[WestG] [AKT] Taufe eines Schiffsnachbaus aus der Zeit der Varusschlacht
Alexander Schmidt
Alexander.Schmidt at lwl.org
Mo Jun 2 10:38:54 CEST 2008
Von: "LWL-Pressestelle" <presse at lwl.org>
Datum: 30.05.2008, 13:25
AKTUELL
Ein Römerschiff auf der Außenalster
Taufe eines Schiffsnachbaus aus der Zeit der Varusschlacht
Von Januar 2007 bis März 2008 haben Geschichtswissenschaftler
der Universität Hamburg und Bootsbauer der Werft von Jugend in
Arbeit Hamburg e.V. nach Funden aus dem 1. und 2. Jh. nach
Christus ein Römerschiff in Originalgröße nachgebaut. In ersten
Testfahrten auf dem Ratzeburger See, dem Elbe-Lübeck-Kanal und
der Elbe hat es seine Leistungsfähigkeit unter Beweis gestellt.
Bevor es als Vorbote des Ausstellungsprojektes ‘IMPERIUM
KONFLIKT MYTHOS. 2000 Jahre Varusschlacht' verschiedene Städte
besucht, ist es heute, am 30. Mai 2008, an der Außenalster in
Hamburg auf den Namen ‘Victoria' getauft worden.
Sechs Kooperationspartner
Der Nachbau des Römerschiffs ist ein gemeinsames Projekt der
Universität Hamburg, der Werft von Jugend in Arbeit Hamburg e.V.,
des Landschaftsverbandes Westfalen-Lippe (LWL), der
Varusschlacht im Osnabrücker Land GmbH - Museum und Park
Kalkriese, dem Landesverband Lippe sowie dem Kreis Lippe. Das
Schiff wird Teil der Ausstellungen ‘IMPERIUM KONFLIKT MYTHOS.
2000 Jahre Varusschlacht' sein, die im kommenden Jahr die
Varusschlacht in den Museen im westfälischen Haltern am See, im
niedersächsischen Kalkriese und in Detmold (Kreis Lippe) auf
verschiedene Weise thematisieren.
Gleichzeitig dient der Nachbau einem archäologischen Experiment.
Bisher war nicht bekannt, wie leistungs- und manövrierfähig
dieser Schiffstypus war. Mit dem fertig gestellten Römerschiff
konnte nun getestet werden, welche Geschwindigkeiten und
Fahreigenschaften dieses Schiff hat.
Originalgetreu nachgebaut
Genau wie die Originalfunde ist das Römerschiff 16 Meter lang
und fast drei Meter breit, es wiegt etwa 3 Tonnen. Es verfügt
über 20 Ruderplätze sowie jeweils einen Platz für einen
Steuermann und einen Bootsführer. Zwei Bootsbauer, 17
Studierende und drei Bootsbaulehrlinge arbeiteten fast 15 Monate
daran. Im Januar 2007 wurde das Schiff auf Kiel gelegt, am 31.
März das erste Mal zu Wasser gelassen.
Als Vorlage für den Bau dienten den Schiffsbauern und
Studierenden des Seminars für Alte Geschichte zwei römische
Schiffwracks, die man im Jahr 1986 an der Donau in der Nähe des
Legionslagers bei Oberstimm unweit von Ingolstadt entdeckte und
1994 barg. Für den Bauplan lieferte das Museum für Antike
Schifffahrt in Mainz die grundlegende archäologische Studie und
stellte ein Modell zur Verfügung, an dem sich die Konstrukteure
orientieren konnten. Die Materialien für den Schiffbau kamen aus
Lippe: Dazu zählt zum einen das Eichenholz für das Spantgerüst,
einschließlich 700 gedrechselter Holznägel, die das Schiff
zusammen halten.
Hinzu kommt Lärchenholz für Planken und Mast sowie Fichte für
die Riemen. Das Holz lieferte der Landesverband Lippe aus seinem
Waldvermögen. Wie bei den Römern benutzten die Schiffsbauer auch
bei diesem Projekt die Nut- und Federbauweise. Insgesamt kostete
der Nachbau des Römerschiffs rund 250.000 Euro.
Ergebnisse der Testfahrten
Vier Wochen lang wurde das Römerschiff auf dem Ratzeburger See
getestet, anschließend brachten die Studierenden und Bootsbauer
das Schiff auf dem Wasserweg über den Elbe-Lübeck-Kanal und die
Elbe wieder zurück zur Werft. Drei Tage dauerte die 150 km lange
Reise.
Die Manövrierfähigkeit wurde sowohl unter Segel als auch mit
Einsatz von 20 Ruderern erprobt. Das Schiff zeigte
bemerkenswerte Leistungen: Unter Segel konnte es bei den
Testfahrten bis zu sechs Knoten (11km/h) Geschwindigkeit
aufnehmen. Die 20 Ruderer haben fast die gleiche Schnelligkeit
erreicht. Auch die Beschleunigung war beachtlich: In nur 10-20
Sekunden konnte die Galeere unter Segel eine Geschwindigkeit von
3 Knoten aufnehmen. Das Schiff ist sehr wendig: in nur 30
Sekunden lässt es sich um 180 Grad drehen. Damit geben die Tests
ganz neue Erkenntnisse zur Etablierung der römischen Herrschaft
auf germanischen Boden.
