brachten die Arbeiter den Kaffee von zu
Hause mit? War im berühmten Henkelmann der Bergleute auch
Kaffee? Wann und wo wurden Kaffeeautomaten in den Betrieben
eingeführt? Gibt es schriftliche Zeugnisse der Fabrikanten zum
Kaffee als Energetikumfür den Arbeitsprozess?
Hinweise, Bemerkungen und Anfragen bitte an: Alex Kunkel
Goebenstr. 24, 45139 Essen fon 0201 - 58 85 50
alexkunkel at online.de www.kaffeegarten-ruhr.de
Die tiefgreifenden Veränderungen in der Ernährungsstruktur im
18. und 19. Jahrhundert in Europa ergaben sich nicht zufällig,
sondern als direkte Auswirkungen derselben Triebkraft, die eine
Weltwirtschaft entstehen ließ, welche nicht nur die
asymetrischen Beziehungen zwischen den Metropolen und ihren
Kolonien und Satelliten prägte, sondern auch die enormen
technischen und menschlichen Produktions- und
Verteilungsapparate des modernen Kapitalismus
hervorbrachte.(Sidney W. Mintz/ Univ.Baltimore, Die süße Macht
- Kulturgeschichte des Zuckers, 1985)
"Durst ist schlimmer als Hunger. Ohne Nahrung kann man ein paar
Wochen überleben, ohne Flüssigkeiten nicht mehr als ein paar
Tage", schreibt Tom Standage in seinem Werk "Sechs Getränke,
die die Welt bewegten" und macht damit eindringlich klar, welch
überragende Rolle Flüssigkeiten und später auch flüssige
Nahrung für die Menschen spielen.
Zu Beginn der Neuzeit begann der Siegeszug des Kaffees als
interkulturelles Getränk, das seine Entstehung suffistischen
Ritualen, islamischem Verbot von Gegorenem (Wein) und der
Ausdehnung des osmanischen Reiches bis zum Jemen an die
Südspitze der arabischen Halbinsel verdankte. Wie alle
Kolonialwaren zunächst von der Oberschicht genossen fand er
seinen Weg zu den unteren Schichten und war Wegbegleiter des
Rationalismus der Aufklärung, flüssige Geistesnahrung der
Vordenker und Denker der Moderne in den Kaffeehäusern von Wien,
London, Paris, New York und Berlin. Heute zweitwichtigste
Handelsware nach Erdöl und Weltgetränk Nr. 1 nach Wasser.
"Die Kaffeehäuser gelten als Brutstätten politischer Unrast"
(Jürgen Habermas, Strukturwandel der Öffentlichkeit) - Karl II
von England sieht in ihnen "seminaries of insurrection", später
werden sie liebevoll "penny-universities" genannt.
Mit seiner allgemeinen Verbreitung im Volk wird der Kaffee
bedeutende Welthandelsware, Kaffee auf allen Kontinenten, zwei
Millionen Sklaven werden allein in Südamerika Opfer seiner
Produktion. Als Reaktion auf Napoleons Kontinentalsperre wird
der Kaffeeschmuggel zum lukrativen Geschäft. Helene Amalie
Krupp hat nach Adolf Lappenbusch (Essener Historiker) ein guten
Teil ihres Kolonialwarenhandels mit den geschmuggelten
"Profitbohnen" bestritten und damit bekanntlich die
wirtschaftlichen Grundlagen der späteren Industrie-Dynastie
bereitgestellt. Ein sehr früher Bezug des Ruhrgebiets zu Kaffee.
