[WestG] [TV/R] "Lebensunwert", Der Weg des Paul Brune, WDR-Fernsehen, 28.09.2008
Marcus Weidner
Marcus.Weidner at lwl.org
Di Sep 23 15:26:18 CEST 2008
Von: "Lernzeit" <Lernzeit at WDR.DE>
Datum: 18.09.2008, 16:53
TV / RADIO
Sonntag, 28.09.2008
16.25 - 16.55 Uhr, WDR Fernsehen
"Lebensunwert" - Der Weg des Paul Brune
Paul Brune studierte Germanistik und Philosophie und wollte Lehrer am
Gymnasium werden. Eine Irrenhausakte aus der Nazizeit zerstörte sein
Leben. Warum tun sich die politisch Verantwortlichen so schwer,
Nazi-Urteile aufzuheben, die auf der Ideologie der Rassenhygiene
beruhen?
In einem kleinen Dorf am Randes des Sauerlandes wird Paul Brune 1935
geboren. Er ist das Kind einer außerehelichen Beziehung seiner Mutter
mit einem reichen Bauern. Der betrogene Ehemann rächt sich und
misshandelt Pauls Mutter schwer. Paul ist kaum ein Jahr alt, als seine
Mutter diesem Schrecken ein Ende setzen will. Mit drei ihrer Kinder
versucht sie sich zu ertränken. Dabei stirbt ein Sohn. Eine Tat mit
schwersten Folgen in der Zeit der Nazi-Herrschaft. Für Paul Brune der
Beginn eines endlosen und entsetzlichen Albtraums. Seine Mutter wird für
geisteskrank erklärt und zwangssterilisiert, er selbst und seine
Geschwister kommen in Waisenheime.
Als Paul Brune acht Jahre alt ist, diagnostiziert ein von der
nationalsozialistischen "Rassenhygiene" überzeugter Arzt bei ihm ererbte
"Geisteskrankheit". Paul Brune wird als "lebensunwert" verdammt und zur
Euthanasie erfasst. Nur dank seiner guten schulischen Leistungen
entkommt er knapp dem Tod. Den "Idiotenanstalten" aber, in denen auch
nach dem offiziellen Euthanasiestopp 1941 weiter mit Medikamenten,
Hunger und Gewalt gemordet wird, entkommt er nicht. Auch nach der Zeit
des Nationalsozialismus nicht. Das Stigma des Geisteskranken verfolgt
Paul Brune unerbittlich weiter. Die Nazi-Herrschaft ist zwar vorüber,
aber sowohl die Vorurteile bleiben als auch die menschenverachtenden
Verhältnisse in den psychiatrischen Anstalten. Bis 1957 lebt Paul Brune
in Heimen und als Knecht bei "Pflegefamilien" auf dem Land, die ihn als
billige Arbeitskraft ausbeuten. Menschliche Zuneigung ist ein Fremdwort.
Schließlich erreicht er aus eigener Kraft die Aufhebung seiner
Entmündigung und kämpft für das Recht, die ihm vorenthaltene Bildung
nachzuholen.
Dank seines eisernen Willens gelingt es ihm, Abitur zu machen und sein
Studium in Germanistik und Philosophie zu Ende zu bringen. Lehrer werden
kann er aber nicht. Immer wieder taucht die alte Irrenhausakte aus der
Nazi-Zeit auf. Erst im Jahr 2003, nach fünf Petitionen, wird er als
Verfolgter des Nazi-Regimes anerkannt. Kaum einem überlebenden
Euthanasie-Opfer ist das gelungen.
Film von Robert Krieg, Monika Nolte