Die wissenschaftlichen Ergebnisse sind in einem Bildband
niedergelegt: Askamp, Rudolf/ Schäfer, Christoph (Hrsg.):
Projekt Römerschiff. Nachbau und Erprobung für die Ausstellung
‘IMPERIUM KONFLIKT MYTHOS. 2000 Jahre Varusschlacht', Koehlers
Verlagsgesellschaft, Hamburg 2008.
Das Römerschiff unterwegs
Nach Abschluss der wissenschaftlichen Untersuchungen steuert das
Schiff ab Juni 2008 verschiedene Städte in Deutschland und
Europa an. Dort kann es besichtigt werden. Zugleich kündigt das
Holzschiff das Ausstellungsprojekt ‘IMPERIUM KONFLIKT MYTHOS.
2000 Jahre Varusschlacht' an. Station macht es bspw. in
Hamburg-Harburg (6.-8.6), Mainz (20.-23.6), im westfälischen
Rheine (11.-13.07), in Xanten (8.-10.8), in Nijmwegen (22.-24.8),
in Bonn (29.8-31.8) und Minden (26.-28.9), weitere Aufenthalte
sind in Magdeburg, Ingolstadt und Hannover geplant.
Statements
Hamburgs Wissenschaftssenatorin Dr. Herlind Gundelach:
‘Dieses tolle Projekt zeigt, dass in der erfolgreichen
Verbindung von Wissenschaft und praktischem Handwerk viel
Potenzial steckt und dass die Geisteswissenschaften durchaus
ihren Elfenbeinturm verlassen können. Daran hätten die alten
Römer ihre wahre Freude gehabt. Gleichzeitig verschafft das
Bauprojekt arbeitslosen Jugendlichen eine neue berufliche
Perspektive und trägt dazu bei, sie möglichst rasch zu
vermitteln und in den Arbeitsmarkt zu integrieren.'
Die Präsidentin der Universität Hamburg, Prof. Dr.-Ing. habil.
Monika Auweter-Kurtz:
‘Das Vorhaben 'Römerschiff‘ ist eine aus meiner Sicht
überzeugende Symbiose von Theorie und Praxis. Der Nachbau
ermöglicht nicht nur neue wissenschaftliche Erkenntnisse,
sondern lässt alle Interessierten ein Stück Geschichte
unmittelbar erleben. Dass ein Forschungsthema der Universität
Hamburg hier buchstäblich Wirklichkeit werden konnte, freut mich
außerordentlich. Darüber hinaus ist der Nachbau des
Römerschiffes ein schönes Beispiel für eine erfolgreiche
Kooperation verschiedener Institutionen. Es macht mich ein wenig
stolz, dass die Universität Hamburg hier an einem großen
Ausstellungsprojekt beteiligt ist und durch die Kooperation mit
einem Beschäftigungsträger auch einen Beitrag zur Ausbildung
Jugendlicher leisten kann.'
Der Direktor des Landschaftsverbandes Westfalen-Lippe (LWL), Dr.
Wolfgang Kirsch:
‘In unserem LWL-Römermuseum in Haltern wird dem Besucher mit
berühmten Exponaten aus den großen Museen der Welt unter dem
Titel ‘IMPERIUM' die Entwicklung Roms von einem Dorf auf sieben
Hügeln bis zur Beherrschung des Mittelmeerraums vor Augen
geführt. Den ‘roten Faden' durch die Ausstellung bildet dabei
die Biographie des Publius Quinctilius Varus und die Geschichte
seiner Familie, die ihren Stammbaum bis zu den Anfängen Roms
zurückführte. Während der römischen Feldzüge nach Germanien
entstand im heutigen Haltern die damals größte Konzentration
militärischer Anlagen. Und zu dieser gewaltigen Militärbasis
gehörten auch Schiffshäuser, deren Überreste die Archäologen in
Haltern ausgegraben haben.
Der Landrat des Kreises Lippe, Friedel Heuwinkel:
‘In Lippe wird das Römerschiff im Mai 2009 zur Eröffnung der
Ausstellung MYTHOS auf dem Wassergraben des Detmolder Schlosses
vor dem Lippischen Landesmuseum einen sicherlich viel beachteten
Ankerplatz finden. Um die Fahrtüchtigkeit des Schiffes auch auf
lippischen Gewässern unter Beweis zu stellen, ist eine Tour über
die Weser von Hedemünden, wo 1988 das erste Römerlager in
Niedersachsen gefunden wurde, nach Minden geplant - eine Route,
wie sie die Römer auch schon vor 2000 Jahren unternommen haben',
berichtet der Landrat des Kreises Lippe Friedel Heuwinkel.
Landrat Manfred Hugo, Landkreis Osnabrück, Vorsitzender des
Aufsichtsrats der VARUSSCHLACHT im Osnabrücker Land GmbH -
Museum und Park Kalkriese:
‘Die Ausstellung KONFLIKT wird, aufbauend auch auf den
Erkenntnissen aus zwei Jahrzehnten wissenschaftlicher
Erforschung des antiken Schlachtfelds in Kalkriese, mit einer
Vielzahl herausragender Funde den Kampf gegen Rom und den Weg
der Germanen an die Spitze der Macht im alten Europa
nachzeichnen und Antworten bieten auf die zentrale Frage: Warum
Krieg? Eine Frage, die uns bis heute immer wieder bewegt.'
INFO
URL: www.imperium-konflikt-mythos.de