[WestG] [AKT] LWL zeichnet Fuerstenzimmer im Detmolder Bahnhof als Denkmal des Monats aus
Alexander Schmidt
Alexander.Schmidt at lwl.org
Mi Feb 6 11:03:58 CET 2008
Von: "LWL-Pressestelle" <presse at lwl.org>
Datum: 06.02.2008, 10:08
AKTUELL
Einziger erhaltener herrschaftlicher Wartesaal in
Westfalen-Lippe -
LWL zeichnet Fürstenzimmer im Detmolder Bahnhof als Denkmal des
Monats aus
Bei der Sanierung des 1880 errichteten Bahnhofsgebäudes in
Detmold wurde auch das sogenannte Fürstenzimmer restauriert.
Dieser von den übrigen Wartesälen strikt getrennte Raum diente
den lippischen Fürsten, ihrer Familie und ihren Gästen bei
Bahnreisen als exklusiver Warte- und Empfangsraum. Zur
standesgemäßen Ausstattung gehört neben der üppigen hölzernen
Kassettendecke auch die gemalte Dekoration der Wände.
Die seit langem nicht mehr sichtbaren Malereien wurden jetzt von
Tapetenüberklebungen befreit und restauriert. Zukünftig wird der
Raum durch die Lebenshilfe Detmold als Café genutzt. Als letztes
und noch dazu gut erhaltenes Beispiel seiner Art in
Westfalen-Lippe zeichnet der Landschaftsverband Westfalen-Lippe
(LWL) das Fürstenzimmer jetzt als Denkmal des Monats Februar
aus.
Detmold, die Residenzstadt des bis 1918 regierenden lippischen
Fürstenhauses, wurde erst relativ spät an das Eisenbahnnetz
angeschlossen. Zur Eröffnung der Bahnlinie von Herford nach
Detmold 1880 war auch das Bahnhofsgebäude aus roten
Ziegelsteinen mit Zierelementen aus Naturstein im neugotischen
Baustil fertiggestellt. In einem einstöckigen Anbau am Westende
des langgestreckten Bahnhofsgebäudes befindet sich das
Fürstenzimmer. Der Anbau hat zwei Portale, über denen jeweils
das Wappen des Fürstentums Lippe angebracht ist. Von der
Stadtseite aus gelangt man zunächst in einen Vorraum und von
dort in das eigentliche Fürstenzimmer.
Den hohen Raum mit drei Fenstern überspannt eine plastisch reich
gegliederte Kassettendecke, die hauptsächlich aus Eichenholz
gearbeitet ist. "Verschiedene Holzlasuren, farbige Absetzungen
und florale Ornamentmalereien verstärken den prächtigen
Eindruck", so LWL-Denkmalpfleger Dr. Dirk Strohmann. Direkt
unterhalb der Decke verläuft auf den Wänden ein in Grautönen
illusionistisch gemalter Architekturfries. Oberhalb der Türen
sind darin Stadtansichten Detmolds von 1530 und 1670 eingefügt.
Kleinere Felder in den Raumecken nehmen die Wappen der Städte
des Fürstentums Lippe auf.
Die von der Stadt Detmold als Eigentümerin des Bahnhofs
beauftragte Restauratorin konnte den Architekturfries fast
vollständig erhalten unter Tapetenschichten freilegen. "Nachdem
sie die Malschicht gefestigt hatte, reichten Retuschen der
Fehlstellen aus, um das Original wieder ablesbar zu machen. Die
mit malerischen Mitteln imitierten textilen Wandbehänge
unterhalb des Frieses wurden dagegen nur in ihrem
Hintergrundsfarbton und mit ihrer gemalten Aufhängung
rekonstruiert", erklärt Strohmann. Lediglich ein kleines
Musterfeld gibt einen Eindruck von der einstigen Wirkung der
Wandteppiche.
Hintergrund:
"Was uns heute exotisch anmutet und nur in anderem Zusammenhang
als VIP-Lounge überlebt hat, war im Deutschen Kaiserreich gang
und gäbe. Neben den Wartesälen I. und II. sowie III. und IV.
Klasse gab es in zahlreichen Bahnhöfen Fürstenzimmer,
vorzugsweise in den Residenzorten der Fürstengeschlechter, aber
auch in Großstädten, Kurorten und Umsteigebahnhöfen. Kaiser
Wilhelm II. leistete sich gar im Park von Schloss Sanssouci bei
Potsdam einen eigenen Bahnhof", so Strohmann. Im Jahr seines
Regierungsantritts 1888 besuchte er übrigens Detmold und wurde
natürlich im Fürstenzimmer empfangen.
Mit dem Untergang des Kaiserreichs 1918 lief auch die Zeit der
hochherrschaftlichen Wartesäle ab. Die Räume wurden anderen,
viel profaneren Zwecken zugeführt, ihre Ausstattung entfernt,
überdeckt oder zerstört. So legen heute nur noch ganz wenige
Fürstenzimmer in Deutschland, so z.B. im Schweriner Bahnhof mit
ihrer authentischen Ausstattung Zeugnis ab von der
privilegierten Reisekultur der "Allerhöchsten Herrschaften", und
darüber hinaus von den Standesgrenzen innerhalb der fest
gefügten Sozialstruktur in Deutschland vor 1918. "Künftig steht
dieses besondere Baudenkmal im Detmolder Bahnhof als Café allen
Bevölkerungsschichten offen. Um so schöner, dass im
gemeinnützigen Cafébetrieb auch Arbeitsplätze für Menschen mit
Behinderung entstehen sollen", freut sich Strohmann.