[WestG] [AKT] Die unsichtbare Geschichte Zollvereins und Hoehlen als Klimaarchive: Fuenf junge RUB-Forscher erhalten Promotions-Stipendien
Alexander Schmidt
Alexander.Schmidt at lwl.org
Mi Okt 7 08:57:59 CEST 2009
Von: "Josef König" <josef.koenig at presse.ruhr-uni-bochum.de>
Datum: 06.10.2009, 15:31
AKTUELL
Die unsichtbare Geschichte Zollvereins und Höhlen als Klimaarchive
Fünf junge RUB-Forscher erhalten Promotions-Stipendien
Preise der Wilhelm und Günter Esser Stiftung verliehen
Auf der Zielgeraden ihrer Dissertation freuen sich fünf
Nachwuchswissenschaftler der RUB über eine Finanzspritze, die
ihnen hilft, ihre Forschungsprojekte wie geplant abzuschließen:
Sie erhielten am 5. Oktober die Preise der Wilhelm und Günter
Esser Stiftung - ein je halbjähriges Stipendium in Höhe von 750
Euro pro Monat. Gunnar Gawehn erforscht die heute "unsichtbare"
Geschichte der Zeche Zollverein aus den Jahren 1847 bis 1914;
Jens Hauser ergründet in seiner fachübergreifenden Arbeit die
Strategien organischer Medienkunst und die neuen Medien, die
aus Biotechnologie entstehen.
Die Sozialwissenschaftlerin Leila Arroum analysiert die
Sprachkompetenz-Förderung von Kindern und Jugendlichen mit
Migrationshintergrund. Aus den Naturwissenschaften werden zwei
Projekte gefördert: Dana Riechelmann gewinnt neue und hoch
präzise Klimadaten aus Tropfsteinen, Inga Trompetter untersucht
die bisher unbekannte Funktion von bestimmten Enzymen
(Nitrilasen NIT1) zur Rückgewinnung und zum Abbau von Stoffen
in Pflanzen.
Zollverein: Was man heute nicht mehr sieht
Zollverein: Wer vom Weltkulturerbe und dem "Sinnbild"
schlechthin für den Ruhrbergbau spricht, der meint die markante
Zentralschachtanlage Zollverein 12 in Essen-Katernberg, die von
1928 bis 1930 erbaut wurde. Was man hingegen nicht mehr sieht
und kaum jemand weiß: Bereits seit ihrer Gründung im Jahr 1847
setzte die Zeche Zollverein technische und wirtschaftliche
Maßstäbe. Sie war von je her Motor für die ökonomische, soziale
und städtebauliche Entwicklung des Standortes und nahm bereits
in den Jahren 1888 bis 1901 die Spitzenposition unter allen
Gruben im Ruhrbezirk entlang der Emscher ein.
"Die Vorgeschichte der Zeche war mehr als ein Prolog", sagt
Gunnar Gawehn, der in seiner Dissertation die heute
"unsichtbare" Geschichte der Anlage erstmals systematisch
dokumentiert. Denn obwohl die Zeche in vielerlei Hinsicht
prägend auf die Region wirkte, existiert bisher keine
Untersuchung, die sich genauer mit der Geschichte des
Bergwerkes vor dem Ersten Weltkrieg befasst.
Neue Biomedien im Blick
Ein "Plantimal" - eine gentechnisch veränderte Pflanze, in der
DNA-Sequenzen des Künstlers zum Ausdruck kommen; oder
"opferlose Lederzucht" - in vitro entstehende Kunsthaut, die
"Artenschranken" überschreitet: Das sind Beispiele von
aktueller Gegenwartskunst, die auf moderne Biotechnologie als
Ausdrucksmittel zurückgreift und lebendige Exponate schafft. An
dieser Medienkunst setzt Jens Hauser mit seiner Arbeit an und
skizziert die Herausforderungen neuer "Biomedien", die die
Möglichkeiten und Grenzen bisheriger Medien übersteigen.
Fachübergreifend erforscht er die Strategien von Biomedialität:
"Nach der Ablösung der traditionellen Beziehung von Kunst und
Natur durch Kunst und Technik im 20. Jahrhundert verschmelzen
nun beide in der Biomedialität", so Hauser.
Medienwissenschaftlich, kunsthistorisch, technikphilosophisch
und wissenschaftstheoretisch untersucht Hauser die ästhetische
und gesellschaftliche Bedeutung dieser Kunst, die die moderne
Biotechnologie zweckentfremdet. Aus zahlreichen Fallstudien
leitet er Perspektiven eines neuen Medienverständnisses ab.
