[WestG] [TV/R] WDR: Der Ruhrkampf 1923, 15.12.2008
Marcus Weidner
Marcus.Weidner at lwl.org
Fr Dez 5 08:40:51 CET 2008
Von: "Lernzeit" <Lernzeit at WDR.DE>
Datum: 04.12.2008, 18:32
TV / RADIO
Montag, 15. Dezember 2008 Fernsehen
WDR-dok
23.30 - 0.15 Uhr, WDR Fernsehen
Die Franzosen im Revier - Der Ruhrkampf 1923
Weil das Deutsche Reich aus ihrer Sicht seinen
Reparationsverpflichtungen aus dem Versailler Friedensvertrag von 1918
nicht nachkommt, marschieren französische - und auch belgische - Truppen
ein, um sich zu holen, was ihnen zusteht.
Albert Westen aus Gelsenkirchen ist im Januar 1923 gerade auf dem Weg
zur Schule, als ihm ein Trupp französischer Soldaten begegnet: "Die
kamen ja noch mit Pferd und Wagen. Das war ja nicht so wie heute: alles
motorisiert!" Zechen und Bahnanlagen wollen sie besetzen.
Die Reichsregierung in Berlin protestiert gegen die Besetzung und ruft
die Bevölkerung zum passiven Widerstand auf: Auf den Zechen, bei der
Bahn und in den Verwaltungen wird jede Zusammenarbeit mit den Soldaten
aus Frankreich und Belgien untersagt. "Ich kann mich erinnern, wie die
Franzosen hier mit den Panzern durch die Straßen gefahren sind. Dann
haben wir hinter den Fenstern gesessen, durften die Gardinen nicht
bewegen", erinnert sich Emmy Bockweyd aus Buer.
Schon am ersten Tag der Besatzung wird aus dem passiven Widerstand
blutiger Ernst: Als ein Demonstrationszug in Bochum vor das Gebäude der
Reichsbahn zieht, um gegen die Besetzung zu protestieren, eröffnet
französisches Militär das Feuer, ein junger Berufschüler kommt dabei
um. Dennoch hält die Bevölkerung in ihrer großen Mehrheit am passiven
Widerstand fest, Züge werden auf Abstellgleise verschoben, Kohle wird
kaum noch gefördert, die Stadtverwaltungen verabschieden in seltener
Einmütigkeit Protestschreiben gegen die Besatzung. Die Stimmung ist
explosiv. "Ich war im ersten Schuljahr und mein Vater, der war bei
Thyssen beschäftigt. Und zu der Zeit gab es ja nichts. Die Franzosen
hatten ja alles beschlagnahmt und wir konnten nicht an Kohle kommen",
erzählt Ernst Schütte, dessen Vater damals versuchte, mit dem
Bollerwagen heimlich Kohlen zu holen, damit die Familie nicht länger
frieren musste. Die französischen Soldaten eröffneten das Feuer. "Mein
Vater hat denn einen Schuss in die linke Schulter bekommen und die Kugel
ist dann abgesprungen ins Herz. Mein Vater war sofort tot."
Zum folgenschwersten Zwischenfall kommt es am Karsamstag 1923 bei Krupp
in Essen. Als ein Trupp französischer Soldaten einige LKW beschlagnahmen
will, blockieren Tausende von Arbeitern und Angestellten das Werkstor.
Den Demonstranten hoffnungslos unterlegen schießen die Soldaten dann
wahllos in die Menschenmenge. 13 Arbeiter werden getötet. Der Trauerzug
bei ihrer Beerdigung am 10. April 1923 ist der längste, den die Stadt
Essen je gesehen hat, im Berliner Reichstag findet eine Trauerfeier mit
Reichspräsident Friedrich Ebert statt.
Erst Gustav Stresemann als neuem Präsidenten des Deutschen Reiches
gelingt ein Ausgleich mit den Besatzungstruppen, die dann 1925 das
Ruhrgebiet wieder verlassen.
In Augenzeugeninterviews, mit Originaldokumenten und anhand
umfangreichen französischen Dokumentarfilmmaterials, das noch nie in
Deutschland zu sehen war, zeigt der Film eine vergessene Epoche der
deutschen Geschichte, die bislang immer von den Schrecken der beiden
Weltkriege überschattet war.
Film von Claus Bredenbrock
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