[WestG] [AKT] Vortrag: "Charlotte Sophie, Herzogin von Kurland und Äbtissin in Herford", Herford, 05.11.2009

Alexander Schmidt Alexander.Schmidt at lwl.org
Mi Okt 28 08:55:12 CET 2009


Von: "Christoph Laue" <C.Laue at Kreis-Herford.de>
Datum: 27.10.2009, 11:26


AKTUELL

Verein für Herforder Geschichte e.V.

Vortrag:
Prof. Dr. Ulrich Schoenborn (Marburg):
"Charlotte Sophie, Herzogin von Kurland und Äbtissin in Herford"

 
Wer war Charlotte Sophie von Kurland? Was hat sie in das Amt 
der Äbtissin gebracht? Wodurch ist ihre Amtszeit 
gekennzeichnet? Wie urteilt die Geschichtsschreibung über sie?

Geboren 1651 in Mitau/Kurland (heute Jelgava/Lettland) als 
zweite Tochter (neben zwei Schwestern und drei Brüdern) des 
Herzogs Jakob von und Kurland und der Herzogin Louise Charlotte 
(Schwester des Großen Kurfürsten) wurde sie im reformierten 
Glauben erzogen. 1655 -1660 kam sie zusammen mit ihrer Familie 
in schwedische Gefangenschaft.

1688 wurde sie mit Einflussnahme des Großen Kurfürsten zur 
Äbtissin des Freien Reichsstiftes Herford gewählt. In ihrer 
Amtszeit begegnet sie dem Verlust des Stiftes an Bedeutung und 
weltlichen und Rechten mit Widerstand und stilvollem 
Selbstbewusstsein. Vor allem mit ihrer 
brandenburgisch-preußischen Verwandtschaft stand sie in 
Dauerkonflikt. Sie zog bis vor das Reichskammergericht in Wien 
und gewann den Prozess. Angesichts der repressiven Politik des 
preußischen Königs wich sie 1703 ins schwedische Exil nach 
Verden/Aller aus, wo sie bis zu ihrem Tod 1728 residierte.

Trifft die Statusbezeichnung "monstrum Westfaliae" auf sie zu? 
- Manche sahen in ihr "wohl die unerfreulichste von allen 
Äbtissinnen". Dann wird ihr Selbstbewusstsein unterstrichen und 
ihr Einsatz für das Stift sowie ihre Rechte als Reichsfürstin. 
Über ihre Unterschrift unter Dokumenten heißt es: "Der 
Namenszug könnte der eines Feldmarschalls sein". Man sollte 
noch hinzufügen, dass sie ohne den schützenden 
Familienzusammenhang (das ferne Kurland hatte nach den 
Nordischen Kriegen seine politische Bedeutung verloren) als 
Frau sich gegenüber männlicher Dominanz in Kirche und 
Gesellschaft behauptet hat. Im Übrigen sind ökumenische Ansätze 
in ihrer Kirchenpolitik nicht zu übersehen.

Die Beschäftigung mit Biographie und Lebenswelt der Äbtissin 
aus Kurland vermag "weiße Stellen" auf der Landkarte unseres 
Wissens zu füllen. Von der Peripherie her (Baltikum) hat es 
immer schon einen vielgestaltigen Zustrom in das übrige 
Deutschland gegeben, der nachhaltig gewirkt hat. Nachdem die 
politischen Voraussetzungen sich geändert haben, soll der 
"aufgeklärte Vorsatz" aufgenommen werden, "möglichst viel von 
dem, was noch nicht zum Wissen von uns, unserer Umwelt, unserer 
Herkunft gehört, ins klare Bewusstsein zu heben, damit die 
Rationalität des Denkens und Handelns durch dieses Lernen aus 
der Geschichte gesteigert werden kann" (Hans Ulrich Wehler).

Dr. Ulrich Schoenborn, geb. 1942, studierte evangelische 
Theologie und promovierte mit der Arbeit "Jesu sakramentale 
Verkündigung" in Marburg, war im Pfarrdienst in 
Kurhessen-Waldeck, von 1976 - 1980 Professor in Sao 
Leopoldo/Brasil und 1981 - 1986 Assistent an der Universität 
Marburg. Er habilitierte sich 1988, war von 1991 - 2002 in der 
Lehre im Fachbereich Theologie der Universität Marburg tätig, 
hatte 1996 bis 2004 eine Gastprofessor an der Universität 
Klaipeda/Litauen inne und beschäftigt sich seitdem mit Fragen 
der Mittelosteuropäischen Geschichte. Im Juni 1996 wurde er zum 
Professor im Fachbereich Theologie der Philipps-Universität 
Marburg ernannt. Er ist seit 2007 pensioniert.


INFO

Zeit:
05.11.2009, um 19 Uhr 

Ort:
Daniel-Pöppelmann-Haus
Deichtorwall 2
Herford

Eintritt frei


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