[WestG] [AKT] Grabung des LWL-Museums fuer Naturkunde in Uffeln beendet: Letzter Grabungstag in einem palaeontologischen Bodendenkmal
Alexander Schmidt
Alexander.Schmidt at lwl.org
Di Okt 20 10:35:35 CEST 2009
Von: "LWL-Pressestelle" <presse at lwl.org>
Datum: 14.10.2009, 12:12
AKTUELL
Grabung des LWL-Museums für Naturkunde in Uffeln beendet
Letzter Grabungstag in einem paläontologischen Bodendenkmal
Seit vier Jahren graben die Fachleute des LWL-Museums für
Naturkunde unter der Leitung des Paläontologen Dr. Lothar
Schöllmann in einem ehemaligen Steinbruch in Ibbenbüren-Uffeln
(Kreis Steinfurt) nach Fossilien. Bei diesem Steinbruch handelt
es sich um ein seit 1993 eingetragenes paläontologisches
Bodendenkmal. Das dort vorliegende Kupferschiefervorkommen ist
eine Rarität in Westfalen und stand kurz vor der Zerstörung
durch Verwitterung und Durchwurzelung von Birken. Das Museum
des Landschaftsverbandes Westfalen-Lippe (LWL) griff ein und
begann 2005 eine Grabung zur Sicherung der Bodendenkmäler. Die
LWL-Fachleute bargen seitdem weit über 1770 Funde. Zu den
besonderen Funden aus Uffeln zählen die geborgenen
Fisch-Fossilien. So konnten je ein Exemplar eines Fisches mit
einem Muschelknackergebiss und eines Panzerfisches geborgen
werden. Dieser Panzerfisch ist der erste Nachweis seiner Art
für Westfalen.
Besondere Stücke der Grabung werden demnächst im LWL-Museum für
Naturkunde in Münster ausgestellt. Die Landesvertretung NRW in
Berlin bekommt im November vom 2. bis zum 8. November ebenfalls
einige Fossilien zum Ausstellen. Und im kommenden Jahr werden
herausragende Funde der Grabung anlässlich der
Landesausstellung der nordrhein-westfälischen
Bodendenkmalpflege in Köln gezeigt.
Kupferschiefer
Kupferschiefervorkommen sind in Westfalen sehr selten.
Lediglich zwei weitere Fundstellen sind bisher bekannt. Eine
dieser Stellen wurde jedoch mit Erdreich wieder verdeckt und
die andere befindet sich bei einem Straßenaufschluss.
Der Kupferschiefer setzt sich aus Ton-, Mergel-, Kalk- und
Sandsteinen zusammen. Die Dicke dieser Gesteinsschicht beträgt
in der Regel weniger als einen Meter. Somit ist der
Kupferschiefer in Uffeln mit einer Dicke von rund 2,5 Metern
auch in dieser Hinsicht etwas ganz Besonderes für Westfalen.
Westfalen-Lippe zur Zeit des Kupferschiefers
Der Kupferschiefer gehört zum jüngsten Zeitabschnitt des
Erdaltertums - dem Perm - und umfasst den Zeitraum von vor
296 bis 251 Millionen Jahren. Im Perm waren alle Kontinente
zu dem Superkontinent Pangaea vereint.
Uffeln lag zu dieser Zeit dicht an der Küste in einem
Binnenmeer. Eine geringe Wasserzirkulation führte dazu, dass
sich im gesamten Becken Schwarzschieferbedingungen aufbauen
konnten. Das heißt: In der Wasserschicht über dem Boden
herrschte ein sauerstofffreies, lebensfeindliches Milieu. Erst
oberhalb dieser Wasserschicht konnten Lebewesen existieren. Zu
Boden gesunkene Tierleichen und Pflanzen konnten so, vor
bakterieller Zersetzung und von Aasfressern geschützt,
unzerstört abgelagert werden.
