[WestG] [AUS] "Schutzhaft": Polizeiwillkuer im Raum Herford 1933- 1945, 28.01.-05.07.2008, Herford
Alexander Schmidt
Alexander.Schmidt at lwl.org
Fr Jan 18 11:36:21 CET 2008
Von: "Christoph Laue" <C.Laue at Kreis-Herford.de>
Datum: 16.01.2008, 13:58
AUSSTELLUNG
"Schutzhaft"
Polizeiwillkür im Raum Herford 1933 - 1945
Ausstellung in der Gedenkstätte Zellentrakt in Herford
Vom 28. Jan. bis 5. Juli 2008
"Ich bin kein Strafgefangener. Ich bin auch überzeugt, das ich
nicht Schutzhaftgefangener wäre, wenn die Herforder Polizei Herr
ihrer Nerven gewesen und ein wenig mehr Selbstbewusstsein an den
Tag gelegt hätte, kurz, wenn man im Rathaus nicht völlig den
Kopf verloren hätte." So Julius Finke während seiner
"Schutzhaft" im Herforder Zellengefängnis in einem Brief an
seine Frau Elisabeth vom 02. April 1933.
Das Rechtsinstitut der "Schutzhaft" - ursprünglich vor allem zum
Schutz der inhaftierten Person gedacht - lässt sich bis 1848
zurückverfolgen. In der NS-Zeit 1933 bis 1945 war die
"Schutzhaft" eines der schlagkräftigsten Instrumente des Regimes
zur Bekämpfung seiner Gegner. Mit Hilfe der "Schutzhaft", deren
formaljuristische Grundlage die Reichstagsbrandverordnung vom
28. Februar 1933 bildete, schuf sich die Gestapo einen von jeder
rechtsstaatlichen Bindung gelösten Raum staatlicher Willkür.
Zehntausende von Menschen befanden sich im Sommer 1933 über
Wochen und Monate ohne richterlichen Beschluss in "Schutzhaft".
Erste Opfer der "Schutzhaft" waren vor allem Funktionäre der
Arbeiterbewegung sowie Juden.
Im Laufe des Jahres 1933 brachte die Polizei "Schutzhäftlinge",
die der NS-Staat als besonders bedrohlich empfand, in die neu
errichteten Konzentrationslager wie Dachau und Börgermoor. In
diesen Lagern, deren Existenz vielen Deutschen bekannt war,
drohte den "Schutzhäftlingen" nicht erst während des Zweiten
Weltkrieges die Vernichtung durch Arbeit oder Mord.
Von dieser Willkür waren auch im Raum Herford zahlreiche
Menschen betroffen. Viele der Opfer sperrte die Polizei zunächst
auch im Zellentrakt der Herforder Polizeistation im Rathaus ein.
Von hier gelangten sie in andere Haftanstalten - vor allem dem
Herforder Zellengefängnis - und die ersten KZs. Andere
"Alternativen" waren die Freilassung - meist nach Unterzeichnung
einer Erklärung, nicht weiter aktiv zu sein - oder weitere
(Straf)-Verfolgung und Haft nach Gerichtsurteilen.
Über das Ausmaß der Verfolgung unterrichten zahlreiche Quellen
der damaligen Polizei und Gestapo, Zeitungsartikel, aber auch
die in der Nachkriegszeit entstandenen "Wiedergutmachungsakten"
einzelner Opfer. Die Ausstellung stellt die Polizeiwillkür und
Amtsanmaßung von SA und SS anhand zahlreicher Einzelfälle dar.
In Herford ist vor allem die Überlieferung zum Herforder
SPD-Reichstagsabgeordneten Julius Finke bemerkenswert. Die
Briefe, die Finke an jedem Tag seiner "Schutzhaft" an seine
Familie schrieb, sind vollständig überliefert und zeigen seine
Nöte und Ängste. Zahlreiche Dokumente daraus werden erstmals in
Herford im Original gezeigt.
Vergleiche mit der Praxis der heutigen Untersuchungshaft und den
Haftbedingungen in Justizvollzugsanstalten machen deutlich, das
entsprechende staatliche Willkür im demokratischen Deutschland
nicht möglich ist. Aber auch heute gibt es Kritik an hiesigem
staatlichem Handeln wie zum Beispiel zur Frage der Abschiebehaft
oder eine Diskussion um eine Einführung einer "Sicherungshaft"
zur Gefahrenabwehr bei Terrorismus.
Auch ein Vergleich mit Willkürmaßnahmen in anderen Staaten kann
helfen, die Bedeutung der "Schutzhaft" im NS-Deutschland
einzuordnen und für heutige Willkür sensibilisieren. So weist
Amnesty International in der Ausstellung auf Tendenzen im
Rechtsstaat USA und Willkür in Unrechtsstaaten heute hin.
Lehrerinnen und Lehrer sowie Leiterinnen und Leiter anderer
Gruppen können Führungen für Gruppen und Schulen buchen. Das
Gesamtthema eignet sich insbesondere für Lerneinheiten oder
-inhalte wie Machtergreifung und Herrschaftsstabilisierung des
NS-Staates sowie Diktatur und Willkürherrschaft. Zur Ausstellung
erscheinen pädagogische Materialien für Schulklassen und Gruppen,
die auch im Internet abrufbar sein w erden.
Die Ausstellung und die pädagogische Arbeit werden durch die
Stiftung der Sparkasse Herford und Arbeit & Leben Herford
finanziell unterstützt. Zahlreiche Materialien stammen aus dem
Landesarchiv NRW, Staats- und Personenstandsarchiv Detmold, das
bereits vor zwei Jahren eine Ausstellung zu diesem Thema
erarbeitet hat.
Die Ausstellung wird am 28. Januar 2008 um 19 Uhr in der
Gedenkstätte Zellentrakt (im Rathaus Herford, Eingang vom
Parkplatz auf der Freiheit) eröffnet.
Nach Begrüßung durch Jörg Militzer (Vorsitzender des Kuratoriums
Erinnern Forschen Gedenken), Liselore Curländer (Landrätin des
Kreises Herford), Bruno Wollbrink (Bürgermeister der Stadt
Herford) und Bernd Stienkemeier (Polizeidirektor der
Kreispolizeibehörde Herford) gibt Dr. Wolfgang Bender
(Landesarchiv NRW, Staats- und Personenstandsarchiv Detmold)
eine Einführung in das Thema.
Aus dem Begleitprogramm:
16. April 2008
19.00 Uhr
Gedenkstätte Zellentrakt
"Schutzhaft aus Sicht des modernen Strafvollzuges "
Vortrag von Regierungsdirektor
Friedrich Waldmann (Leiter der Justizvollzugsanstalt
(JVA) Herford)
INFO
Kuratorium für eine Dokumentations- und Begegnungsstätte in
Herford zum Erinnern, Forschen und Gedenken
Vorsitzender: Jörg Militzer
Gedenkstätte Zellentrakt
Rathausplatz 1
32052 Herford
Tel.: 05221-189257
E-Mail: info at kuratorium-herford.de
E-Mail: info at zellentrakt.de
URL: www.kuratorium-herford.de
URL: www.zellentrakt.de