Sprachförderung - Eltern - Integration
Sprachförderung für Kinder mit Migrationshintergrund tut Not,
PISA und DELFIN haben es gezeigt: Vor allem die Kinder und
Jugendlichen aus unteren sozialen Schichten sind im deutschen
Schulsystem benachteiligt und haben deutlich schlechtere
Bildungschancen. In Herten im nördlichen Ruhrgebiet, einer
Kommune, in der bereist jedes zweite Kind bis sechs Jahre einen
Migrationshintergrund hat, untersucht Leila Arroum, welche
Faktoren die Sprachkompetenzförderung in Tageseinrichtungen für
Kinder beeinflussen.
In teilstrukturierten, narrativen Interviews befragt die
Sozialwissenschaftlerin die Leiter aller Tageseinrichtungen in
Herten sowie Eltern zu den Themen Sprachförderung, Elternarbeit
und Integration: Welche subjektiven Schwerpunkte setzen sie,
was erachten sie als "relevant", welche Deutungsmuster für
"Bildungserfolg" und "Integration" lassen sich daraus ablesen?
Die Befragten sollen "offen" darüber sprechen. Mit ihrer
Dissertation setzt Arroum an der gängigen Behauptung an,
verantwortlich für sprachliche Missstände der Kinder seien vor
allem die Eltern, deren Herkunft sowie deren fehlendes
Engagement und Interesse.
Klimadaten aus Tropfsteinen
In Höhlen und insbesondere in deren Tropfsteinen stecken
wertvolle und vor allem sehr präzise Daten über unser Klima und
die Klimaveränderungen vergangener Zeiten. Wie ein "Archiv"
fungieren die mineralischen Ablagerungen (Kalzit). Dana
Riechelmann fährt für ihre Untersuchung - ein so genanntes
Höhlen-Monitoring - regelmäßig nach Iserlohn, wo sie in der
"Bunkerhöhle" zahlreiche Aufzeichnungs- und Messgeräte
installiert hat. Ihre kontinuierliche Datensammlung verfolgt
zwei Ziele: zum einen geht es darum exakt zu verstehen, was
heute in einer Höhle passiert. Die Analyse unseres derzeitigen
Klimas aus den Kalzitschichten der Tropfsteine erlaubt dann zum
anderen Rückschlüsse auf das frühere Klima.
Die Daten sind in der Sprache der Wissenschaftler "hoch
auflösend": Sie ermöglichen Aussagen über Zeiträume von
Jahrzehnten bis Jahrhunderten und sind somit präziser als die
Daten, die man etwa aus marinen Bohrkernen gewinnt. "Das ist
besonders wichtig, um kurzfristige Klimaveränderungen der
jüngeren Vergangenheit zu rekonstruieren", so Riechelmann. Ein
Beispiel: "Bereits jetzt können wir sehr schön die
Industrialisierung anhand von Schwefel in den Kalzitschichten
sehen." Etwa einen Millimeter wächst ein Tropfstein im Schnitt
in zehn Jahren, so dass sich anhand der geophysischen Daten
Schicht für Schicht das Klima "ablesen" lässt.
Wie Pflanzen ihre eigenen Abwehrstoffe entgiften
Viele Pflanzenarten aus der Familie der Kreuzblütler
(Brasscicaceen) besitzen Senfölglycoside (Glucosinolate). Wird
eine Pflanze zum Beispiel durch ein Insekt angeknabbert, werden
die Glucosinolate abgebaut. Dabei entstehen giftige oder
schlecht schmeckende Substanzen (etwa Isothiocyanate und
Nitrile). Ein Beispiel dafür ist die Senfpflanze: Sie riecht
nicht nach Senf, schmeckt aber scharf, wenn man hineinbeißt.
Auch "unverwundete" Pflanzen können Glucosinolate abbauen.
Geschieht dies über Nitrile als Abbauprodukte, können die
Pflanzen bei Schwefelmangel den Schwefel aus den Glucosinolaten
zurückgewinnen. Da auch Nitrile in höheren Konzentrationen
schädlich sind, werden sie von Nitrilasen zu Carbonsäuren
umgesetzt. Inga Trompetter untersucht in ihrer Dissertation die
NIT1-Gruppe Nitrilasen, die nur in Kreuzblütlern (Brassicaceen)
vorkommen, zum Beispiel in Senf, Kresse, Kohl und Raps. Sie
schaut hier ganz genau hin und erforscht, inwieweit die
Nitrilasen die Pflanze befähigen, schädliche Stoffe (Nitrile)
abzubauen und wertvolle Elemente (z. B. Stickstoffe)
zurückzugewinnen und "neu" zu nutzen.
INFO
Dr. Manfred Buschmeier
Dezernat 1, Forschungsreferent
Tel. 0234/32-23923
E-Mail: manfred.buschmeier at uv.rub.de
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