Armut und Hunger machten im Mittelalter Wein und Bier häufig
zur flüssigen Nahrung. "Einige" schreibt Brettschneider 1551
"leben mehr von diesem Getränk als von richtigem Essen, alle
brauchen es, Männer, Frauen, Alte, Gesunde und Kranke". Doch
der mittelalterliche Alkoholrausch mit Biersuppe bereits am
Morgen war unvereinbar mit den sich herausbildenden
industriellen Strukturen und den sie begleitenden Anforderungen
an die moderne Form der Arbeit. Ökonomie der Zeit,
Konzentration und Wachheit waren gefragt und dabei war Kaffee
unschlagbar im Vorteil. Von den Osmanen als medizinische Droge
in die Welt gebracht wurde er das Schmiermittel industrieller
Arbeit: Der Hygieniker Pettenkofer verglich 1873 Kaffee "mit
der Anwendung der richtigen Schmiere bei
Bewegungsmaschinen...". Der italienische Ernährungshistoriker
Montanari: "Auch die bürgerliche Arbeitsethik - keineswegs ein
zweitrangiger Aspekt des entstehenden Kapitalismus - fand im
Kaffee ein Symbol und einen wertvollen Verbündeten." ("Der
Hunger und der Überfluß", 1993). "Nüchternheit und
Enthaltsamkeit sind Schlachtrufe jeder puritanisch-asketischen
Bewegung. Der englische Puritanismus, allgemein die
protestantische Ethik, definieren den Kaffee in diesem Sinne
und erklären ihn dann zu ihrem Leib- und Seelengetränk."
(Wolfgang Schivelbusch, 1980)
Als Medizin und Droge nicht unumstritten - diverse Verbote bei
den Osmanen, in England, Dänemark, Schweden und Deutschland
(u.a. Bistum Hildesheim; Friedrich der Große) - haben auch die
Arbeiter in Paris "dieses Lebensmittel für wirtschaftlicher,
nahrhafter und schmackhafter als alle anderen befunden. Als
Folge davon trinken sie es in enormen Mengen und behaupten, daß
es sie oft bis in den Abend auf den Beinen halte." (Louis
Sébastien Mercier, Tableau de Paris) Die Industrialisierung
krempelt den Arbeitsalltag um, Kaffee wird zum Getränk der
Arbeiter und Arbeiterinnen. "Kaffee ist ein für den
Arbeitsprozess des Volkes unentbehrliches ... Energetikum. Er
wurde eine Voraussetzung für Fabriken und Werkstätten" (H.E.
Jacob, 1934). Daran anknüpfend bemerkt Ulla Heise in ihrer
universellen "Geschichte des Kaffees": "Kurz nach 1800...
trinkt ihn 'der ärmlichste, elendste Arbeiter täglich' ... Der
wohlhabende Bürger trinkt ihn am Morgen und am Nachmittag, bei
ärmeren Schichten steht er als Universalmahlzeit von früh bis
abends auf dem Herd... In Nordfriesland ernährten sich die
Klöpplerinnen um 1830 'fast bloß mit Kaffee und Brot' ... als
letztes Reizmittel für die geschwächten Mägen wurde Kaffee
getrunken, der wenigstens für kurze Zeit das Hungergefühl
betäubte".
Gegen Ende des 19. Jahrhunderts erkannten die Fabrikanten
selbst die Segnungen des Kaffees und richteten eigene
Kaffeeküchen ein. Man könnte sagen: Das Proletariat wird fit
gemacht für den industriellen Arbeitsalltag.
In ihrem Beitrag zu "Kaffee in der Arbeitswelt" beschreibt
Ulrike Thoms, man finde in Berlin aufgrund der starken Präsenz
der Kaffeehallen weniger betriebliches Kantinenwesen, "wohl
dagegen in den neuen industriellen Zentren z.B. des
Ruhrgebiets." Als Grund nennt sie die besondere Lage der
zugewanderten, oft ledigen Arbeiter und die großen Entfernungen
zwischen Fabrik und Wohnort. Aus der Sendebeschreibung des
Films "Als die Eifeler noch Kaffee schmuggelten"(WDR 2009):
"Ungefähr zwei Drittel des Kaffees, der in den Jahren 1945 bis
1953 an Rhein und Ruhr getrunken wurde, waren Schmuggelware.
Und in den Dörfern entlang der belgischen Grenze war in den
ersten Kriegsjahren fast jeder ein bisschen kriminell: Die
einen schmuggelten den Kaffee, die anderen genossen ihn beim
Kaffeekränzchen. Wegen der hohen Steuer war Kaffee in
Deutschland fast dreimal so teuer wie in Belgien, und mit
Schmuggel konnte man in zwei Nächten mehr verdienen als mit
normaler Arbeit in einem Monat."
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