Die Grabung
Die Uffelner Grabung mit einer Grabungsfläche von rund 27
Quadratmetern wurde im Jahre 2005 begonnen und bis zum Oktober
2009 fortgeführt. Durchgeführt wurde die Ausgrabung mit
studentischen Volontären, Praktikanten der Universitäten
Münster und Halle/Saale, präparationstechnischen Volontären und
Präparatoren.
Die Grabungsstelle befand sich in einem geschützten
Landschaftsbereich. Aus diesem Grund konnte kein schweres Gerät
zur Freilegung der fossilführenden Schichten eingesetzt werden.
Alle Arbeiten wurden deshalb in Handarbeit erledigt. Das
Grabungsteam war gezwungen, die Aufschlussarbeiten mit
Spitzhacken und Schaufeln durchzuführen. Über der
Grabungsstelle wurde ein Zelt errichtet, um das Grabungsteam
und das freigelegte Gestein vor der Witterung zu schützen. In
den Winterpausen wurden die Fundschichten mit einer Folie
geschützt und anschließend noch mit cirka 30 Zentimeter Abraum
zugedeckt.
Das untersuchte Gestein besteht aus einer Wechselfolge von
Tonmergelsteinen und kalkigen Sandsteinen. Fossilien finden
sich überwiegend in den Tonmergelsteinen. Bereiche des
Sandsteines lagen vollständig isoliert. Um unter diesen
Bedingungen Schicht für Schicht untersuchen zu können wurde mit
einem so genannten "Standardprofil" gearbeitet. Hierzu wurde in
einem Planquadrat die Grabung so intensiviert, dass der
Grabungsfortschritt an dieser Stelle der eigentlichen Grabung
um einen Profilmeter vorauseilt. In diesem Standardprofil
konnten die Schichten definiert, durchnummeriert und mit denen
im Grabungsbereich parallelisiert werden.
Funde
Die Bergung der Funde war schwierig, da das Gestein zerklüftet
war. Kleinere Fossilien wurden deshalb in mehreren Stücken
geborgen und in der Präparation des Museums zusammengeklebt.
Größere Funde wurden mit Epoxydharz und Glasfasermatten
stabilisiert und als Blöcke ausgegraben. Die Präparation
erfolgt durch vorsichtiges Spalten und durch Freilegen mit dem
Druckluftstichel.
Insgesamt konnten über 1770 Objekte geborgen werden. Als
herausragende Stücke unter den bislang präparierten Exemplaren
sind ein Ullodendron-Zweig (Nadelbaum) aus einer
Karbonatschicht und ein Reticulolepis (Raubfisch) zu nennen.
Vollständige Reticulolepis-Funde gehören zu den großen
Seltenheiten. In der Literatur sind weltweit nur drei Exemplare
beschrieben. Das hier erwähnte Exemplar ist der vierte
weitgehend vollständige Reticulolepis. Das Highlight aus Uffeln
stellt der Fund eines Protorosaurus (Reptil) dar, der jedoch
bereits 1985 in Uffeln von einem damals noch zur Schule
gehenden jungen Mann gemacht wurde. Der Vorläufer der
Dinosaurier befindet sich heute im Besitz des LWL-Museums für
Naturkunde. Dieser Fund ist wegen seiner hervorragenden und
vollständigen Erhaltung weltweit einzigartig. Meist lagen
bisher nur Skelett-Fragmente dieses Reptils vor.
Unter den Funden stellt der kleine Knochenfisch Palaeoniscum
freieslebeni den zahlenmäßig größten Anteil. Zu den besonderen
Fisch-Funden zählen je ein Exemplar eines Fisches mit einem
Muschelknackergebiss und eines Panzerfisches (Menaspis
armata). Menaspis ist der erste Nachweis für Westfalen. Häufig
fanden sich auch Pflanzenreste, die sich auf die Gruppen
Nadelhölzer, Schachtelhalme und Farne verteilen.
Die wissenschaftliche Bearbeitung dieser zahlreichen Funde
steckt noch in der Anfangsphase und wird einige Jahre dauern.
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